Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der scheele Blick - Impuls zur Predigt

Matthäus 20,10.13-15 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?

 

Der scheele Blick

Impuls zum Predigttext für den Sonntag Septuagesimä: Matthäus 20,1-16.

Von Harry Waßmann

 

Harry Waßmann ist Pfarrer an der Eberhardskirche in Tübingen. (Foto: Privat)

Was für eine Empörung löst das aus: Wenn die, die zwölf Stunden lang gearbeitet haben, nicht mehr Geld bekommen als die, die nur eine Stunde lang gearbeitet haben. Das Gleichnis, das Jesus erzählt, ist eine Provokation. Auch und gerade für unsere Zeit und unsere Ohren. Wir sind gewöhnt an das scheinbar eherne Gesetz: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“ Auf den ersten Blick ist es undenkbar, dass Gewerkschaften heute einer Regelung wie im Gleichnis zustimmen würden.

Mich fasziniert diese göttliche Ordnung – als Christ und als Gewerkschaftsmitglied. Der vereinbarte Tarif wird nicht gebrochen. Der Lohn ist auskömmlich. Ein Silbergroschen, so übersetzt Luther „Denar“, ist sogar mehr, als für das Nötigste zum Leben gebraucht wird. Kein Hungerlohn also, vielmehr ein fairer Lohn, den der Weinbergbesitzer vertraglich zusagt und hält. Er handelt sozial und politisch korrekt. Doch bei der Lohnauszahlung kommt es zum Eklat. Nicht nur in der Welt der Lohnarbeit ist das oft ein streng gehütetes Geheimnis: Wer kriegt wie viel? Der Arbeitgeber hätte durchaus zuerst die Ersten und erst dann die Letzten entlohnen können. Diskret. Dann wäre sein Entlohnen gar nicht aufgefallen. Doch der Eklat ist gewollt. Die Lohnauszahlung wird zu einer Demonstration, bei der sich Arbeiter und Weinbergbesitzer outen.

Provokativ offen bekommen die zuerst einen Denar, die nur eine Stunde gearbeitet haben. Danach die, die drei Stunden, die sechs Stunden und die neun Stunden gearbeitet haben. Was wird da in denen vorgegangen sein, die zwölf Stunden in der Hitze gearbeitet haben?

» Wer kriegt wie viel? «

Offenbar sind wie von selbst Erwartungen entstanden. Es heißt: „Sie meinten, sie würden mehr empfangen.“ Mehr bekommen wollen als vereinbart? Woher kommt diese Erwartung? Weil für sie einzig der eine Vergleich zählt: Mehr Arbeitszeit, mehr Lohn – weniger Arbeitszeit, weniger Lohn. Im Moment der Auszahlung verstummen alle anderen Fragen, wie zum Beispiel: Was brauche ich und was brauchen Andere wirklich zum Leben? Was reicht mir und was nicht? Warum habe ich so viel Erwerbsarbeit, sogar hoch bezahlte? Und andere keine oder nur schlecht bezahlte? Steht mir nicht mehr zu? Der Vergleich mündet in diese eine Frage.

Und es wird auch nicht überlegt, was für ein Arbeitgeber hier anstellt und entlohnt und warum der so handelt. Der redet Klartext. Er gibt einem Protestiereden auf Augenhöhe Antwort: „Freund, hör mal zu. Ich bin nicht ungerecht zu dir. Du könntest es besser wissen. Ich gehe mit irdischen Gütern sowie auch mit himmlischen anders um. Ich nehme dir nichts weg. Aber ich will, dass Bedürftige genug haben, dass Witwen und Waisen, Fremde und Schwache auskömmlich leben können. Das ist meine Form sozialer Gerechtigkeit, mein Grundgesetz, meine Tora. Kennst du mich denn nicht? So verteilt der Himmlische. Und der himmlische Vater will, dass sein Wille wirklich wird – auch auf Erden.“

Das ist nicht Willkür und auch keine Sozialromantik. Es ist die soziale Friedensordnung Gottes. Die stellt einiges um. Auch in uns. Wir sind gefragt. Und diese Frage geht unter die Haut, ins Herz: „Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?“ Wörtlich steht da: „Ist dein Auge böse?“ Kommt deine Missgunst von innen? Was treibt dich um? Warum vergleichst du unentwegt? Hast du vielleicht Angst, zu kurz zu kommen und nicht genug zu bekommen? Hältst du Güte nicht aus? Sind dir Liebe und Barmherzigkeit unheimlich?

Wo ein unsolidarisches Miteinander antrainiert wird, wo nur Leistung Maßstab für Bezahlung ist, regiert soziale Kälte. Ich frage mich, wie es damit in unserer Kirche aussieht? Wo Gewerkschaften sich für Grundsicherung und Sockelbeträge einsetzen, wird die alte Verteilungslogik durchbrochen. Wo Menschen gütig bezahlt werden, so wie es der Vater im Himmel für Menschen vorsieht, da ist er selber mitten unter uns – wie „ein Backofen voller Liebe“ (Martin Luther).

Foto: Unsplash

 

Gebet

Du Schöpfer aller Dinge, du väterliche Kraft.

Ertöt uns durch dein Güte, erweck uns durch dein Gnad.

Den alten Menschen kränke, dass der neu’ leben mag und hier auf dieser Erden den Sinn und alls Begehren und G’danken hab zu dir.

Elisabeth Cruziger in Evangelisches Gesangbuch 67,4.5

 

 

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