Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Landtag als Gemeinde - Volker Steinbrecher, Vertreter der Landeskirchen

Volker Steinbrecher ist Vertreter der badischen und württembergischen Landeskirchen beim Landtag. Ein Lobbyist für die Kirchen? Nein, eher ein Seelsorger für Abgeordnete und die Mitarbeiter aus der Verwaltung. Darüber hinaus ist er Vermittler zwischen Kirchen und Staat und einer, der Politik ermöglicht, sie aber nicht selber macht. Auf den Wahlausgang ist er gespannt.

Volker Steinbrecher Vertreter der Landeskirchen im Landtag.Foto: Werner KuhnleVolker Steinbrecher sieht sich vor allem als Seelsorger für Landtagsabgeordnete und die Mitarbeiter in der Verwaltung. Foto: Werner Kuhnle

Der Wahlabend wird in diesem Jahr ganz anders als sonst. Normalerweise würde Volker Steinbrecher von Partei zu Partei gehen, mit den Kandidaten, Wahlgewinnern und Wahlverlierern ins Gespräch kommen. Besonders für diejenigen, die am Wahlabend erfahren, dass sie nicht mehr ins Parlament einziehen, ist das wichtig. Der Landtag von Baden-Württemberg ist ein Berufsparlament. Wer nicht gewählt wird, verliert seinen Job. Das sind die menschlichen Schicksale hinter den Zahlen.

Seelsorger für Parlamentarier - Im Gespräch bleiben

In diesem Jahr wird der Wahlabend wegen der Corona-Pandemie ganz anders aussehen als sonst. Es sind nur wenige Menschen zugelassen im großen Zelt am Landtag: Fraktionsvorsitende und einige Mitglieder der Fraktionen. Vermutlich wird Volker Steinbrecher dieses Mal gar nicht dabei sein können – bis Redaktionsschluss war das noch nicht klar.

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Im Gespräch mit Kandidaten, mit neuen und alten Abgeordneten wird er aber dennoch bleiben – per Telefon, über das Internet. Denn er sieht sich als Seelsorger für die Parlamentarier und die Mitarbeiter in der Verwaltung. Da geht es weniger um Politik, sondern um Lebensthemen, die viele andere Menschen auch betreffen. Schicksalsschläge. Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Frohe Anlässe wie die Geburt eines Kindes, Sterbefälle in der Familie. Erfreuliches und Schweres eben, wie bei allen Menschen.

Bei den Parlamentariern kommt allerdings hinzu, dass sie immer auch Teil der Öffentlichkeit sind. Das hat zur Folge, dass sie von vielen Seiten sehr hart beurteilt werden. Durch das Internet kommt Kritik schnell und meist ungefiltert an. Gerade dann ist es wichtig, einen Gesprächspartner zu haben, der zuhört und wohlwollend begleitet.

Auch deshalb sind die Predigten und Andachten, die Steinbrecher und sein katholischer Kollege im Landtag halten, „extrem unpolitisch“. Die Seelsorge steht viel stärker im Vordergrund als die aktuelle Politik. Dennoch gehört es auch zu Steinbrechers Job, Abgeordnete und die evangelischen Kirchenleitungen zu beraten. Deshalb sitzt er regelmäßig mit den beiden evangelischen Oberkirchenrats-Kollegien zusammen, berichtet dort aus dem Landtag, nimmt Anregungen auf und gibt Einschätzungen darüber ab, in welche Richtung sich welches politische Thema entwickeln könnte. Vermittelt zwischen Badenern und Württembergern. „In Baden halte ich die württembergische Flagge hoch. In Württemberg natürlich umgekehrt die badische.“ Vielleicht ist es dabei von Vorteil, dass Volker Steinbrecher nicht aus dem „Ländle“ kommt, sondern aus Schleswig-Holstein.

Zusammen mit seinem katholischen Kollegen koordiniert Steinbrecher die Stellungnahmen der vier großen Kirchen zu Themen, die sie berühren. Hat ein Gesetzesentwurf beispielsweise Auswirkungen auf die Kirchen, werden diese aufgefordert, sich dazu zu äußern. Damit der Landtag aber nicht vier verschiedene kirchliche Stellungnahmen bekommt, werden die Antworten der Kirchen abgestimmt. Auch andere Interessensverbände werden vorab um ihre Meinung gebeten, wenn ein Gesetzesvorhaben ihren Bereich betrifft.

Zwischen zwei Kirchen - Seelsorger der Parlamentarier

Vor einigen Jahren wurden die Kirchen beispielsweise nach ihrer Meinung gefragt, als die Bestattungsordnung geändert werden sollte. Es ging darum, ob die Sargpflicht aufgehoben werden kann, weil sich das die Muslime gewünscht hatten. Die Frage an die Kirchen war, ob sie damit Probleme hätten. Hatten sie nicht. So gibt es die Sargpflicht aus hygienischen Gründen jetzt nur noch bei der Überführung. Für die Bestattung selbst ist der Sarg nicht mehr zwingend.

Als Lobbyisten sieht sich Steinbrecher nicht. „Ich muss das nicht und ich darf das auch nicht“, sagt er. Sicher dürfe er kirchliche Themen an- und auch besprechen. Aber er tritt nicht in Verhandlungen mit seinem Gegenüber. Das ist dann die Sache der Kirchenleitungen. Ein Lobbyist verhandelt selbst. Steinbrecher dagegen geht es darum, eine gute Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Er setzt sich dafür ein, dass das Verständnis zwischen Kirche und Politik wächst. Er will Politik ermöglichen, nicht selbst machen.

Landtag von Baden-Württemberg. Foto: Werner KuhnleSitzung des Landtags von Baden-Württemberg. Foto: Werner Kuhnle

Immer wieder wird er von einzelnen Abgeordenten auf konkrete Auswirkungen von Politik angesprochen. Beispielsweise darauf, wie das mit Corona und Konfirmation denn gehen soll. „Man erwartet von mir, dass ich die Interessen der Kirche formuliere“, hat er beobachtet. Es ist immer eine Gratwanderung. Deshalb antwortet er häufig „seelsorgerlich-bodenständig“, sagt er. Damit hat er gute Erfahrungen gemacht.

Zu seinen Aufgaben gehört es auch, Gottesdienste und Andachten zu gestalten. Beim Jahresempfang der Kirchen und beim Sommerfest schafft er die Gelegenheit zur Begegnung. Er koordiniert Treffen der Bischöfe mit Ministern, mit dem Ministerpräsidenten, mit parlamentarischen Gruppen. Es geht dabei auch um gute Gesprächskanäle zwischen den einzelnen Gruppen.

Mittlerweile ist Steinbrecher seit zehn Jahren als Pfarrer im Landtag. Sein erster Wahlabend, den er in dieser Funktion 2011 erlebte, war etwas Besonderes: Mit Winfried Kretschmann gab es zum ersten Mal einen grünen Ministerpräsidenten im Land. Die CDU hatte ihre Mehrheit verloren, die Grünen hatten die Wahl gewonnen. „Das war eine Zäsur“, sagt Steinbrecher.

Beim nächsten Wahlabend, 2016, hatte die SPD ihren Anteil an Sitzen quasi halbiert, die AfD holte 15 Prozent. „Jetzt bin ich gespannt, wie es dieses Jahr wird“, sagt Steinbrecher. Was wäre die beste Wahl für die Kirchen? Das könne man nicht eindeutig sagen. Nur so viel: „Uns tut ein Ministerpräsident oder eine Ministerpräsidentin gut, der oder die um die Bedeutung der Kirchen für die Gesellschaft weiß.“