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Der Klotz am Bein

ALTENSTEIG (Dekanat Nagold) – Es war vor 40 Jahren die richtige Entscheidung, ein Gemeindehaus zu bauen. Heute will die Kirchengemeinde das Haus wieder verkaufen und ist auch diesmal davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung ist. 


Zweckbau vor Altstadtkulisse: Altensteigs evangelisches Gemeindehaus soll verkauft werden. (Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

Das Herz sagt nein, der Verstand ja und der Verstand hat bei den meisten Gemeindemitgliedern gesiegt. Der Pfarrer und der Kirchengemeinderat haben sich entschieden, das Gemeindehaus in Altensteig zu verkaufen und wissen dabei ihre Kirchengemeinde hinter sich. Die Entscheidung zum Verkauf hat man sich nicht leicht gemacht.

Schon seit zehn Jahren steht es immer wieder zur Diskussion. Nun wurde eine Kirchen-Mitgliederversammlung einberufen, aus der das klare Signal hervorging: Verkaufen! Erst nach dieser Veranstaltung fällte der Rat offiziell seine Entscheidung.

„Im Vorfeld haben wir uns natürlich Gedanken gemacht, wie man dieses Gemeindehaus weiterhin nutzten könnte, beispielsweise mit einem eigenen Angebot an altengerechten Wohnungen oder der Einrichtung einer Tagespflege“, erzählt Joachim Schmid, zweiter Vorsitzender des Kirchengemeinderates. Doch die nötigen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen hätte man nie mehr wieder reinholen können.

Ausschlaggebend für die Entscheidung zum Verkauf des Gemeindehauses waren, wie Kirchenpflegerin Andrea Traub sagt, zum einen die Investitions- und Unterhaltungskosten von mehr als einer Million Euro. Allein für die energetischen Maßnahmen hätten 850.000 Euro in die Hand genommen werden müssen, die Sanierung des Saalstocks kostet rund 200.000 Euro, um die neuen Brandschutzbestimmungen baulich umzusetzen, hätten 70.000 Euro aufgebracht werden müssen. „Schon die laufenden Kosten können wir aus eigener Kraft nicht aufbringen“, stellt die Kirchenpflegerin klar. „Wir dürfen uns als Kirchengemeinde nicht zum Sklaven des Gemeindehauses machen“, sagt der langjährige Kirchengemeinderat Schmid.

Es ist kein altes, kein historisches Gebäude, das da mitten im Stadtzentrum von Altensteig liegt, aber die meisten Menschen, die für das Gemeindehaus gespendet und mitgeholfen haben, es zu bauen, die bei Planung und Einweihung dabei waren, leben heute noch. Es gibt also eine ganz enge und unmittelbare Beziehung zu dem immer noch sehr modern aussehenden Gebäude. Wer es nicht weiß, glaubt ein Bank- oder Geschäftshaus vor sich zu haben. Lediglich ein schlichter Schriftzug „Evangelisches Gemeindehaus“ zeigt: Dieses Gebäude gehört der Kirche.

Noch gehört es ihr, doch wie Pfarrer Klaus-Peter Lüdke erklärt, werden derzeit alle Fühler nach möglichen Käufern ausgestreckt. Kein leichtes Unterfangen. Wäre Altensteig größer, würden sich die Käufer wohl gegenseitig überbieten, denn das Gebäude liegt mitten im Zentrum, ist zu Fuß bestens erreichbar, das Parkhaus nicht weit davon entfernt. Mit 5000 Kubikmetern umbautem Raum und einer Nutzfläche von 1100 Quadratmetern ideal für ein kleines Einkaufszentrum. Aber Altensteig ist keine große Stadt, und so rennen die Investoren der evangelischen Kirche auch nicht die Türen ein.

Vor 40 Jahren platzte die evangelische Kirchengemeinde in Altensteig aus allen Nähten. Das alte Gemeindehaus war viel zu klein für die über 3000 Gemeindemitglieder, die in zahlreichen Gebetskreisen, Gruppen und Chören zusammenkamen. Heute sind es nur noch 2200 Mitglieder und viel weniger als vor 40 Jahren wirken aktiv in den Gruppen mit. Damals war Geld für einen Bau da, und vor allen Dingen konnte man groß bauen, die Heizung mit Öl konnte man als Kostenfaktor völlig unbeachtet lassen.

Das Gemeindehaus war einst gut gefüllt. Es wurde für alle kulturellen Veranstaltungen und für schulische Ereignisse genutzt. Die 50-Prozent-Hausmeisterstelle musste sogar auf 100 Prozent aufgestockt werden. Heute sind die Räume überdimensioniert. Damals hatte man das Gemeindehaus im Einvernehmen, mit Zuschuss und Mietbeteiligung der Stadt gebaut, denn auch die Stadt brauchte Räumlichkeiten. Die Verwaltung war im Rathaus beengt und mietete für ihr Verkehrsamt gleich den unteren Stock im Gemeindehaus an. Doch mit den Jahren entschied die Stadt Altensteig, ein neues Rathaus zu bauen. Somit brauchte man die Räumlichkeiten im evangelischen Gemeindehaus nicht mehr.

Nun ist es umgekehrt. Die Stadt stellt, im Einvernehmen mit der Kirchengemeinde, jetzt ihrerseits ihre Räumlichkeiten zur Verfügung. Somit kann die Kirche den Saal im Rathaus benutzen, die Gebetskreise und Gruppierungen sind bei der Volksmission, den Methodisten und der katholischen Kirche untergebracht. Und dann gibt es da noch das Gebäude direkt neben der evangelischen Kirche. Aus strategischen Gründen hat man es gekauft. Ein Gebäude so dicht neben der eigenen Kirche, da war es, so Pfarrer Lüdke überzeugt, wieder die richtige Entscheidung zu sagen: „Ja, wir kaufen es.“ Auch in diesem Gebäude finden Gruppen Platz.

Mit dem Erlös aus dem Gemeinde-hausverkauf kann dieses alte Gebäude auch renoviert werden und vielleicht – über diese Entscheidung wird noch eifrig diskutiert – kann neben der Kirche auch ein kleiner Anbau verwirklicht werden.

Das Gemeindehaus als Klotz am Bein der Gemeinde: Pfarrer Lüdke jedenfalls hofft, dass man sich nach seinem Verkauf wieder ganz den eigentlichen Aufgaben der Kirche, nämlich den Menschen, widmen kann.