Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Strahlenkranz lobt Gott

Brennende Kerzen, nach und nach entzündet, grüne Tannenzweige, weihnachtlicher Schmuck: Was wäre die Adventszeit ohne einen Adventskranz? Vor 175 Jahren hat ihn Johann Hinrich Wichern entwickelt – für Kinder. Damals sah er noch anders aus. Ein Diakon hat ihn dieses Jahr nachgebaut. 

Mit Leidenschaft für die Diakonie baut der Diakon Kurt Ulmer Adventskränze, wie Wichern sie erfunden hat. (Foto: Brigitte Scheiffele)

Kurt Ulmer hat drei Berufe: Er ist gelernter Maler, Diakon, und im Laufe seiner Einsätze auf Campingplätzen hat er auch das Schreinerhandwerk gelernt. Schon lange arbeitet er mit Holz, stellt insbesondere Spielsachen her, mit denen er einen Teilauftrag einer Diakonin auf der Karlshöhe finanziert.

Im Jubiläumsjahr von Wicherns Adventskranz hat Ulmer jetzt nur selten die Stichsäge aus der Hand gelegt, ebenso wie die Hobelmaschine und die Fräse. Seit Sommer hat er Adventskränze in ihrer Ursprungsform gebaut: nämlich in der Form eines Wagenrades, auf das er Kerzen, Teelichter oder batteriebetriebene Kerzen-Imitationen gesteckt hat. Die Imitationen waren nötig, wenn das gute Stück zum Beispiel im Foyer des Diakonischen Werkes hängen sollte, dem Ulmer seine Handarbeit angeboten hat. „Sicherheitsgründe“, erklärt er die strombetriebene Variante.

Seine großen hölzernen Arbeiten zieren in diesem Jahr auch die Methodistische Kirche und die Evangelische Kirche St. Alban in seinem Heimatort Laichingen. „Doch so schöne alte, edle Wagenräder wie Wichern habe ich nicht, es sei denn, ich finde tatsächlich noch mal eines“, sagt Ulmer. Deshalb baut er die Räder kurzerhand selbst und erfreut sich der Nachfrage traditionsbewusster Einrichtungen und Bürger.

„Klar hatte Wichern keinen pompösen Kronleuchter, denn er lebte von Spenden und Ideen“, betont Ulmer. Wichern hatte also ein Wagenrad genommen. Dass Kurt Ulmers Rad eine genauso runde Sache wird, ist auch ohne professionelles Wagenrad sichergestellt. Der Diakon bekommt das Holz schon rund. „Kein Problem für einen begeisterten Schreiner mit viel Erfahrung“, sagt er. Besonders freut er sich darüber, dass er einen Wichernen Adventskranz an die Stiftskirche in Stuttgart liefern durfte. „Die Bischofs-kirche der Landeskirche – das ist ein schöner Auftrag.“

Johann Hinrich Wichern war Gründer und Vorsteher des Rauhen Hauses in Hamburg und auch Initiator der Inneren Mission in Deutschland. Schon mit 25 Jahren betreute der Theologe im Rauhen Haus verwaiste und verwahrloste Kinder und Jugendliche im Hamburger Elendsviertel. Unterstützung bei der Erziehungsarbeit erhielt er dann von jungen Männern christlicher Gesinnung. In der Adventszeit versammelten sich Kinder und Betreuer mittags zu einer Andacht, abends sangen sie gemeinsam Weihnachtslieder und lasen in der Bibel.

Am 1. Advent 1839 schließlich ließ Wichern einen hölzernen Leuchter mit 23 Kerzen aufstellen: vier dicke weiße für die Adventssonntage, 19 kleine rote für die Werktage. In diesem Jahr fiel der Heilige Abend auf einen Dienstag. In seinem Tagebuch schrieb Wichern: „Um den Lobesspruch an der Orgel waren 23 bunte Wachslichter aufgestellt. Mit jeder Verheißung wurde eines der Lichter angezündet, so dass zuletzt alle 23 wie ein Strahlenkranz das Lob des Herrn umleuchteten. Das Ganze diente ebenso zur Erbauung wie zur Stärkung und Freude im Herrn.“

Mit Wicherns Vermächtnis beschäftigt sich der Diakon im Ruhestand seit zehn Jahren intensiv. Denn für Ulmer ist Wichern als Initiator der Inneren Mission der eigentliche Gründer der heutigen Diakonie. „Er hatte die ursprüngliche Idee zum Zusammenschluss aller wohltätigen Einrichtungen unter dem Motto „Innere Mission“.

Erstmals versammelten sich im September 1848 in der Schlosskirche von Wittenberg evangelische Männer. Diese Versammlung wird auch als Kirchentag bezeichnet. „In diesem Rahmen hielt Wichern eine richtungsweisende Rede“, erzählt Diakon Ulmer. In dieser ging es um die Gründung eines zentralen Ausschusses für die Innere Mission der evangelischen Kirche. „Daraus ist später das Diakonische Werk entstanden“, sagt Ulmer.

Was ihm besonders gefällt: Wichern nannte seine Helfer und Erzieher Brüder und Schwestern. Diese Anrede wird noch heute genutzt. „Zudem waren viele seiner Unterstützer aus dem Handwerkerstand, worin auch ich mich gespiegelt sehe“, sagt der Laichinger Diakon.

Mit Herzblut arbeitete Ulmer daher an seinem Holzleuchter nach dem Wagenrad-Vorbild Wicherns. Der Tannenschmuck bleibt dabei aus. Denn auch im Hamburger Rauhen Haus wurden 1851 nur die Wände mit frischem Tannengrün geschmückt. Erst neun Jahre später schmückte man den Adventskranz mit grünen Zweigen.

Doch wie viele Kerzen muss Wicherns Kranz eigentlich haben? Je nach Jahreskalender ist dieser mit 21 bis 28 Kerzen bestückt. 21 sind es, wenn Heiligabend auf den 4. Advent fällt. 28 sind es, wenn er an einem Sonnabend gefeiert wird. Kurt Ulmer sagt: „Ein großes weißes Sonntagslicht eröffnet die Kerzenreihe. Ihm folgen sechs kleine rote für die Werktage der ersten Adventswoche. Die nächste große weiße Kerze wird am 2. Advent angezündet und so setzt es sich fort bis zu Heiligabend. Bei der Ankunft des Herrn leuchtet der Kranz am hellsten.“

Richtig volkstümlich wurde der Adventskranz erst durch die Jugendbewegung und das Kunstgewerbe nach dem Ersten Weltkrieg. Immer mehr Menschen wollten christliche Symbole zu Hause, doch dafür war Wicherns Adventskranz einfach zu groß. Denn die vielen Kerzen durften sich ja nicht gegenseitig zum Schmelzen bringen. Der Kranz brauchte also einen entsprechend großen Durchmesser. Mit vier Kerzen, für jeden Adventssonntag eine, fand er in der kleinsten Stube noch Platz.

In Ulmers Wohnstube wird auch in diesem Jahr wieder ein großer, hölzerner Adventskranz nach Wichern stehen. „Natürlich. Was sonst?“, sagt Ulmer.