Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der wahre Wert von Freiheit - Viruelle Gefängnismauer

Das Virus hat die Gefängnismauern noch höher gezogen. So erlebt es eine Frau, die in der Justizvollzugsanstalt Gotteszell in Schwäbisch Gmünd eine mehrjährige Haftstrafe verbüßt. Die Frau in den Vierzigern, die anonym bleiben will, hat auf Anregung von Gemeindeblatt-Autorin Sigrid Bauer und Gefängnisseelsorgerin Susanne Büttner aufgeschrieben, wie es ihr geht.

Haftanstalt. Foto: Erika Wittlieb, pixabay

Selbst unser schon eingeschränktes Leben hinter Gittern wird durch Corona noch mehr eingeschnürt.

Wir arbeiten weiterhin und haben unsere Hofgänge, aber Besuche fehlen. Das tut am meisten weh. Skype ist dafür kein Ersatz: keine Umarmung, kein vertrauter Duft, seltsam verzerrte Stimmen.

Mein persönlicher Verlust ist, dass meine hart erkämpften Lockerungen seit bald einem Jahr stillgelegt sind. Das ist frustrierend.

Ich leide darunter, dass manche die Corona-Regeln nicht einhalten. Vor allem aber leide ich unter Unsicherheit und fehlenden Kontakten.

Im Gefängnis bin ich zur Meditation gekommen. Das hat mich schon oft im Alltag hier gerettet. Ich musste innerhalb von sechs Wochen zweimal in Quarantäne, beim zweiten Mal in kompletter Isolation, weil ich „positiv“ getestet worden war. Gott sei Dank ohne nennenswerte Symptome. Das ungute Gefühl, es war nicht meine letzte Quarantäne, bleibt.

In der ersten Welle ergab ich mich anfangs der trügerischen Sicherheit, die Mauern und die Vorkehrungen werden mich schützen. Dann überfiel mich der Gedanke, was ist, wenn diese Krankheit tödlicher verläuft als gedacht? Wer wird an die Gefangenen denken? Werden wir elendig zugrunde gehen?

Foto: Susanne Buettner

Ich bin froh, dass mich das nicht lange belastet hat. Aber da wusste ich bereits: Covid-19 hat eine zusätzliche Mauer um die JVA gezogen. Eine erbarmungslose Mauer – die Steine aus Viren, der Mörtel aus Angst und Unsicherheit.

Keine „gute Führung“, keine Argumente, keine Paragraphen machen diese Mauer durchlässiger. Das verbindet „drinnen“ und „draußen“: Niemand kann vor dem Virus weglaufen. Es ist gnadenlos. Die Stimmung hier drinnen ist sehr bedrückt und gereizt.

Wie gehe ich mit der Situation um?

Ehrlich gesagt: Gar nicht. Ich hoffe, ich bete – für jeden. Nicht nur, dass wir gesund bleiben. Ich bete, dass wir etwas lernen. Dass, wenn es endlich vorbei ist, jeder weiß, was wirklich wichtig und wertvoll ist. Der wahre Wert von Freiheit. Die Bedeutung von Familie und Freunden.

Dass jeder versteht: Es gibt keine Sicherheit, keine Kontrolle. Mir hat Covid-19 begreiflich gemacht: Ich möchte so gerne einfach nur in den Wald laufen. Ich möchte die, die ich mag, umarmen, ohne mich zu sorgen, dass ich jemanden anstecken könnte. Ich möchte endlich wieder die Gesichter meiner Lieben sehen.

Sollte ich Corona danken? Ja!

Sollte ich Corona verfluchen? Ja!

Für die vielen Toten. Für die Einsamen. Corona hat hier nichts und doch alles verändert. Ein Jahr Corona – manchmal fühlt es sich so an, als hätte es nie ein Vorher gegeben. Und manchmal habe ich Angst, es wird nie ein Nachher geben.

Was mir hilft? Vertrauen in Gott. Mehr nicht.

Lichtung im Wald. Jplenio, pixabayLichtung im Wald. Jplenio, pixabay

Welche Bedeutung hat für mich Seelsorge?

Am Anfang der Haft war ich eine Frau in einer ausweglosen, hoffnungslosen Lage. Von der Welt und von sich selbst aufgegeben.

Keine gute Beziehung zu Gott. Am Scheidepunkt: Leben oder Sterben. Zwar sich für das Leben entscheiden – aber wie soll dieses Leben aussehen? Die Seelsorge warf mir einen Rettungsring zu – und zog mich ans Ufer.

Die Seelsorge ist der Leuchtturm, weist eine mögliche Richtung, erhellt die dunklen und nebligen Tage. Das Licht ist immer da.

Das ist Seelsorge für mich, dieses Licht. Und sie erinnert mich immer daran: Das Licht, also Gott – ist immer für mich da. Es liegt aber nur in meiner eigenen Verantwortung, ob ich danach greife oder nicht.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen