Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Kriegsdienstverweigerer - Martin von Tours

Wenn bald wieder Kinder mit Laternen durch die Straßen ziehen, dann singen sie das Lied vom mantelteilenden Martin. Der spätere Bischof von Tours war aber mehr als ein mildtätiger Mann: Er hat sich mit den Mächtigen angelegt und provoziert.

Martinsgans. Foto: Ulrike Leone, pixabayMartinsgans. Foto: Ulrike Leone, pixabay

Im Grunde war es eine völlig unvernünftige Idee, die dem römischen Gardeoffizier Martin seinen Platz im Herzen des Legenden liebenden Volkes sichern sollte. Denn wem war mit dieser Geste schon gedient, damals am Stadttor von Amiens, als Martin angesichts des vor Kälte bibbernden Bettlers ein schlechtes Gewissen bekam und seinen Reitermantel kurzentschlossen in zwei Hälften zersäbelte?

Eine hübsche Bühnenszene ohne rechten Sinn. Denn jetzt froren beide: der Bettler etwas weniger und der Offizier etwas mehr. Wirklich geändert hatte sich nichts. Der Bettler blieb ein elender Habenichts, während sich sein Wohltäter morgen in Amiens einen neuen Mantel kaufen konnte und in dem Hochgefühl davonritt, ein edler Mensch zu sein.

Dort am Stadttor trafen keine Märchenfiguren aufeinander, kein um Hilfe flehender Bettelmann und kein engelgleicher Held, sondern der Repräsentant einer menschenverachtenden Besatzungsmacht und ein Angehöriger des Lumpenproletariats, das sie produzierte.

Bettler, Armut. Myriams-Fotos, pixabayFoto: Myriams-Fotos, pixabay

Martins Verzicht auf seinen halben Mantel hat an der gesellschaftlichen Wirklichkeit nichts geändert. Skepsis ist angesagt gegenüber einer sentimentalen Aufwallung, die vom hohen Ross herab Wohltaten spendet; wenn der arme Kerl wenigstens ein komplettes Kleidungsstück bekommen hätte!

Das alles ist richtig – und sehr unfair dem weichherzigen Besatzer gegenüber. Wer will von einem Römer des vierten Jahrhunderts sozialrevolutionäre Ideen erwarten? Auf den Ge-danken, dass eine vorgefundene gesellschaftliche Ordnung veränderbar sein könnte, kamen die Menschen frühestens mit den Bauernaufständen 1200 Jahre später. Und wäre die Kritik an Martins spontan-hilfloser Aktion nicht ziemlich selbstherrlich? Für Martin scheint es ein „Aha-Erlebnis“ gewesen zu sein.

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Denn Mensch sein und um den gemeinsamen Schöpfer wissen, heißt teilen. Auge in Auge mit der Elendsgestalt, die niemals eine Chance gehabt hatte, begriff Martin vielleicht zum ersten Mal, dass Christsein riskant ist und Liebe weh tun muss.

Nach den wenigen Quellen, die über sein Leben Auskunft geben, war Martin erst auf dem Weg zum Glauben, als die Geschichte mit dem Mantel passierte. Katechumene soll er gewesen sein, Glaubensschüler also, noch nicht getauft. Vermutlich kam er aus Neugier in Berührung mit dem Christentum, das noch vor einem Menschenalter blutig verfolgt und erst kürzlich zur Staatsreligion geworden war. Das Interesse für das neumodische Bekenntnis brachte den im ungarischen Militärstützpunkt Sabaria geborenen und im norditalienischen Pavia aufgewachsenen Jungen zwangsläufig in Konflikt mit seinen Eltern.

Der Vater, römischer Militärtribun, hatte seinen Sprössling nicht deshalb nach dem Kriegsgott Mars genannt, um ihn jetzt an eine merkwürdige Sekte zu verlieren, die von Liebe zu allen Menschen schwärmte und Kriegsdienstverweigerung propagierte! Aus Martin sollte schließlich etwas werden. Es wird erzählt, der Vater habe ihn angekettet und gewaltsam zum Fahneneid gezwungen.

Jedenfalls war Martin nicht aus freiem Entschluss in der Armee. Und wenn sein Biograph Sulpicius Severus – ein später von Martin bekehrter Jurist – die Wahrheit sagt, entsprach er auch herzlich wenig dem Idealbild eines römischen Soldaten. Martin fand keinen Spaß an Raufereien und verunsicherte seine Umgebung, indem er mit seinem Stallburschen die Rollen tauschte, ihm die Stiefel putzte und ihn beim Essen bediente.

Anders als die meisten seiner Glaubensbrüder verließ er nach der Taufe nicht sofort die Armee. Erst als der von griechischer Philosophie geprägte, den Christen gegenüber skeptische Kaiser Julian 361 die Macht übernahm, bat er um seinen Abschied: „Bis heute habe ich dir gedient; erlaube mir, dass ich jetzt Gott diene. Ich bin Soldat Christi. Es ist mir nicht erlaubt, zu kämpfen!“ Die Christen haben Martins Nein zum Militärdienst bald vergessen und mit ihm die pazifistische Tradition der frühen Kirche.

Martins nächste Jahre liegen im Dunkel. Er soll in seine ungarische Heimat zurückgekehrt sein und dort Schwierigkeiten mit den Arianern bekommen haben, die Christus als bloßen Menschen betrachteten. Plötzlich finden wir ihn als Eremiten wieder, fern von all diesen Leuten, die keinen Frieden halten können und sich immer wieder entzweien müssen.

Doch mit dem Rückzug in die Einsamkeit verbindet sich eine merkwürdige Unruhe. Hintereinander gründet er drei Einsiedeleien: in Mailand, auf der Isola d’Albenga an der italienischen Riviera und im französischen Ligugé. Wer weiß heute schon, dass mit Martin das abendländische Mönchtum begann?

Der spartanisch lebende Ex-Offizier gewann die Herzen der kleinen Leute. Mit einem Trick machten sie den Widerstrebenden 371 zum Bischof von Tours: Man rief ihn zu einer schwerkranken Frau – und ließ ihn dann nicht mehr in seine Mönchszelle zurück. Martin fügte sich. Vielleicht auch, um die vornehmen Nachbarbischöfe zu ärgern, die den abgerissenen Asketen nicht als ihresgleichen akzeptieren wollten.

Ihre Weigerung, an der Bischofsweihe teilzunehmen, begründeten sie laut Sulpicius Severus wie folgt: „Sie sagten, Martinus sei eine verachtenswerte Figur, unwürdig des bischöflichen Amtes, ein Mensch von so unansehnlichem Äußeren mit so armseligen Kleidern und ungepflegtem Haar. Das Volk indes bekundete gesünderen Sinn und lachte über ihre Torheit.“

Der Bischof Martin behielt seinen einfachen Lebensstil bei, vertauschte das noble Bischofshaus mit einer Holzhütte vor der Stadt und den Thron in der Kirche mit einem Holzschemel. Geduldig, mit aufmerksamer Zuwendung warb er um die dem Christentum oft noch sehr misstrauisch gegenüberstehenden Menschen. Und sorgte für die Armen. Martin hatte nun wohl endgültig begriffen, dass Gott nicht in Luxus und Herrlichkeit erfahrbar wird, sondern das Gesicht des Elends trägt.

Winter, Sonne, Nebel Foto: Dirk Evisko Mattner, pixabay

„Martinssommer“ nennen sie in England einen goldenen Spätherbst; denn als der Offizier damals in seinem halbierten Mantel gefroren habe, sei die Sonne durch den Nebel gestoßen und habe ihn gewärmt. Noch schöner als diese Legende klingt das Zeugnis des Sulpicius Severus: „Niemanden hat er gerichtet, niemanden verdammt.“ Tatsächlich zeigte der Bischof, der abergläubischen Bräuchen und unwürdigen Klerikern durchaus mit Härte begegnen konnte, in der Auseinandersetzung mit Glaubensabweichlern eine unübliche Milde.

Ungepflegt und unansehnlich

Als seine Bischofskollegen die Anhänger des spanischen Asketen Priscillian unbarmherzig zu verfolgen begannen und – zum ersten Mal in der Geschichte – von der Staatsmacht Todesurteile gegen Mitchristen forderten, legte sich Martin quer. Er hielt die Verfolgten ebenfalls für Ketzer, versprach sich aber mehr von geduldiger Überzeugungsarbeit als vom Henkersschwert.

Vor allem kannte er sehr genau die wahren Beweggründe ihrer Ankläger – und die des Kaisers –, die ihre Macht festigen und sich am Besitz der Verurteilten bereichern wollten. Gemeinsam mit dem Mailänder Ambrosius kündigte Martin den Bischöfen die Gottesdienstgemeinschaft auf – obwohl er damit selbst unter Ketzereiverdacht geriet.

16 Jahre später, gerade hatte er in einer heillos zerstrittenen Pfarrei Frieden gestiftet, starb Martin einen armen Tod: unter einem Büßerhemd auf einem Lager aus Asche liegend. Am 11. November 397 wurde er in Tours beigesetzt. Eine offizielle Heiligsprechung war nicht nötig. Das ganze Mittelalter hindurch strömten die Menschen zu seinem Grab, als ob es das Tor zum himmlischen Jerusalem wäre.

Bald setzte freilich auch der politische Missbrauch des armen Friedensbischofs ein. Der Franke Chlodwig eroberte an der Wende zum sechsten Jahrhundert Gallien und zog mit einem schlauen Schachzug die beliebten Mönche auf seine Seite, indem er sich taufen ließ und den noch beliebteren Martin zum Schutzpatron seines Königshauses erklärte.

Den legendären Mantel des toten Kriegsdienstverweigerers machte er zur Reichsreliquie und führte ihn auf all seinen Eroberungszügen wie ein Maskottchen mit sich. So avancierte Martin zum „Soldatenheiligen“ und blieb es bis heute. □