Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Moderne Raum geben - Kirchengebäude im Bauhausstil

Im Stile des „Neuen Bauens“ wurde in Stuttgart die Weißenhofsiedlung errichtet. Doch auch die Kreuzkirche in Stuttgart-Hedelfingen und die Brenzkirche auf dem Killesberg stehen beispielhaft für diesen Stil, obwohl das bei der Brenzkirche nicht mehr so deutlich sichtbar ist.

Die Brenzkirche in Stuttgart in ihrem Urzustand.
Foto: Julia Lutzeyer

Sparprogramme sind selten attraktiv. Und doch kann aus der Begrenzung Wegweisendes entstehen. So ist das bei zwei Stuttgarter Kirchen, die als Musterbeispiele des Neuen Bauens zu den architektonischen Schätzen der Landeskirche zählen oder zumindest zählten. Denn während die Kreuzkirche in Stuttgart-Hedelfingen seit ihrer Renovierung um 2003 wieder so aussieht wie direkt nach ihrer Eröffnung 1930, zeigt sich die drei Jahre später errichtete Brenzkirche auf dem Stuttgarter Killesberg in keinem ästhetisch ansprechenden Zustand.

Wer es nicht weiß oder die Infotafel übersieht, würde wohl achtlos an diesem so fortschrittlich gedachten Gotteshaus vorübergehen. Denn das wurde unter den Nationalsozialisten 1936 nicht nur mit einem als „germanisch“ geltenden Satteldach versehen, sondern büßte auch seine runde Ecke und einen Teil seiner Fensterflächen ein, um besser zur völkischen Ideologie der neuen Machthaber zu passen.

Sparsamkeit födert Bauhausstil im Kirchenbau

Insofern haben die Kreuzkirche und die Brenzkirche heute kaum mehr gemeinsam als die Tatsache, dass ihre während der Weimarer Republik mit dem Kirchenneubau in Stuttgart beschäftigten Architekten sich für die neuartige Konstruktionsweise und die sachliche Formgebung entschieden, um die Baukosten möglichst gering zu halten. Sowohl das für die Hedelfinger Kreuzkirche zuständige Büro Volkart und Trüdinger als auch Alfred Daiber als Architekt der Brenzkirche hatten zunächst deutlich konventionellere Bauten geplant. Beide Teams reagierten mit weiteren Entwürfen auf die Beschränkung der finanziellen Mittel und setzten nun auf die Stahlskelettbauweise, die in Deutschland bis zu diesem Zeitpunkt nur für moderne Industriebauten verwendet wurde. So sanken die Kosten, verkürzte sich durch vorgefertigte Bauteile die Bauzeit und entstanden für den Kirchenbau neue Möglichkeiten.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Kreuzkirche - im Bauhausstil erhalten

Wie an der Kreuzkirche abzulesen ist, war es durch Beton möglich, eine gerundete Stirnwand zu realisieren und große Weiten stützenfrei zu überbrücken. Nach Worten des Architekten Paul Trüdinger sollte das Äußere der Kirche „das getreue Abbild des Inneren sein, ohne Zutaten und falschen Schein“. Von außen eine monumentale Basilika aus aufragenden Baukörpern, zeigt sich der Innenraum als unverstellter Saal, in dem nicht nur Gottesdienste gefeiert werden können, sondern auch Konzerte stattfinden.

Foto: Julia Lutzeyer

 

Kreuzkirche Stuttgart, TreppenhausDas auffälligste Gestaltungsmittel im Kirchenschiff ist ein Lichtband zwischen Wand und Decke. Der Betrachter gewinnt den Eindruck eines schwebenden Plafonds. Der Altarraum mit Taufbecken und in den Saal hineinragender Kanzel ist durch flache Stufen nur leicht erhöht und bietet durch eine halbkreisförmige Bank Sitzplätze für eine kleine Feiergemeine. Ein dunkles, schlichtes Kreuz ist in ein gerundetes Holzraster eingelassen. Dahinter befand sich früher die Orgel. Ihre Prospektpfeifen sind noch zu erkennen. Wie aus einem Guss wirkt die Hedelfinger Kreuzkirche nicht zuletzt wegen ihres durchgehenden und bis ins Freie reichenden Klinkerfußboden. Und wer bei einer Besichtigung auf eine der Kirchenwächterinnen trifft, gewinnt den Eindruck, dass die Gemeinde mächtig stolz ist auf das bis in die Details ansprechende und für seine Zeit so fortschrittliche Gotteshaus.

Treppenhaus der Kreuzkirche
Foto: Julia Lutzeyer

 

 

Brenzkirche - Bauhausstil ging verloren

Ganz anders die Brenzkirche. Die hat im Lauf ihres Bestehens so viele starke Eingriffe über sich ergehen lassen müssen, dass sie ihr einst so frisches Gesicht verloren hat. Dennoch steht das Kirchengebäude wie die Kreuzkirche in Hedelfingen unter Denkmalschutz. Denn an ihr, so die Begründung aus dem Jahr 1984, sei das nationalsozialistische Vorgehen gegen das Neue Bauen abzulesen.

Foto: Julia Lutzeyer

Es mutet daher recht utopisch an, wenn auf den städtebaulichen Entwürfen zum Quartier Rote Wand, auf dem 118 Wohneinheiten entstehen sollen, plötzlich die ursprüngliche Kirche auftaucht anstelle der tatsächlich vorhandenen. Pfarrer Karl-Eugen Fischer sieht darin einen Hinweis, dass die Anliegen des im Juli 2019 gegründeten Fördervereins Brenzkirche Stuttgart durchaus realisiert werden können.

Weißenhofsiedlung, Le-Corbusier-Häuser und der Bauhausstil

„Die aktuell knapp 70 Mitglieder des Vereins wie fast alle Gemeindemitglieder wünschen eine Rückkehr zur ursprünglichen Form“, sagt Fischer. Im Zuge der Internationalen Bauausstellung 2027 und mit Blick auf die zum Unesco-Weltkulturerbe erhobenen Le-Corbusier-Häuser der nahe gelegenen Weißenhofsiedlung tun sich ganz neue Möglichkeiten und Allianzen auf. Auch die Nutzung der Brenzkirche als Atelierkirche dürfte ein Argument sein, die Landeskirche und andere Fürsprecher für das Vorhaben zu gewinnen. Zudem soll die gesamte Baugeschichte und die auf Druck der Nationalsozialisten erfolgte Umgestaltung des Gotteshauses ausführlich präsentiert werden. Vor allem aber soll die ohnehin sanierungsbedürftige Brenzkirche wieder zu einer Visitenkarte werden, die dem Geist der Gemeinde entspricht. Der Pfarrer nennt diesen: weltoffen und modern.

„Uns geht es weniger um eine Rekonstruktion des Ursprungsbaus, sondern um eine Modernisierung, die Bezug nimmt auf die 1933 im Stil des Neuen Bauens errichtete Brenzkirche“, sagt Fischer. Die vom Treppenhaus im Inneren noch zu erkennende runde Ecke wäre leicht wiederherzustellen. Das Satteldach würde zurückgebaut und die Fensterfront zur Straßenseite hin vergrößert werden, der Treppenverlauf wäre so auch von außen zu erkennen.

Einschließlich der unverrückbaren Bänke in ihrem Inneren berührt der jetzige Zustand der Brenzkirche aus Sicht des Pfarrers Karl-Eugen Fischer auch gottesdienstliche Belange. Schließlich kommuniziert Architektur stets mit ihren Betrachtern und Nutzern. „Wir wünschen uns eine Kirche, die sich zur Stadt hin öffnet und Menschen dazu einlädt, kreativ mit ihrem Glauben umzugehen.“ Diese Botschaft vermittle die eher verschlossen wirkende Brenzkirche in ihrer gegenwärtigen Gestalt tatsächlich nicht.

Information

Bauhaus: Der Begriff geht auf die von Walter Gropius in Weimar gegründete Kunstschule mit dem Namen Staatliches Bauhaus zurück. Als Stilbegriff bezeichnet das Wort Bauhaus alle Entwürfe und Produkte, die aus dieser Bildungsstätte hervorgingen. Sie war ab 1925 in Dessau und ab 1932 bis zu ihrer Schließung 1933 durch die Nationalsozialisten in Berlin ansässig. Architektur, Kunst und kunstgewerbliche Fächer wurden hier fächerübergreifend gelehrt. 2019 wurden 100 Jahre Bauhaus gefeiert.

Stil des Neuen Bauens: Der sachliche, auf Funktionalität und Sozialökonomie ausgerichtete Baustil in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wird unter dem Begriff Neues Bauen zusammengefasst. Der Baustil zeichnet sich durch zweckmäßige Formen aus. Außerdem wurden neuere Konstruktionstechniken wie Stahlguss, Skelettbau und Beton mit vorgefertigten Elementen verwendet. Der Baustil war häufig mit dem Bestreben verbunden, gesellschaftliche Reformen auf den Weg zu bringen.

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen