Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Sommer war heiß und groß

Erntedank: Das ruft uns in Erinnerung, dass wir unsere Lebensgrundlage nicht uns selbst verdanken. Der Mensch ist auf das angewiesen, was ihm die Erde schenkt, auch wenn er selbst säen, hegen und ernten muss. Wie sah das Geschenk in diesem Jahr aus, zum Beispiel auf der Alb? 


Gut für die Schnapsproduktion: Volle Ernte bei den Quitten. (Foto:Wolfgang Albers)


Dieser Sommer war wirklich mal groß. Und hat Claudia Leibfritz ein ganz neues Gefühl beim Heuen gebracht. In Genkingen wohnt sie, die Familie hat noch Äcker und Wiesen und treibt die im Nebenerwerb um. Vor allem machen sie Großballen Heu. Dazu sollte es optimalerweise vier Tage trocken sein.

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„Aber in Genkingen regnet es immer“, war ihre bisherige Lebenserfahrung. „Da hast du immer spätestens am dritten Tag hektisch rausmüssen, um das Heu einzubringen, weil schon der nächste Regen kam. Wenn die Leute mir aus dem Urlaub erzählt haben, sie hätten 14 Tage nur Sonne gehabt, hab ich mir das gar nicht vorstellen können.“

Seit diesem Sommer jedoch weiß sie, wie das ist: „Wir haben das Gras drei Wochen liegen lassen können, das hat überhaupt keine Rolle gespielt.“ Es war ein Ausnahmesommer auch für die Landwirtschaft. Und Claudia Leibfritz hat da den Überblick: Sie ist stellvertretende Vorsitzende im Landfrauenverband Reutlingen, kennt also die Höfe im Kreis, ihre Bewohner und ihre Situation.

Wie den Fink-Hof. Dort trifft sie Sigrun Fritz und Reingard Stoll. Alles eigentlich Fink-Familie – aber schon die Großmutter hat ihren Mädchennamen durch Heirat verloren. Einst hatte die Familie Fink einen Hof in Pfullingen, 1960 siedelte der Richtung Gönningen aus, in die Wiesen und Äcker unterhalb des Pfullinger Berges.

Im Hof steht ein Eimer mit Zwetschgen, in einer Kiste ballen sich Birnen – Williams Christ, der Großvater hat beim Pflanzen auf Qualität geachtet - , Maiskolben hängen von einem Geländer, der Quittenbaum leuchtet gelb, vom Mirabellenbaum sind etliche Äste abgebrochen, so voll ist er gehangen. Nicht nur der Sommer – auch die Ernte war groß? Das kommt drauf an.

Sigrun Fritz ist die Betriebsleiterin des 100-Hektar-Hofes – da ist die Produktpalette weiter gefächert. Und die ist stark vom Wasser abhängig. Auch wenn Sigrun Fritz von sich sagt: „Ich bin ein Sommermensch, ich brauch keinen Winter“ – es gilt halt auch: „Wenn von oben nichts kommt, dann wächst halt nichts, da kannst du machen, was du willst.“

Eine Haupteinnahmequelle des Hofes sind die 120 Milchkühe. Gefüttert werden sie mit dem eigenen Heu – 77 Prozent der Hofflächen sind Grünland. So vor dem Albtrauf zu liegen hat dieses Jahr vielleicht doch für den einen oder anderen Schauer mehr gesorgt als in anderen Regionen. Auf jeden Fall langt das Futter – dazu gehört auch eigener Mais – für die Kühe. Aber auch nur so gerade. Wie in anderen Jahren noch Heu verkaufen – das kann Sigrun Fritz dieses Jahr nicht.

Aber wenigstens hat sie ihr Futter und Mitleid mit den Bauern in Norddeutschland. Auf einer Exkursion nach Nordrhein-Westfalen im Sommer haben die Landfrauen gesehen, wie ausgedörrt eine Landschaft sein kann. „Da denkst du nur noch: Wie bring ich meine Viecher durch“, versetzt sich Claudia Leibfritz in die Lage der dortigen Bauern. Und Reingard Stoll vom Stollhof an der Pfullinger Stuhlsteige, die vor allem Legehennen hat, ist aufgefallen, dass die landwirtschaftlichen Fachblätter voller Angebote sind, dass Vieh zu verkaufen ist.

Die Folge: „Die Schlachtviehpreise sind im Keller.“ Das merkt die Familie Fritz auch, denn Sigruns Mann Thomas bewirtschaftet noch den elterlichen Hof in Neuhausen – dort stehen die Mastbullen.

Sigrun Fritz wird den heißen Sommer auch an der Wasserrechnung spüren. An heißen Tagen – und da gab es ja dieses Jahr schon einige – säuft so eine Kuh 130 bis150 Liter. Immerhin haben die Höfe mittlerweile eine Wasserversorgung. Als Sigrun Fritz in die Schule ging, gab es auch so einen heißen Sommer: „Und da haben wir von August bis Dezember Wasser von einem Brunnen herangebracht.“

Und natürlich geben die Kühe nicht so viel Milch in einer Hitzeperiode. „Einer Kuh langen zehn Grad Celsius,“ weiß Sigrun Fritz. „Die will es nicht so heiß.“ Sie hat die Tore des Stalles deshalb immer auf Durchzug gestellt: „Wo ein Luftzug ist, stehen immer alle dicht in einer Reihe, da kommst du nicht mehr durch. Und wenn es gewittert, rennen die raus wie narret, um den Regen abzukriegen.“ Das kennt Claudia Leibfritz von ihren Pferden auch: „Die strecken ihren Hintern dorthin, wo das Wetter herkommt.“

Auch dem Bauerngarten des Fink-Hofes hat das Wasser gefehlt. Möhren, Salat, Brokkoli? Mickrig, mickrig. Sigrun Fritz hat diesen Sommer sogar mal Gemüse im Laden gekauft. Normalerweise geht sie nur geschwind von der Küche in den Garten, guckt sich einmal um – und schon steht wieder ein Mittagessen fest. Aber all diese Widrigkeiten des Wetters können die drei Bäuerinnen nicht im Kern deprimieren.

„Wetter ist immer, Wetter ist jedes Jahr anders. Ein zu nasses Jahr ist für die Landwirtschaft noch viel schlimmer als ein zu trockenes“, sagt Sigrun Fritz und erinnert sich mit Schaudern an ein Jahr, an dem sie schon den zweiten Schnitt nicht mehr ernten konnten: „Das Gras war immer nass und klamm.“

Da bleibt nur Gelassenheit gegenüber dem, was man sowieso nicht ändern kann. „Du nimmst es halt hin und hoffst“, sagt Claudia Leibfritz. „Wir wissen, dass du es sowieso nicht ändern kannst.“ Und Reingard Stoll ergänzt: „Man versucht, sich halt anzupassen.“

So eine Gelassenheit lernt man nur von klein auf. „Als Landwirt muss man geboren sein“, sind sich die Frauen unisono sicher. Wie die Schwestern Sigrun und Reingard, die als kleine Kinder nicht einmal in den Kindergarten gebracht worden waren, sondern bei allen Tätigkeiten auf dem Hof selbstverständlich immer irgendwie dabei waren.

Nicht, dass beide das heute als Ideal verklären – die Nachteile dieses Aufwachsen zeigten sich bei der Einschulung. Mit einem Schlag in eine Gruppe von 40 Kindern versetzt zu sein und in strikte, durchgetaktete Abläufe, ist beiden ziemlich schwer gefallen.

Aber dafür steckt in ihnen die Fähigkeit, die Herausforderungen, die ein landwirtschaftlicher Betrieb mit sich bringt, zu meistern und auch immer noch gerne zu meistern. „Man muss das gerne machen“, sagt Claudia Leibfritz, „denn viel Freizeit gibt es da nicht.“

Es sind andere Dinge, die ihnen zu schaffen machen, und man kann das an einem Punkt sehen, der zunächst einmal nur positiv scheint – der Obsternte, die dieses Jahr reichlich ist. So reichlich, dass Sigrun Fritz zwiegespaltene Gefühle hat: „Weil du siehst – du schaffst es gar nicht.“ Denn das sind ja ganz eigene Dimensionen auf dem Fink-Hof: 1200 Obstbäume stehen auf seinen Parzellen.

Klar: Die Selbstversorgung, immer noch ein Eckpfeiler einer bäuerlichen Welt, ist gesichert. Sie haben ihre Regale gefüllt mit Eingemachtem, Sigrun Fritz in Nachtschichten: „Da hab ich meine Ruhe.“ Aber ein Hof lebt ja auch vom Verkaufen. Und da stoßen sie alle auf Verhältnisse, die sie nur noch befremdlich finden.

Sigrun Fritz hat ihre Zwetschgen einem heimischen Bäcker angeboten. Zehn Kilo hat er ihr abgenommen, für fünf Euro – und gesagt: „Ich kauf sie am Bodensee, denn da bekomme ich sie gleich entsteint.“ Ja, früher hat die ganze Familie noch bis in tiefe Nacht die Zwetschgen entsteint, obwohl mit dem Verkauf praktisch nichts verdient war: „Bloß, damit nichts he geht.“ Auch wenn die drei Söhne der Familie Fritz ganz selbstverständlich mitarbeiten und der Älteste als Landwirtschaftsmeister hauptberuflich eingestiegen ist – „das kannst du heute nicht mehr verlangen und machen.“

Die brutale Logik des Marktes spüren die Landwirte gerade beim Obst: Es ist einfach nichts wert. Jemanden einstellen, der bei der Ernte hilft? „8,40 Euro Mindestlohn, und für den Doppelzentner bekommst du sechs Euro – und ob derjenige den Doppelzentner in der Stunde schafft, ist auch noch nicht sicher“, rechnet Claudia Leibfritz die Minus-Bilanz vor. Also macht es die Familie praktisch für umsonst, denn ein Bauer kann eben nicht mit ansehen, wie etwas verkommt.

Aber bei Thomas Fritz kommt da inzwischen Verbitterung auf, wenn er sieht, wie gleichzeitig die Landschaft, die er mitgestaltet, als Streuobst-Paradies gerühmt und vermarktet wird. Er hat da inzwischen eine eigene Meinung: „Am liebsten würde ich die Streuobstbäume zu Holzhackschnitzeln machen.“ Und auch Claudia Leibfritz wird da eher sarkastisch: „Wir pflegen die Landschaft, damit andere da schön joggen können.“

Der Rhythmus und die Weltsicht der Gesellschaft und des Bauernstandes driften ein Stück auseinander. Wie beim Gefühl für die Jahreszeiten der Lebensmittel. Wenn Sigrun Fritz in ihrem kleinen Hofladen die Williams-Birnen anbietet, kauft die kaum einer: „Die Leute sind dann im Urlaub.“ Und sowieso gewohnt, übers ganze Jahr immer alles einkaufen zu können. Birnen im März? Dann sind halt die aus Chile im Supermarkt-Regal.

Und deshalb kauft auch keiner mehr Obst, um es einzukochen. Das will keiner mehr machen, etliche können es auch schon gar nicht mehr, ist die Beobachtung der Bäuerinnen: „Früher haben wir die Kirschen körbeweise verkauft – so schnell konntest du die gar nicht vom Baum runtertun.“ Aber heute bekommen die Kinder kein Marmeladenbrot mehr: „Da muss dann Nutella drauf.“ Wenn aber mal wieder ein Lebensmittelskandal durch die Medien geht, dann wird Reingards Stolls heimischer Eierverkauf bestürmt. Und wenn dann wegen der Nachfrage nichts mehr da ist: „Dann werden wir noch beschimpft.“

Dass gerade Ernte ist, dass es ein Fest wie Erntedank gibt – das sei den Leuten inzwischen egal, beobachtet Reingard Stoll: „Vielen ist das gar nicht mehr bewusst.“ Sie bringt immer noch Gaben für den Altar und macht auch da befremdliche Erfahrungen: „Hinterher wurden die Gaben immer ins Altenheim gegeben. Aber wenn du da ein Glas Marmelade hinstellst, nehmen die das gar nicht – weil du keine Zettel drauf hast, auf denen der Inhalt genau deklariert ist.“