Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Verein der Evangelischen - „Association culturelle“

Evangelische sind in Frankreich eine Minderheit. Einst hießen sie Hugenotten, heute „les Protestants“. Wie viele es gibt, weiß keiner, weil in einem laizistischen Land keine Kirchenstatistik existiert. Ein Einblick am Beispiel der deutschen Gemeinden in Paris und Toulouse.

Gottesdienstraum in Toulouse: In den deutschen Auslandsgemeinden in Frankreich geht es recht familiär zu. Foto: privat

Einmal im Jahr geht Pfarrer Lars Olaf Aue zur Hauptversammlung. Es ist die Hauptversammlung seiner Kirchengemeinde. Evangelische Gemeinden sind in Frankreich Vereine, organisiert wie ein Sportclub oder ein Sängerbund. „Association cultuelle“ lautet der offizielle Name, Kultvereine, deren satzungsgemäße Aufgabe die Organisation von Gottesdiensten ist. Die Mitglieder zahlen Beiträge, bei Lars Olaf Aue sind es etwa 900 Euro pro Familie. Seit 2017 ist Lars Olaf Aue „Pasteur“ der Deutschen Evangelischen Gemeinde von Toulouse. Sie besteht überwiegend aus Angehörigen des großen Airbus-Werks, der Flugzeughersteller hat in der südfranzösischen Stadt seinen Hauptsitz. Man trifft sich ganz zwanglos, „eine sehr familiäre Atmosphäre“, sagt Pfarrer Aue.

Bis vor ein paar Jahren gehörten die evangelischen Deutschen in Toulouse zur französisch-reformierten Gemeinde der Stadt. Die Kontakte sind bis heute bestens, die Protestanten kennen sich untereinander, duzen sich, was in Frankreich eigentlich noch viel ungewöhnlicher als in Deutschland ist.

Wie viele Evangelische es in Frankreich genau gibt, weiß niemand. Die Zahlenangaben schwanken zwischen ein und zwei Millionen. Eine kleine Minderheit jedenfalls, die öffentlich kaum in Erscheinung tritt. Nur im Elsass und in Lothringen ist das anders, weil die ursprünglich zum deutschen Kulturraum gehörten und eine andere Geschichte haben.

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Die Geschichte der Protestanten in Frankreich hingegen war lange von Verfolgung gekennzeichnet.

Der alte Stolz der Hugenotten

Das Edikt von Nantes gewährte ihnen 1598 zwar Glaubensfreiheit, doch Ludwig XIV. hob sie wieder auf. Hundertausende von Hugenotten flohen Ende des 17. Jahrhunderts. Mit ihrem Verschwinden ging die Zeit der Reformierten in Frankreich zu Ende. Das Land war fortan eine Hochburg der Katholiken.

Die Karikatur aus dem 17. Jahrhundert zeigt Strafmaßnahmen gegen die Protestanten unter Ludwig XIV. Foto: Wikipedia/pd

Die Karikatur aus dem 17. Jahrhundert zeigt Strafmaßnahmen gegen die Protestanten unter Ludwig XIV. Foto: Wikipedia/pd

Hugenotten werden die Evangelischen vor der Französischen Revolution genannt, heute spricht man in Frankreich eher von Protestanten.

Ein wenig ist vom Stolz der Hugenotten geblieben, vor allem in Südfrankreich, wo Pfarrer Aue Dienst tut. „Man ist hier schon sehr bewusst evangelisch“, sagt der Seelsorger. In den abgeschiedenen Gegenden des Languedoc haben einige Hugenotten-Gemeinden überlebt, eine Diaspora-Situation, die prägt und typisch für alle Evangelischen in Frankreich ist. Lose zusammengeschlossen sind sie in der „Fédération Protestante de France“, dem Französischen Evangelischen Kirchenbund. Die meisten französischen Protestanten haben eine calvinistische Tradition. Ein Erbe der Hugenotten, die der Schweizer Reform folgten.

Kaum zehn Prozent beträgt der Anteil der Lutheraner, nur im Elsass und in Lothringen ist es fast umgekehrt, weil hier, wie schon erwähnt, rechtsrheinische Einflüsse dominierten.

Barbara Franke ist eine LutBrabara Franke, Pastorin in Paris. Foto: Privatheranerin. Seit September 2021 hat sie die Pfarrstelle der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Paris inne, ihre Heimat ist die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern. Nun tut sie Dienst am Fuße des Montmarte, in der traditionsreichen Christuskirche, die 1894 für die Deutschen in Paris erbaut wurde.

Der Alltag ist hier ein anderer, die Kirche nicht Teil des öffentlichen Lebens wie in Deutschland. Einschulungs- oder Zeltgottesdienste gibt es nicht, eine Missions- oder Diakoniearbeit findet ebenfalls nicht statt. Immerhin ist es Barbara Franke gestattet, Religionsunterricht an der Deutschen Internationalen Schule zu erteilen, allerdings nicht konfessionell: „Es ist eher eine Art Religionskunde“, sagt die evangelische Pfarrerin.

Ihre Gemeinde ist eine bunte Mischung aus Deutschstämmigen, Arbeitsmigranten und germanophilen Franzosen. Viele deutsche Frauen sind darunter, die einen Franzosen geheiratet haben. Mitarbeiter der Botschaft, die ein paar Jahre in Frankreich leben. Kulturverliebte aus nah und fern, die die deutsche Sprache und Literatur schätzen.

Das gefällt Barbara Franke. „Ein bisschen wie in München, wo eine evangelische Gemeinde ja auch aus lauter Zugereisten besteht“, sagt sie lächelnd. Ansonsten ist hier aber so ziemlich alles anders als in Bayern. Muss das Dach saniert werden, gibt es keine kirchliche Verwaltungsstelle, an die man sich wenden kann. Die 580 000 Euro müssen größtenteils aus Spendenmitteln aufgetrieben werden, noch immer klafft eine Lücke von 40 000 Euro, um die sich die Pfarrerin zusammen mit ihrem Präsidenten kümmern muss.

Ostereier färben sie auch nicht

Der Präsident ist der Vereinsvorstand der Gemeinde. Formal also jener, der die Pfarrerinnen und Pfarrer anstellt. Sie sind Beschäftigte ihres evangelischen Kultvereins, mit der Besonderheit im Falle der Auslandsgemeinden, dass sie dorthin von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entsandt werden.

Lars Olaf Aue, Pfarrer in Toulouse. Foto: PrivatDemnächst wird Ostern gefeiert. Dann gibt es auch in Frankreich wieder Ferien, die freilich nicht Osterferien genannt werden dürfen. Auch der Ostermontag ist arbeitsfrei, „ohne dass man eigentlich weiß, warum“, sagt Barbara Franke. Der Jahresrhythmus der kirchlichen Feste und Feiertage, das fehlt ihr schon ein wenig, ebenso wie die Tatsache, dass man hier keine Ostereier färbt.

Glaube ist in Frankreich Privatsache, „darüber redet man nicht, das gilt als unschicklich“, sagt auch Pfarrer Lars Olaf Aue aus Toulouse. Das kirchliche Leben findet unterhalb der Wahrnehmungsschwelle statt. Kaum eine Zeitung berichtet in Frankreich darüber, wenn irgendwo ein neuer Pfarrer eingesetzt wird.

Schlecht lebt es sich als Christ dort aber trotzdem nicht. „Niemand legt einem Steine in den Weg“, sagt Pfarrer Aue. Ein Gutteil der kirchlichen Vereinsbeiträge wird sogar vom Staat über die Steuererklärung zurückerstattet. Und die fehlende Verbindung zum Staat ist auch ein Stück Freiheit, ohne das enge Geflecht von Pflichten und öffentlichen Aufgaben, das es in Deutschland gibt.

Ohnehin war den Evangelischen in Frankreich das 1905 verabschiedete Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat nicht nur ein Dorn im Auge. Im Gegenteil: Es brach die bis dahin starke Machtposition der katholischen Kirche, unter der auch die Protestanten lange Zeit zu leiden hatten.

Heute haben sie in Frankreich die gleichen Probleme, mit denen sich auch die Katholiken herumschlagen: der Mitgliederschwund. Der einzige Unterschied zu Deutschland ist, dass man ihn hier nicht so genau beziffern kann.