Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Kater nach dem Rausch

Beim Kreisdiakonieverband Rems-Murr-Kreis beginnt die Suchtberatung im Krankenhaus. „Hart am LimiT“-Einsätze sind für Jugendliche gedacht, die nach einer feuchtfröhlichen Nacht in der Klinik auf­wachen. Der „Liaison“-Dienst kümmert sich – ebenfalls in der Klinik – um erwachsene Patienten mit alkoholbedingten Erkrankungen.

Koma-Trinken beginnt bei jungen Menschen meist in feuchtfröhlicher Runde. (Foto: Adobe Stock)

Den 2. Mai hält sich Jan Altenau grundsätzlich frei von Terminen. Und möglichst auch den Anfang und das Ende der Schulferien. Denn da, so seine Erfahrung, kommen sie wieder, die Anrufe aus den Rems-Murr-Kliniken in Schorndorf und Winnenden. Dann sind Ärzte und Pflegekräfte am Telefon, die den Mitarbeiter der Psychosozialen Beratungsstelle des Kreisdiakonieverbandes Rems-Murr-Kreis darüber informieren, dass in der Nacht mal wieder eine Heranwachsende oder ein Heranwachsender mit einer Alkoholvergiftung eingeliefert worden ist.

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Dabei hatte für diese Patienten alles so vergnügt begonnen: Freunde treffen, Party machen, feiern. Und dann wachen sie mitunter auf der Intensivstation an Schläuchen auf. Der Kopf dröhnt, ihnen ist speiübel. Zum Kater kommt das Entsetzen. Oft auch darüber, von den Freunden in hilfloser Lage im Stich gelassen worden zu sein.

„Für eine Suchtberatung öffnet sich in diesem Schockmoment ein kurzes Zeitfenster“, erklärt Gerhard Rall, Geschäftsführer des örtlichen Kreisdiakonieverbandes. „Das gilt es für unsere HaLT-Einsätze zu nutzen, bevor der Absturz durch den Freundeskreis oder die Betroffenen selbst bagatellisiert wird.“

Auch wenn die Abläufe im modernen Krankenhausbetrieb wenig Raum für alles lassen, was außerhalb der medizinischen Routine liegt: Die Ärzte und Schwestern wissen, was in solchen Fällen zu tun ist. Sie bieten den jungen Patienten ein Gespräch mit einem Suchtberater an. „Ohne Einwilligung und Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht können wir nicht aktiv werden“, erklärt Rall.

So ein „Hart am LimiT“-Einsatz, kurz HaLT, gilt als reaktive Maßnahme, um suchtgefährdete Personen dort zu erreichen, wo sie anzutreffen sind. „Damit gehen wir weg von einer Komm-Struktur, hin zu einer Geh-Struktur“, sagt Rall. Will heißen: Die Suchtberatung wartet nicht, bis sie aufgesucht wird. Denn diesen ersten Schritt gehen die allerwenigsten, so niederschwellig das Angebot der Suchtberatung auch sein mag.

Hat der psychosoziale Dienst der Kreisdiakonie grünes Licht, begibt sich Jan Altenau oder eine geschulte Honorarkraft im Bereitschaftsdienst zu einem Gespräch in die Klinik. „Dort geht es zunächst einmal darum, den Jugendlichen kennenzulernen, ihm zuzuhören“, sagt Suchtberater Jan Altenau. So ein Dialog sei viel wichtiger als Aufklärung und Infos über die Wirkung und Gefahren von Suchtmitteln per Flyer. Der HaLT-Berater will wissen: Was ist passiert? Warum hat der junge Mensch die Kontrolle über seinen Drogenkonsum verloren? Welches Wissen und welche Einsichten benötigt er, die Lage künftig besser einschätzen zu können? Und wie geht es dem oder der Betroffenen sonst so im Leben? Wichtig zu wissen: Die Mitarbeiter der Diakonie unterliegen der Schweigepflicht. Auch wenn die Einbindung der Eltern in einem zweiten Schritt hilfreich sein kann, erfahren diese von dem Gespräch nur, wenn die Tochter oder der Sohn dies wünscht.

Wie Gerhard Rall erläutert, wurde das HaLT-Konzept als Bundesmodellprojekt von der Villa Schöpflin, Zentrum für Suchtprävention in Lörrach, entwickelt und dann von den Landkreisen modifiziert. „Im Mittelpunkt der Arbeit steht das Koma-Trinken“, sagt Rall. Das sei zwar rückläufig, aber dennoch weit verbreitet. Wurden der Kreisdiakonie Rems-Murr 2010 noch 158 Fälle gemeldet, waren es im vergangenen Jahr 97 Fälle. Von den Betroffenen in 2018 stimmten 23 einem Brückengespräch zu. „Diese Kurzintervention reicht oft aus und legt eine Erinnerungsspur“, sagt Rall. 

„Bei mehr als der Hälfte der gemeldeten Fälle sind die Betroffenen 16 oder 17 Jahre alt“, informiert Jan Altenau. „Der Alkoholmissbrauch beginnt in Geselligkeit und aus einer positiven Grundstimmung heraus.“ Dass ein Jugendlicher allein und aus Frust zur Flasche greife, komme nicht vor. Oft handelt es sich um Erstkonsum. „Gerade bei den Mädchen, die aufholen“, weiß Altenau. Meist wird nicht nur zu viel, sondern auch zu schnell getrunken. Dass die Wirkung des Alkohols verzögert einsetzt, überrascht die unerfahrenen Konsumenten oft.

Der Suchtberater sieht das Phänomen Koma-Trinken auch als Spiegel der Gesellschaft. „Alles muss immer schneller gehen: das Abitur, das Bachelor-Studium. Der Druck ist enorm. Und dann noch die Dauerbeschleunigung durch die Digitalisierung.“ Früher berauschte sich die Jugend mit Bier vergleichsweise langsam, heute spielen Spirituosen wie Wodka eine Rolle.

Derzeit verteilen sich die HaLT-Bereitschaftseinsätze an den Wochenenden auf zwei bis drei Honorar-Kräfte. „Das geht auf Dauer nicht mehr. Da haben wir also Bedarf“, sagt Rall. Die thematisch häufig vorgebildeten Kräfte, etwa Sozialpädagogen, besuchen vorab eine eintägige Schulung in Lörrach. Dort geht es um Gesprächsführung.Ergänzt werden die HaLT-Interventionen in der Klinik durch vorbeugende Maßnahmen, etwa Testkäufe in Einzelhandel und Gastronomie. „Dabei geht es nicht ums Anschwärzen, sondern darum, ein Problembewusstsein zu schaffen“, stellt Rall klar.

Ganz ähnlich wie das Angebot für die Jugend und doch ganz anders ist der Liaison-Dienst, der erwachsene Klinikpatienten im Blick hat. Gleich ist, dass die Kreisdiakonie von Seiten des Krankenhauspersonals darüber informiert wird, wenn Patienten eingeliefert werden, bei denen eine Erkrankung Rückschlüsse auf Drogenmissbrauch zulässt. „Im vergangenen Jahr kamen 95 Anfragen. Dieses Jahr sind es bereits 60“, sagt Susanne Kayser, die als Mitarbeiterin der Diakonie ihren Arbeitsplatz im Krankenhaus hat. „Auch bei den Erwachsenen ist das Fenster bei einer Einlieferung in die Klinik weit offen.“ Einem ersten Gespräch stimmen sie daher meist zu.Nur vereinzelt findet dies aber eine Fortsetzung in der regulären Sucht­beratung.

Anders als bei Jugendlichen, bei denen eine Alkoholvergiftung nicht ein zweites Mal gemeldet wird, haben erwachsene Patienten meist eine längere Suchtgeschichte vorzuweisen. „Da spielen Schuld und Scham eine große Rolle“, erklärt Kayser. Gestehen sich die Betroffenen ein Problem mit Alkohol ein, ist schon ein entscheidender Schritt getan. „Es ist wichtig, herauszuarbeiten, was gut in dem jeweiligen Leben läuft. Der Blick auf das Gelingende stärkt das oft beschädigte Selbstwertgefühl“, erklärt die Suchtberaterin. Oft findet sie mit ihren Gesprächspartnern auf diese Weise die Antwort auf die Frage: Für was lohnt es sich, die Sucht zu beenden?

Ob Professor oder Hilfsarbeiter – Susanne Kayser weiß, dass Sucht quer durch die Gesellschaft geht. Oder wie es Gerhard Rall formuliert: „Aus ganz normalen Familien kommen ganz normale Süchtige.“ Was gesellschaftlich getan werden müsste? Zu einem Bewusstseinswandel gehören nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch die Bereitschaft, eingespieltes Verhalten zu verändern. „Nach meinen Vorträgen zum Thema Sucht bekomme ich oft eine Flasche Wein geschenkt“, erzählt Jan Altenau. „Das passt für mich nicht zusammen. Die lehne ich ab.“ Auch die Kirche sei gefordert, so Gerhard Rall. „Ein alkoholfreies Abendmahl wäre ein erster Schritt.“ Denn das kleinste Schlückchen Wein kann für Suchtkranke zu viel sein.¦


Die Psychosoziale Beratungsstelle ist unter der Telefonnummer 07151-95919112 erreichbar: Montags bis ­donnerstags von 8.30 bis 15.30 Uhr, freitags von 8.30 bis 15 Uhr.

 

 

 

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