Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Segen ... bitte ... Klappe! - Film-Gottesdienst

STUTTGART-OBERTÜRKHEIM – Mit Sicherheitsabstand fasst die Andreaskirche 46 Besucher. Zu wenig für den Nachtschicht-Gottesdienst. Aber nicht nur deshalb entschied sich Pfarrer Ralf Vogel, am 5. Juli mit einem Film-Gottesdienst online zu gehen. Ein Besuch beim Drehtermin. 


Die Kirche als Fernsehstudio: Ralf Vogel bedient die Klappe und Fola Dada singt, begleitet von Klavier und Kontrabass. (Foto: Julian Rettig)


Seile sperren den Zugang zu den Bankreihen der Andreaskirche ab. Dass am letzten Samstag im Mai ­reger Betrieb rund um den Altar ist, liegt am Drehtermin für den ersten Online-Gottesdienst der Nachtschicht-Reihe. Scheinwerfer beleuchten die Frau am ­Mikrofon, deren samtige Stimme den Raum füllt, live begleitet von Klavier und Kontrabass. Ein Kameramann und eine Kamerafrau werfen sich Anweisungen zu, bringen die Aufnahmetechnik in Position, unterbrechen die Szene mit einem Handzeichen. Und schon geht alles wieder von vorne los. Songs und Melodien wechseln, werden angestimmt, um dann wieder abzubrechen. Etwas abseits lehnt Pfarrer Ralf Vogel an der Wand. Seine Nachtschicht-Gottesdienste mit einem jungen Team, Gesprächen über Gott und die Welt und viel Musik sind weit über Stuttgart hinaus bekannt.

„Kannst du mal was einsprechen, Ralf?“, ruft Heiner Scholz dem Pfarrer zu. Der Tontechniker des SWR kümmert sich nicht nur um den richtigen Klang, er bedient auch die Standkamera, während seine Kollegin eine zweite, kleinere Kamera vor dem Altar hin- und herträgt. Mal richtet sie die Linse auf die Vokalsolistin Fola Dada, mal schwenkt sie auf die Klaviertasten, die Bobbi Fischers flinke Finger anschlagen, dann wieder beugt sie sich zu den Saiten des Kontrabasses ­hinunter, die Veit Hübner in Schwingung versetzt.

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Die jazzig-swingenden Akkorde brechen ab und mit ihnen der gekonnt improvisierte Gesang. „Eins, zwei, drei ...“ erklingt Ralf Vogels elektronisch verstärkte Sprechstimme. Er ist an diesem Tag Produzent, Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller in einer Person. Sein Vorhaben: Der vierte Nachtschicht-Gottesdienst des Jahres, in dem es unter dem Titel „in the city“ um das Zusammenleben in der Stadt geht, soll als Film-Gottesdienst aufgezeichnet und ins Netz gestellt werden.

Mittlerweile dürften Gottesdienste wieder stattfinden, aber eine Nachricht aus Frankfurt sorgt für Verunsicherung. In einer Baptisten-Gemeinde soll es zu Ansteckungen mit dem Coronavirus gekommen sein. „Da wir das mit dem Abstandhalten erst lernen und mit der Öffnung von Gottesdiensten noch am Anfang stehen, sammeln wir gerade neue Erfahrungen“, sagt Pfarrer Vogel. Mit Blick auf den Frankfurter Gottesdienst und die Folgen wartet er lieber ab. „Wobei klar ist: Auf Dauer ist ein Gottesdienst ohne Gemeinde keine Lösung. Ein Gottesdienst lebt schließlich von der Gemeinde.“

Wieder fordert der Dreh die Aufmerksamkeit des gesamten Teams. Vogel bringt sich in Position, flaniert mit Mikro in der Hand ins Bildfeld der Kamera: „Manches ist auch wie früher: Das junge Nachtschicht-Team begleitet uns durch den Abend und fantastische Musiker, heute das Trio Dada, Fischer, Hübner.“ Kaum verklungen, heißt es: „Ralf, bitte nochmal ... ich brauche am Anfang eine Pause.“ „Ob ich das nochmal so locker hinbekomme?“, kontert der Angesprochene launig. „Ich muss den Regler erst zu machen und die Kamera an, deswegen brauche ich am Anfang eine Pause“, sagt der Mann hinter der Standkamera.

Mitschnitte von Nachtschicht-Gottesdiensten gibt es schon. „Dafür war Gloria-TV zuständig“, sagt Ralf Vogel in der nächsten Drehpause. Seine Rolle als Pfarrer war daher kaum tangiert. „Nun ist es ganz anders. Es ist ja kein gefilmter Gemeindegottesdienst, sondern der erste reine Online-Gottesdienst“, kommentiert Ralf Vogel diese Premiere mit ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. „Heute zeichnen wir mit den Musikern und dem Nachtschicht-Team die Szenen in der Kirche auf. Nächste Woche findet in meiner Privatwohnung das Gespräch mit Jochen Busse und Hugo Egon Balder als Video-Schalte statt. Toll ist, dass auch der Soziologe Hartmut Rosa mitwirkt.“ Diese zwei Inszenierungen werden dann zu einem Werk zusammengeschnitten.

„Was kommt jetzt?“, will Sängerin Fola Dada wissen. „Jetzt kommt der Segen ...“, erwidert Vogel mit Blick auf den Drehbuch-Spickzettel in ­seinen Händen. Alle sind auf ihren Positionen. Heiner Scholz erklärt, wie ein Helfer die schwarze Filmklappe halten soll. „Bitte!“ Auf dieses Stichwort hin soll die Klappe geschlagen werden. Sie hilft dabei, die Bildaufnahmen beider Kameras mit der Tonspur zu synchronisieren. Alle Augen sind auf Pfarrer Vogel gerichtet. Der öffnet die Lippen ... und vertut sich beim Text. „Mensch, dabei gehört das zu den leichtesten Übungen“, sagt er wie zu sich selbst. Die Musiker lachen. Das Kamerateam zuckt mit den Schultern. Der Pfarrer schließt für einen Moment die Augen, besinnt sich und findet dann ganz ernst die richtigen Worte.

Die Szene ist im Kasten, die Uhr zeigt halb vier. Da betreten zwei junge Frauen die Kirche. Der Kameramann springt freudig auf sie zu. „Wehe, ihr umarmt euch! Ich hab euch im Blick“, scherzt der Pfarrer und winkt den Neuankömmlingen. „Die Zeit rast. Wir sind eine Stunde über der Zeit“, sagt Vogel. „Verstehst du jetzt meine Sorge?“, erwidert Scholz mit gerunzelter Stirn.

Die jungen Frauen gehören zum Nachtschicht-Team. Draußen vor dem Eingang warten weitere Mitwirkende. Unter freiem Himmel lesen sie Texte durch, die über die Internetseite der Nachtschicht gesammelt wurden und die Ralf Vogel zusammen mit den Bibelstellen auf verschiedene Sprecherinnen und Sprecher verteilt hat.

Einer liest laut: „Alle, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.“ Pfarrer Vogel, soeben dazugekommen, sagt: „Gut, Michi.“ Dann ist Lea an der Reihe: „Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter allen, je nachdem, was jemand brauchte.

“Für Außenstehende ist es schwierig, die Zusammenhänge zwischen den aufgezeichneten Puzzlestücken zu erkennen. Neben liturgischen Szenen wurden Lieder und Zwischenspiele gefilmt, nun Bibelzitate und O-Töne zur Corona-Zeit. Der Pfarrer bringt Licht ins Dunkel: „Lange vor Ausbruch der Pandemie habe ich mit meinen Gesprächspartnern Busse und Balder vereinbart, über die Versuchung und Jesus in der Wüste zu sprechen.“

Durch Corona sei das Thema Isolation und Rückzug auf ganz eigene Art aktuell geworden. „Zudem geht es um Visionen, etwa um das ­Zusammenleben der urchristlichen Gemeinde, in der aller Besitz allen gemeinsam gehörte.“
Der Online-Gottesdienst ist ab 5. Juli verfügbar im Internet unter: www.nachtschicht-online.de

Bei drei prominenten Gästen in die Wohnung geschaut: Hugo Egon Balder (oben links), Hartmut Rosa und Jochen Busse (unten). (Foto: privat)



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