Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Riese wacht auf

Wirtschaftsboom und grenzenloses Wachstum waren gestern. Brasiliens Einwohner wollen Korruption, Geldverschwendung und die Zustände in Schulen, Krankenhäusern und im Straßenverkehr nicht länger hinnehmen. Brigitte Vordermayer sprach mit Brasiliens evangelischem Kirchenpräsidenten Nestor Friedrich über das dem 200-Millionen-Einwohner-Land bevorstehende Fußball-Jahr.

Präsident Nestor Friedrich wünscht sich für sein Land mehr Transparenz, eine bessere Organisation und ein größeres Verantwortungsbewusstsein der Politiker.
(Foto: Brigitte Vordermayer)


Herr Friedrich, was war Ihr erster Gedanke, als Sie gehört haben: Die Fußball-WM kommt nach Brasilien?
Nestor Friedrich: Ich habe mich sehr gefreut! Wir sind stolz, wir lieben den Fußball. Aber es ist auch eine große Verantwortung, all die Menschen aufzunehmen, die zu den Spielen kommen. Ich frage mich: Ist Brasilien schon so weit, das alles zu schaffen? Wenn man hier an einem Flughafen ankommt, wartet man lang oder das Gepäck kommt nicht. Wie soll das werden für die Besucher? Die WM bringt uns große Freude, aber auch eine große Aufgabe.

Nicht alle Brasilianer freuen sich auf die WM. Im letzten Jahr gab es immer wieder ungewöhnliche Bilder: Hunderttausende fußballbegeisterte Brasilianer demonstrierten bei den größten Protesten seit über 20 Jahren gegen das Fußball-Großereignis. Warum?
Nestor Friedrich: Die Menschen fragen sich natürlich, ob man wirklich so viel Geld ausgeben darf für nur einen Monat Fußball. Die Leute sehen, dass Arenen gebaut werden. Da wird viel Geld aufgewendet, auch staatliches. Und zur gleichen Zeit haben wir lange Schlangen in den Krankenhäusern. Die Menschen hier haben keine gute Krankenversicherung. Und unser Verkehr: Er ist eine Katastrophe. Der Bus ist teuer und er ist schlecht. Es gibt zu wenige Straßen, man steht ewig im Stau. Warum wird das Geld nicht da investiert? Oder wir schauen auf das Schulsystem: Wenn ich eine gute Schule in Brasilien will, muss ich sie privat bezahlen. Wenn ich gute Gesundheitsversorgung will, muss ich sie privat zahlen. Durch die großen Ausgaben für die WM wurden die Leute plötzlich wach, vor allem die jungen. Und sie sagen: Wir müssen wirklich etwas verändern.

Die Demonstranten forderten „Krankenhäuser mit FIFA-Standard“: Warum ist das staatliche Gesundheitssystem in Brasilien so schlecht?

Nestor Friedrich: Es wird sehr wenig Geld dafür aufgewendet. Wir haben eine staatliche Krankenversicherung. Aber die Krankenhäuser, die Ärzte, das alles wird sehr schlecht verwaltet. Es fehlt die Kontrolle. Zum Beispiel werden auch Medikamente kostenlos verteilt. Aber das ist so schlecht organisiert, dass viele längst abgelaufen sind und man sie nicht mehr benutzen kann. Es fehlt eine gute Verwaltung. Und die Ärzte sind sehr schlecht bezahlt. Deshalb haben wir Schwierigkeiten, Ärzte zu bekommen. In der Stadt gibt es viele, aber auf dem Land fehlen sie, dort fehlen auch die Geräte für richtige Untersuchungen.

Haben die Proteste schon etwas bewirkt? Gehen sie noch weiter?
Nestor Friedrich: Auch im neuen Jahr werden die Proteste sicher weiter stattfinden. Man kann sagen, dass sie das Bewusstsein über die Grenzen der jetzigen Politik und die Notwendigkeit, neue Wege der politischen Teilnahme zu finden, gestärkt haben. Es hat sich aber auch gezeigt, dass spontane, anarchische Proteste keineswegs die Demokratie stärken und leicht manipuliert werden können.

Wo liegen die Ursachen dafür?
Nestor Friedrich: Teilweise liegen die Schwierigkeiten schlicht an der Größe: Wir sind in einem Land, das 24 Mal so groß ist wie Deutschland. Dass man da den Überblick und die Kontrolle behält, wie Gelder verwendet werden, ist nicht einfach. Alles ist so weit entfernt. Und unsere Politiker sind eine besondere Gruppe. Viele sind auf ihre Aufgaben nicht vorbereitet, haben keine Ahnung von Management. Es werden keine Projekte aufgebaut, damit sich die Situation in Sachen Schule, Gesundheit, Straßen oder Ausbildung bessert. Stattdessen gehen die staatlichen Gelder in neue Arenen. Auch Korruption spielt eine Rolle. Viele fragen: Warum kostet das so viel Geld? Wird das wirklich alles für Stadien verwendet? Oder wer macht sich noch die Taschen voll? Es wird Zeit, dass wir hier Transparenz bekommen.

Es muss sich also definitiv etwas ändern.
Nestor Friedrich: Ja! Wir brauchen eine neue Kultur, eine Kultur der Verantwortung, der Transparenz, des Respekts. Politiker, Bürgermeister, alle, die im politischen Bereich arbeiten: Sie müssen lernen, dass sie eine Verantwortung haben, dass sie Arbeiter des Volkes sind. Sie müssen für uns arbeiten, und nicht umgekehrt. Es muss alles besser organisiert werden. Sie müssen professioneller planen, nicht einfach loslegen und dann schauen, was es kostet. Wenn man ein Projekt hat, muss man das vorher berechnen und nicht sagen, es wird eine Million kosten und nach einem Jahr kostet es schon zwei Millionen. Das geht doch nicht. In Brasilien geht man oft zu emotional mit diesen Sachen um. Man verspricht viel und hält wenig.

Wird die WM dem Land auf seinem Weg helfen oder schaden?

Nestor Friedrich:Was in diesem Jahr passieren wird? Die Antwort ist: Wir wissen es nicht. Vielleicht passiert gar nichts: Wir werden feiern, Fußball spielen, und alles bleibt, wie es ist. Aber da wir im nächsten Jahr auch Wahlen haben, könnte es schon interessant werden. Auf jeden Fall wird es ein Jahr mit einer vollen und spannenden Agenda.

Wie unterstützt die evangelische Kirche das Land?
Nestor Friedrich: Als evangelisch-lutherische Kirche in Brasilien richten wir immer wieder kritische Worte an die Politik und die Öffentlichkeit. Und wir helfen vor Ort in konkreten Projekten, vor allem mit Bildung. Wir müssen als Kirche immer wieder aufrufen gegen Korruption und für Transparenz, zum Beispiel jetzt vor der Wahl: Wen werden wir wählen? Wer ist wirklich jemand, der uns vertritt und von dem man sagen kann, er ist eine ehrliche Person? Wir empfehlen nicht eine Partei. Aber wir ermutigen die Menschen, Fragen zu stellen und genau hinzuschauen.

Welche Aktionen plant die Kirche zur WM?
Nestor Friedrich: Wir werden spezielle Gottesdienste und andere Programmpunkte extra zu den Spielen anbieten. Wir machen auch eine Broschüre mit Informationen über Brasilien und soziale Themen und Probleme hier, damit die Menschen auch etwas über das Land lernen. Zusammen mit anderen Kirchen wollen wir Probleme aufzeigen, das ist schließlich eine wichtige Aufgabe von Kirche. Vor allem über Sextourismus und Menschenhandel wollen wir aufklären: Sie sind hier ein riesiges Problem. Da werden junge Menschen nach Europa gebracht, es wird ihnen versprochen, dass sie dort eine gute Arbeit bekommen. Und wenn sie ankommen, verlieren sie ihre Papiere und haben nichts mehr. Dann kommt es zu Prostitution und Drogenhandel. Das ist eine sehr schlimme Sache. Auch der Sextourismus wird sich zur WM verstärken. Wir wollen als Kirche betonen, dass das verboten ist.

Wer wird Fußballweltmeister 2014?
Nestor Friedrich: Ich hoffe, dass Brasilien im Endspiel auf Deutschland trifft. Und dass dann natürlich Brasilien gewinnt. Aber ich bin nicht sicher, ob das klappt. Denn wir haben zwar eine junge Mannschaft mit guten Spielern. Aber die Sache ist die: Es nützt nichts, wenn wir elf gute Leute haben, die nicht zusammenspielen. Man braucht ein Team. Das macht den großen Unterschied.


Information
Nestor Friedrich ist seit 2010 Präsident der Evangelischen Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB). Im 19. Jahrhundert von deutschen Einwanderern gegründet, hat sie sich zu einer in der brasilianischen Gesellschaft verwurzelten Kirche entwickelt, die vor allem im Süden des Landes in den Bundesstaaten Rio Grande do Sul und Santa Caterina beheimatet ist. Die IECLB hat 700.000 Mitglieder. Sie ist eine Partnerkirche der Landeskirche in Bayern.