Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Kinder religiöse Kleider

Es ist schon länger eine Streitfrage: das Kopftuch als religiöses Symbol. Doch nun wird auch die Schule von diesem Konflikt erfasst. In Nordrhein-Westfalen (NRW) soll es ein Verbot für Mädchen unter 14 Jahren geben, Kopftuch zu tragen. Doch was ist für die Entwicklung junger Menschen notwendig? Auf welche Weise lernen sie einen mündigen Umgang mit Symbolen? 

Stein des Anstoßes: das Kopftuch. Jetzt wird darüber diskutiert, ob Mädchen unter 14 Jahren es in der Schule tragen dürfen. (Foto: epd-bild)
 
Kinder dürften nicht dazu gedrängt werden, aus religiösen Gründen ein Kopftuch zu tragen, erklärt NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP). Jede erwachsene Frau solle selbstbestimmt entscheiden, ob sie Kopftuch trägt oder nicht. Diese Selbstbestimmung sei bei Kindern jedoch noch nicht vorhanden. „Daher sollten wir prüfen, das Tragen des Kopftuchs bis zur Religionsmündigkeit, also dem 14. Lebensjahr, zu untersagen.“ Auch NRW-Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU) – selbst ein Kind türkischer Einwanderer – erklärt, sie setze sich dafür ein, „dass wir ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren prüfen“. Mädchen sollten, wenn sie religionsmündig sind, frei darüber entscheiden können, ob sie ein Kopftuch tragen möchten oder nicht.


Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

„Das Phänomen, dass junge Mädchen Kopftuch tragen, wird immer sichtbarer“, erklärte die Staatssekretärin. Lehrer beobachteten an den Grundschulen immer häufiger, dass schon siebenjährige Schülerinnen mit Kopftuch in den Unterricht kommen. „Ich habe nichts gegen Kopftücher“, unterstrich Güler. „Meine Mutter trägt selbst eins, aber sie hat sich als erwachsene Frau dafür entschieden.“

Widerstand gegen die Pläne kommt vom Islamrat, der mit scharfer Kritik reagierte und die Debatte „populistisch, symbolgeladen und inhaltsleer“ nannte. Die Vorstellung, muslimischen Mädchen werde das Kopftuch­tragen aufgezwungen, sei überholt und widerspreche der verbreiteten Lebensrealität von Muslimen in Deutschland, erklärte der Vorsitzende Burhan Kesici. Die Behauptung möge „in einigen wenigen Fällen“ vielleicht zutreffen. Wegen einer vermuteten Minderheit nun bei allen jungen Musliminnen die grundgesetzlich geschützte Religionsfreiheit einzuschränken, sei jedoch „unverhältnismäßig und verfassungswidrig“.

Begrüßt werden die Überlegungen zu einem Verbot von Lehrerverbänden und liberalen Muslimen. Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, sagte, es dürfe in einer Demokratie keine Unterordnung des einen Geschlechts unter das andere geben. „Ein Kopftuch kann aber als Symbol dafür verstanden werden und hat deshalb im Unterricht nichts zu suchen“, sagte sie der Bild-Zeitung.

Die Rechtsanwältin Seyran Ates, Mitgründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, bezeichnete eine solche Regelung als „längst überfällig“. Der Islamismus-Experte Ahmad Mansour sagte: „Wir brauchen ein Verbot, um Kindern zu ermöglichen, ideologiefrei aufzuwachsen ohne Geschlechtertrennung und Sexualisierung.“

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, meint, ein Kopftuchverbot würde dazu beitragen, Diskriminierung und Mobbing aus religiösen Gründen zumindest tendenziell den Boden zu entziehen. Er forderte, eine „bewusste Demonstration religiöser Symbole bei religionsunmündigen Kindern“ zu unterlassen.

Doch was ist die bewusste Demonstration religiöser Symbole? Gehört dazu auch ein christliches Kreuz? Integrationsstaatssekretärin Serap Güler weist Vergleiche zwischen dem Tragen eines Kopftuchs bei muslimischen Mädchen und dem Tragen von Kreuzketten bei Christinnen eindeutig zurück. „Im Gegensatz zu der Kette mit Kreuz ist es für die muslimischen Mädchen nicht so einfach, das Kopftuch wieder abzulegen“, lautet ihre Argumentation.

Andere Bundesländer sehen den Vorstoß in NRW skeptisch. Der thüringische Bildungsminister Helmut Holter (Linke) lehnt ein Kopftuchverbot ab. „Alle Kinder sollen sich zu freien und selbstbestimmten Individuen entwickeln können“, sagt er. Der derzeitige Vorsitzende der Kultusministerkonferenz sprach sich dafür aus, stattdessen die Demokratiebildung in den Schulen stärken.

Auch Sachsen sieht keine Notwendigkeit, Kindern das Tragen des islamischen Kopftuchs oder anderer religiöser Symbole zu verbieten. „Grundsätzlich ist und bleibt es jedem Menschen freigestellt, religiöse Symbole wie Kopftücher, Kreuze oder Davidsterne zu nutzen“, sagte die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). Es müsse sich jedoch „um eine autonome und freiwillige Entscheidung handeln“.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), betrachtet ein mögliches Kopftuchverbot kritisch. Zum einen ergäben sich schwierige verfassungsrechtliche Abwägungsfragen, zum anderen würde das mit den kopftuchtragenden Mädchen verbundene Problem mit einem Verbot nicht gelöst, sagte Widmann-Mauz. „Wir müssen die Eltern erreichen und die Mädchen stark machen, eine selbstbestimmte Entscheidung zu treffen“, erläuterte die CDU-Politikerin.

„Gleichzeitig dürfen Frauen, die sich aus freien Stücken für ein Kopftuch entscheiden, keine Benachteiligungen erfahren“, sagte Widmann-Mauz: „Für alle muss gelten: Du bist ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft, eine tolle Krankenschwester zum Beispiel, eine tolle Ingenieurin, mit oder ohne Kopftuch.“

Kann das Kopftuch überhaupt isoliert betrachtet werden oder zieht ein Verbot Einschränkungen für andere religiöse Jungen und Mädchen nach sich, fragt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Denn eine „Spezialgesetzgebung“ sei verfassungsrechtlich problematisch, erklärte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders. Christen, Muslime und Juden hätten Recht auf Ausübung ihrer Religion. „Ein Kopftuchverbot an Schulen würde in letzter Konsequenz auch das Verbot für das Tragen anderer religiöser Symbole wie eines Kruzifix oder einer Kippa zur Folge haben“, warnt sie.

Der Berliner Integrationsbeauftragte Andreas Germershausen hält ein Kopftuchverbot für nur scheinbar neutral: „Richtet es sich doch ausschließlich gegen Mädchen und Frauen.“ Er beobachte, dass Kopftuchverbote den Übergang muslimischer Frauen in das alltägliche Leben erschweren: „Es nötigt Frauen, die ein Kopftuch tragen, in abgegrenzte Felder, in denen das Kopftuch üblich ist und verhindert so eher die Entwicklung eines gleichberechtigten Zusammenlebens als dass es Integration fördern könnte.“ Zudem bezweifelt der Integrationsbeauftragte, dass ein Kopftuchverbot mit der Religionsfreiheit und mit dem Erziehungsrecht der Eltern in Einklang steht.

Erziehungsrecht, Religionsrecht, Mündigkeit, Integration: Viele Problemfelder vermischen sich und spitzen sich in der Kopftuchfrage zu. Während die einen dabei auf Freiwilligkeit pochen, stellen andere fest, dass gerade das Kopftuch nicht freiwillig getragen werde. Nach Ansicht des Islamwissenschaftlers Mouhanad Khorchide zum Beispiel trägt kaum ein muslimisches Mädchen unter 14 Jahren aus eigener Motivation ein Kopftuch. „In den meisten Fällen beeinflusst der Vater das Mädchen subtil dazu, Kopftuch zu tragen“, sagt der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster. „Wir befinden uns in einer grauen Zone, in der weder von Freiwilligkeit noch von Unfreiwilligkeit gesprochen werden kann.“ Er hält ein Verbot für eine große Hilfe für diejenigen muslimischen Mädchen, die sich nur schwer gegen ihre Väter durchsetzen könnten. So könnten sich die unter 14-jährigen Schülerinnen auf ein Gesetz berufen.

In den vergangenen zwölf Jahren haben sich nach Angaben Khorchides mehrere Schulleiter hilfesuchend an ihn gewandt. Die Rektoren hätten geschildert, dass die jungen Schülerinnen spontan zwar sagten, dass sie das Kopftuch freiwillig tragen. In Abwesenheit der Eltern jedoch gäben sie zu, dass ihr Vater ihnen „böse“ sei, wenn sie das Kopftuch ablehnten.

„Mädchen zwischen sechs und zehn Jahren haben nicht die Macht, ihren Eltern zu widersprechen“, sagt der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak. Eine selbstbestimmte Entscheidung hält Toprak erst ab Beginn der Pubertät mit etwa elf Jahren für möglich. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein siebenjähriges Mädchen aus eigenem Antrieb Kopftuch trägt“, sagte Toprak, der in der Türkei geboren wurde.

Mädchen, die in dem Alter unbedingt Kopftuch tragen wollten, ahmten die Mutter oder Schwester nach. Das sei aber ein falscher Beweggrund, erläuterte Toprak. Psychologische Folgen für Mädchen, die ein Kopftuch tragen wollen, dies aufgrund eines Verbotes aber nicht dürfen, sieht er nicht. Grundschulkinder seien an Regeln und Verbote gewöhnt. Nach seiner Einschätzung könnten die Mädchen auch ein Kopftuchverbot nachvollziehen.

Doch nicht alle Schulverbände begrüßen ein Verbot. „Für den Grundschulverband besteht an dieser Stelle keinerlei Handlungsbedarf“, sagte die Landesvorsitzende des Fachverbandes, Christiane Mika. An ihrer Schule beispielsweise seien von 345 Schülern 280 Muslime, davon trügen lediglich sechs Mädchen Kopftuch, sagte Mika, die eine Dortmunder Grundschule leitet. Skeptisch äußern sich auch die Gesamtschulleiter. „Auch wenn die Anzahl der Kinder mit Kopftuch an den Gesamtschulen zugenommen hat, ist das derzeit kein relevantes Phänomen“, sagt Mario Vallana, Landessprecher der Schulleitungsvereinigung der Gesamtschulen.

Auch Juristen und Politiker zweifeln die Rechtmäßigkeit eines Verbots an und forderten stattdessen mehr pädagogische Aufklärung. Der Verfassungsrechtler Hans Michael Heinig mahnte Zurückhaltung bei staatlichen Eingriffen in die religiöse Kindererziehung an. „Solange das Kindeswohl nicht gefährdet ist, ist auch die familiäre Weitergabe religiöser Sonderbarkeiten freiheitsrechtlich geschützt“, sagt der Göttinger Professor für Öffentliches Recht.

mit Material von epd


Entscheidend ist, was im Kopf ist, nicht auf ihm
Kommentar von Alexander Schweda

Ein Kopftuchverbot in der Schule  für Mädchen unter 14 Jahren: Was soll ich davon halten? Erstmal nichts. Ich frage zurück: Wer maßt sich hier an, in der Entwicklung von Menschen welches Ziel erreichen zu wollen? Ich finde: Erwachsene sollten soweit in einer Gesellschaft und demokratischen Ordnung verwurzelt sein, dass sie in bestimmten Fällen bereit sind, auch ihr Kopftuch abzulegen. Im Gerichtssaal zum Beispiel oder als Lehrerin einer öffentlichen Schule. Warum nicht? Aber was soll das Verbot bei Kindern bewirken?

Zu Recht heißt es, dass sie unter 14 Jahren noch nicht voll entscheidungsfähig sind und nicht religionsmündig. Aber können sie deshalb neutral bleiben? Ihre Eltern leben ihre Religion vor. Die Kinder ahmen sie nach. Das ist ganz normal. Sie werden sich im Laufe ihres Lebens damit auseinander setzen. Mehr oder weniger. So wie Christen und Juden und Hindus und Buddhisten das auch tun. Oder auch Atheisten. Was will ein Staat bewirken, der Kindern verbietet, das auszuprobieren und anzunehmen, was die Eltern ihnen anbieten?

Entscheidend ist nicht, was auf dem Kopf ist, sondern im Kopf. Die Schule darf demokratische Werte, Wissen über Gesellschaft, Religion und Wissenschaft – auch Islamkritisches – vermitteln. Sie muss ihren Schülerinnen dabei keine Kleidervorschriften machen.

Sollten Kinder misshandelt und geschlagen werden, damit sie das Kopftuch aufsetzen und tragen, muss der Staat einschreiten. Dann geht es um das Kindeswohl. Ob ein Kopftuch allein das Kindeswohl beeinträchtigt? Dass das Ablegen des Kopftuches in späteren Jahren vielleicht eine schwere Entscheidung sein kann, ist außer Frage. Aber genau so schwer machen es sich Christen, die aus der Kirche austreten, in die sie ihre Eltern hineingetauft haben. Mit einem Kreuz am Halskettchen lässt sich diese Entscheidung nicht vergleichen.

Wir sollten uns davor hüten, den Konflikt um das Kopftuch per Verbot aus der Schule zu drängen. Dann wird der Streit eben in der Familie der Mädchen fortgesetzt, die dann zwischen zwei Fronten stehen: der Schule und ihren Eltern. Kinder sind in der Regel toleranter als Erwachsene. Sie befragen ihre Klassenkameradin, die Kopftuch trägt, meist ganz unvoreingenommen nach ihrer Religion. Und das ist viel mehr wert als ein Verbot.