Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der „Sega“ aus der Schwabenwelt - Mundart-Gottesdienst auf dem Cannstatter Wasen

STUTTGART-BAD CANNSTATT – Schon lange ist das Cannstatter Volksfest nicht mehr hauptsächlich Erntedankfest. Doch gibt es noch Momente, die an die Ursprünge erinnern. Wie den Mundartgottesdienst am ersten Wasenwochenende.

Ex-Fussballprofi Manuel Bühler und Mundartpfarrer Manfred Mergel

Der frühere Fußballprofi Manuel Bühler (links) war „Stargast“ im Mundart-Gottesdienst von Manfred Mergel.(Foto: Brigitte Jähnigen)

Sonntagmorgen auf dem Cannstatter Wasen. Das Flugkarussell „The Flyer“ startet unbemannt zum Probeflug. Die Bahnen des Autoscooters werden saubergespritzt. Budenbetreiber ordnen ihre Ware. Geschäftigkeit herrscht. Und im Festzelt „Wilhelmer‘s Schwabenwelt“ beginnt der schwäbische Mundartgottesdienst. Motto: „Mein Sega hasch“ (1. Mose 12,1-4).

Es ist das zwölfte Mal, dass Manfred Mergel zum Gottesdienst auf dem Wasen in schwäbischer Mundart eingeladen hat. „Viele kommen nicht, weil sie denken, wir trinken hier nur Bier“, sagt er. Dennoch blickt Mergel zufrieden auf die etwa 300 Kinder, Frauen und Männer auf den Bierbänken. In Wirklichkeit wird in der kommenden Stunde ein einziges Bier bestellt und serviert. Stattdessen singen die Gottesdienstbesucher gemeinsam, beten, hören Choräle vom Deckenpfronner Posaunenchor und lauschen der Predigt.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Mein Sega hasch - Mundart Gottesdienst auf dem Cannstatter Wasen

„Mein Sega hasch“ erzählt die Geschichte von Abraham, der auf Geheiß seines Gottes aus der Heimat fortging, seine Familie verließ und allein darauf baute, dass Gott ihn mit seinem Segen stärkte und führte. Manfred Mergel übertrug die Erzählung in den Alltag seiner „lieben Chrischtaleut“.

Er beobachte, sagt der Theologe, dass das Segenwünschen völlig aus der Mode gekommen sei. Es sei halt „ebbes Biblischs“. Was aber der Segen sei, sei selbst für ihn schwer erklärbar. „Dr Sega verbindat ons alle mitnander, behaupt i“, versucht es Manfred Mergel. Und es spiele keine Rolle, „ob da a bissle fromm bisch, arg fromm oder gar net fromm“. An dieser Stelle huscht über manches Gesicht ein Lächeln: Jeder hier fühlt sich angesprochen. „S steckt ganz tief in ons alle drin – mir möchtat, dass onser Leba en Sinn on en Wert hat. Wer will scho sterba, ohn dass er irgendwann begriffa hat, für was er eigentlich lebt“, fährt Manfred Mergel fort.

Brauchtum und Glaube scheint an diesem Vormittag eine sehr konkrete Form gefunden zu haben. Mergel ist neben seiner Tätigkeit als Gemeindepfarrer in Aach bei Freudenstadt und seinem Bildungsauftrag beim Kirchenbezirk Freudenstadt für Mundartarbeit in der Landeskirche zuständig.

„Ich bin gebürtiger Göppinger, Schwäbisch ist meine Muttersprache“, sagt der Theologe und fügt hinzu: „Beim Gottesdienst auf dem Wasen geht es mir aber eher ums Evangelium als um die Sprache“. Trotzdem fühlt er sich in seinem Engagement (Mergel hat Gedichte, Aphorismen und Erzählungen in Schwäbisch verfasst und predigt regelmäßig in seiner Mundart) gestärkt, seitdem Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu einem Dialekttag ins Neue Schloss eingeladen hat.

Ex-Fussballprofi Manuel Bühler - fühlt sich sehr gesegnet

„En onsrer Kirch wird schwäbisch gschwätzt“ – diesen Wahlspruch von Manfred Mergel schätzen die Gottesdienstbesucher auf dem Wasen. So sieht es auch Manuel Bühler, den Mergel als „Stargast“ eingeladen hat. Der Ex-Fußballprofi fühlt sich „sehr gesegnet von Gott“. Nicht nur, weil er in seiner Karriere beim 1. FC Nürnberg und bei 1860 München ziemlich weit gekommen ist. Zunächst seien seine Eltern ziemlich skeptisch gewesen, dass er Fußballer werden wollte. Doch dann hätten sie gesagt: „Unseren Sega hasch“. Nun fühlt er sich aber auch gesegnet, weil er, als er die Karriere aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, eine „komplett andere Beziehung zum Sport und zum Fußball“ gewonnen hat. Gemeinsam mit der Christlichen Sportlerorganisation „Sportler ruft Sportler“ (SRS) spricht er an Schulen, in Vereinen oder jetzt im Festzelt von seinem Leben mit Gott. „Sieg und Niederlage liegen eng beieinander, es ist gut, angenommen zu werden, auch wenn man versagt“, gibt Bühler seine Überzeugung weiter.

Sega verändert. Sega isch fruchtbar.

Er sei mit einem großen Ziel losgezogen und habe ein größeres, nämlich Jesus, gefunden auch wenn er dieses Ziel zunächst nicht gesucht habe. „Also, was heißt des: Sega?“, fragt Pfarrer Mergel anschließend noch einmal in die Runde. Und beantwortet die Frage mit: „I tät saga, s isch a religiöser Begriff, au wenn mir n‘ im Alltag oft anders verwendat, weltlich, menschlich, sprichwörtlich“. „Sega hat immer ebbes mit em lieba Gott zum do“, fährt Manfred Mergel fort. Und er sagt: „Dr Sega kommt doch vorm Erfolg, oder?“ Da nicken einige Gottesdienstbesucher.

Dass auch das Kreuzzeichen als etwas Religiöses, aber offenbar „altmodisch“ Empfundenes erlebt wird, bestätigt eine Gottesdienstbesucherin. „Meine Oma hat immer über den frischen Brotlaib ein Kreuz als Segen gezeichnet“, sagt sie. Seit Jahren kommt die Stuttgarterin gemeinsam mit ihrem Mann zum Gottesdienst ins Festzelt. „Der gehört dazu und erinnert sehr an die Anfänge des Volksfestes“, sind die beiden sich einig.

König Wilhelm I. wünscht "Segen und Erholung"

- Ein Volksfest als Antwort auf die Katastrophe

Diese gehen auf das Jahr 1815 zurück: Damals ereignete sich die erste Klimakatastrophe der Neuzeit. Am 5. April brach der Vulkan Tambora auf der Insel Sumbawa/Indonesien aus und explodierte am 10. April komplett. Magma, Gestein und Gas wurden in gewaltigen Mengen ausgeworfen; Gas und Asche bis auf 43 Kilometer Höhe geschleudert. Dörfer wurden zerstört, über 10 000 Menschen starben, der gesamte Erdball trug die Folgen. In Nordamerika schneite es mitten im Sommer, in Europa verdunkelten nicht endende Regenwolken der Himmel. 1815 ging als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Weinberge zerrannen im Regen, Getreide, Gemüse und Obst verfaulte, die Preise stiegen bis aufs Vierfache. Als direkte Reaktion gründete König Wilhelm I. im Jahr 1818 das „Landwirthschaftliche Fest zu Kannstadt“ als Leistungsschau der Bauern mit einer Agrarmesse. Sie sollte die Bauern im Königreich Württemberg zu modernen Methoden in Ackerbau und Viehzucht anspornen. In seiner Gründungsrede wünschte König Wilhelm I. seinen 30 000 Untertanen auf dem Volksfest „Segen und Erholung“. Bis heute sind nicht nur die Bier- und Weinzelte, die vielen Fahrgeschäfte, sondern auch der Festumzug beim „Fest der Schwaben“ ein Publikumsmagnet. Als Wahrzeichen und Erinnerung an den Ursprung dient die 26 Meter hohe Fruchtsäule, deren erstes Modell von Hofbaumeister Nikolaus Friedrich von Thouret entworfen wurde.

Der Segen steht vor dem Erfolg, sagt Pfarrer Manfred Mergel. „Sega verändert. Sega isch fruchtbar. Du darfst amol ebbes ernta, on sei s erst in dr Ewigkeit“, gibt er seinen Gottesdienstbesuchern mit auf den Weg.

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen