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Der Kanarienvogel im Bergwerk - Interview mit Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter

Seit 2018 arbeitet Michael Blume als Antisemitismusbeauftragter der baden-württembergischen Landesregierung. Im Gespräch mit Dorothee Schöpfer spricht der engagierte Christ und promovierte Religionswissenschaftler darüber, wie neue Medien alten Hass befeuern.

Michael Blume vor der Villa Reitzenstein. Der repräsentative Teil des Staatsministeriums.
(Foto: Julian Rettig)

Herr Blume, die Erfüllung Ihres Amtes als Antisemitismusbeauftragter wäre vermutlich die Selbstabschaffung. Davon sind Sie weit entfernt, oder?

Michael Blume: Ich habe lange angenommen, dass Antisemitismus ein Thema der Geschichte ist. Aber der Hass, von dem wir geglaubt haben, er sei für immer verschwunden, kocht durch das Internet wieder hoch. Und ich fürchte, er wird in den nächsten Jahren erst einmal noch schlimmer.

Warum?

Michael Blume: Immer dann, wenn neue Medien aufgetreten sind – der Buchdruck, elektronische Medien wie Radio und Fernsehen und jetzt eben das Internet und die sozialen Medien – gab es neben vielen positiven Effekten auch ein Anwachsen von Antisemitismus und Rassismus. Neue Medien wälzen immer die Gesellschaft um, das wird als bedrohlich empfunden. Zeit-gleich mit dem Buchdruck entwickelte sich auch die Hexenverfolgung. Neue Medien verunsichern, Menschen fühlen sich überfordert, einige suchen dann nach Schuldigen, es schlägt die Stunde der Populisten. Sie sind immer stark, die neuen Medien zu nutzen und Emotionen der Menschen aufzupeitschen. Die Verrohung und der Hass, der im Internet angefacht wird, ist spürbar. Der Antisemitismus ist dabei ein Alarmzeichen, wie der Kanarienvogel im Bergwerk. Wenn er zunimmt, muss die ganze Gesellschaft aufpassen.

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Antisemitische Straftaten haben in Baden-Württemberg um 40 Prozent zugenommen zwischen 2017 und 2018. Hat das auch mit den Geflüchteten aus Ländern zu tun, in denen der Antisemitismus Staatsräson ist?

Michael Blume: Wir haben einen starken Antisemitismus unter Zuwanderern der arabischen Welt, das ist richtig. Im Irak habe ich ihn als Mehrheitsmeinung erlebt: Da hieß es, der Islamische Staat sei eine Verschwörung des israelischen Geheimdienstes gewesen. In Polen gibt es jedoch einen ebenso starken Anstieg von antisemitischen Übergriffen wie bei uns, dort gibt es aber überhaupt keine Zuwanderung aus arabischen Ländern. Arabischer und osteuropäischer Antisemitismus sind Themen, denen wir uns stellen müssen. Aber wir können den Hass nicht dorthin abschieben. Er ist in der deutschen Bevölkerung nie ganz verschwunden und kehrt jetzt wieder. Wie tief er in unserer Alltagswelt verankert ist, lässt sich auch an unserer Buchstabiertabelle festmachen. Dort hieß es einmal N wie Nathan und S wie Samuel bis die Nazis daraus Nordpol und Siegfried gemacht haben. Die Spuren der Nazis reichen bis in unseren Alltagswortschatz.

Wäre eine Änderung der Buchstabiertabelle tatsächlich ein Mittel gegen Antisemitismus? 

Michael Blume: Natürlich. Die Frage ist doch: Wie möblieren wir unseren Geist? Mit welchen Begriffen und Erzählungen denken, glauben und träumen wir? Mit welchem Bewusstsein sehe ich die Welt?

Wie sieht Ihre Arbeit als Antisemitismusbeauftragter konkret aus?

Michael Blume: Ich gehe das Thema breit an. In meinem Bericht für den Landtag gibt es Handlungsempfehlungen für alle Politikbereiche, sie reichen von Bildung über innere Sicherheit bis zur Integration. Ich gehe jedem Vorfall nach, den wir gemeldet bekommen und bin viel unterwegs: Im ersten Amtsjahr habe ich 160 Veranstaltungen gemacht, bei denen ich Menschen informiere und mit ihnen diskutiere, dazu kommen viele nicht-öffentliche Gespräche mit Abgeordneten und Bürgermeistern. Ich versuche eine breite Allianz hinzubekommen, auch mit den Kirchen, dass wir uns jetzt an die Seite des jüdischen Lebens stellen. Wir sind sehr spät dran, aber noch nicht zu spät. Der Antisemitismus wird weiter eskalieren. Aber wenn wir jetzt tätig werden, können wir das Schlimmste verhindern.

In die digitalen Echokammern des Internets können Sie aber nicht einwirken?

Michael Blume: Wir müssen dringend die lokalen und auch kirchlichen Medien stabilisieren, das fordere ich auch in meinem Bericht. Wenn sich Menschen nur noch über das Internet informieren, fühlen sie sich ohnmächtig: über die eigene Stadt steht dort wenig, dafür viel über internationale Politik mit ihren Kriegen und Konflikten, die sie nicht beeinflussen können. Das stärkt das Gefühl: Die da oben machen Politik und ich bin hilflos. Populisten profitieren von dieser Stimmung. Deshalb mein dringender Apell: Wenn wir das Mediensystem kaputt gehen lassen, bricht die demokratische Gesellschaft zusammen.

Antisemitismus braucht gar keine Juden, schreiben Sie in Ihrem jüngsten Buch.

Michael Blume: Der Antisemitismus ist weltweit auf dem Vormarsch – es gibt ihn sogar in Südkorea, wo es niemals jüdische Gemeinden gegeben hat. Wenn ich glauben will, dass hinter einer Weltverschwörung Juden stecken, dann erfinde ich diese eben: Reichsbürger behaupten, Angela Merkel wäre eine Jüdin. Das Bedürfnis an eine böse Macht zu glauben und diese mit den Juden zu identifizieren, ist unabhängig davon, ob es überhaupt jüdische Gemeinden gibt und wie sie sich verhalten.

Solchen Verschwörungstheorien kann man nicht mit Fakten begegnen. Wie denn dann?

Michael Blume: Es sind noch nicht einmal Verschwörungstheorien, sondern Verschwörungsmythen. Theorien könnte man prüfen und widerlegen. Antisemiten bauen sich ein Weltbild auf, das um die Weltherrschaft des Bösen kreist. Antisemitismus ist deshalb ein religiöses Problem, wir haben es dabei mit einer Art globaler Gegenreligion zu tun, die sagt, eigentlich regieren böse Mächte diese Welt. Das macht ihn so enorm gefährlich: Er erfüllt die Funktion einer Weltdeutung.

Was kann man dieser Weltdeutung entgegenstellen?

Michael Blume: Positive Erzählungen. Semiten sind keine Rasse, wie die Nazis das behauptet haben – Sem ist einer der Söhne von Noah. Er ist nach der jüdischen Überlieferung der erste Begründer eines Lehrhauses. Das Judentum ist die erste Bildungsbewegung. Ich versuche, den negativen Mythen mit solchen positiven Erzählungen zu begegnen. Dabei setzte ich auch auf die Kirchen, weil sie mit Mythen und Religion arbeiten. Im Stuttgarter Bibelmuseum, dem Bibliorama, erfahren die Leute über Noah und Sem Positives, dafür bin ich dankbar.

Sie selbst sind Christ und mit einer Muslimin verheiratet. Macht es Ihre Arbeit als Antisemitismusbeauftragter leichter, dass Sie zwischen allen Stühlen sitzen?

Michael Blume: Ich bin von den jüdischen Gemeinden für dieses Amt vorgeschlagen worden, weil sie sagen, „Du bist Christ, Du bist mit einer Muslimin verheiratet und Du bist Wissenschaftler. Vielleicht glauben die Leute ja Dir.“

Was erwarten Sie von der Kirche für Ihre Arbeit?

Michael Blume: Es wäre gut, wenn die Pfarrerinnen und Pfarrer und die Gemeinden die Noah-Geschichte wieder entdecken würden. Diese Geschichte des Alten Testaments steht in der jüdischen Tradition für den Bund Gottes mit der Welt: Wir sind alle Kinder Noahs. Ich bitte die Kirchengemeinden darum, das Vertrauen in die Welt, auf das sich auch Jesus bezieht, zu vermitteln. Das ist etwas sehr Kostbares. Dass wir Gott und der Welt vertrauen können, ist schon der beste Schutz gegen Antisemitismus. Das Evangelium ist eine gute Nachricht, die denen entgegen gehalten werden sollte, die verkünden, alles sei ganz schlimm und daran seien die Verschwörer schuld.

Sie schreiben, Antisemitismus schadet nicht nur den Juden, sondern auch den Antisemiten selbst. Warum?

Michael Blume: Ich nehme als Beispiel Malala, die Friedensnobelpreisträgerin, die sich für die Bildung von Mädchen eingesetzt hat. Dafür wurde sie von Terroristen angegriffen, die ihr vorwarfen, Teil der jüdischen Verschwörung zu sein. Die Antisemiten in der islamischen Welt glauben tatsächlich, dass Wissen und Bildung eine Verschwörung wäre und kämpfen dagegen an. Was diesen Regionen helfen würde, Bildung, dass auch Mädchen lesen und schreiben lernen, dass sich Gesellschaften entwickeln können, das wird von Antisemiten blockiert. Wer sich auf diese Ideologie des Hasses einlässt,greift Juden an, greift Nicht-Juden an und zerstört sich am Ende selbst.

Der Bundesbeauftragte für Antisemitismus hat vor einigen Monaten den Juden in Deutschland empfohlen, die Kippa in der Öffentlichkeit in manchen Gegenden besser nicht zu tragen. Wie stehen Sie dazu?

Michael Blume: Auch mir haben jüdische Freunde schon gesagt, sie hätten Angst mit der Kippa rauszugehen. Aber wenn wir zulassen, dass Leute in bestimmten Stadtvierteln keine Kippa tragen können, dann ist es bald nicht mehr möglich, dort ein Kopftuch zu tragen, mit einer dunklen Hautfarbe unterwegs zu sein oder ein Kreuz zu tragen. Wenn wir zulassen, dass Juden ihre Freiheit verlieren, dann verliert sie die gesamte Gesellschaft. Ich kämpfe gegen den Antisemitismus nicht nur wegen der 9000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde, sondern wegen der elf Millionen Menschen in Baden-Württemberg.

 

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