Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Weg zur Befreiung - Loslassen, das Leben anpassen

Loslassen und einen Schlussstrich ziehen – das ist wichtig, wenn das Leben gelingen soll. Doch genau das fällt oft schwer. Wir bleiben an vielem hängen: an Verletzungen, die uns andere zugefügt haben, an verpassten Chancen, alten Zielen und Wertvorstellungen. Wie kann es gelingen, mit Altem abzuschließen und Neuem Raum zu geben?

Klammern oder loslassen - Von manchen Dingen gilt es nach einiger Zeit Abstand zu nehmen. Foto: Thomas Reimer/ Adobe StockKlammern oder loslassen - Von manchen Dingen gilt es nach einiger Zeit Abstand zu nehmen. Foto: Thomas Reimer/ Adobe Stock

Holger Rettig (Name geändert) fährt für sein Leben gerne Fahrrad. Als er sich ein neues Rad kauft, legt er eine Tabelle an, in der er seine Touren einträgt: Länge, Durchschnittsgeschwindigkeit, Dauer. Mit großer Freude stellt er fest, wie er jedes Jahr seine Kilometerleistung ein wenig steigert. Jetzt ist er schon bei 8500 Kilometern angelangt. Das Ganze geht noch ein paar Jahre lang so weiter, doch dann stellt er irgendwann fest, dass er sich selbst nicht mehr übertreffen kann. Irgendwann ist er so frustriert, dass er den Spaß am Radfahren ganz verliert. Das Ziel, sich jährlich zu verbessern, ist nicht mehr zu erfüllen – das Ganze ist für ihn sinnlos geworden. Den Zettel mit den Touren wirft er desillusioniert weg.

Jahre später, er ist jetzt schon 60, fragt ihn ein Freund, ob er denn mit ihm Rad fahren würde. Holger Rettig sagt schließlich zu, und gemeinsam machen sie eine Wochenendtour mit ganz kleinen Etappen. Es wird ein Hochgenuss für beide, und für den passionierten Radfahrer die Wiederentdeckung von etwas, das er für sich eigentlich schon verloren geglaubt hatte.

Loslassen - Nicht an alten Kränkungen hängen bleiben

Wie schön es doch war, ohne Kilometerzähler zu fahren, ohne dieses Leistungsdenken. Seine Tabelle von damals kommt ihm jetzt lächerlich vor. „Das war sie nicht“, entgegnet sein Freund. „Es war eben das, was damals für dich wichtig war.“ Holger Rettig hat es nur versäumt, das Leben seinem Lebensalter anzupassen. Und von Dingen Abstand zu nehmen, die zu ihm als 60-Jährigem nicht mehr passen.

Ein Beispiel dafür, dass es manchmal im Leben an der Zeit ist, von unrealistischen Erwartungen Abschied zu nehmen. Oft nimmt man sich etwas vor und will dies mit allen Mitteln erreichen – vergisst dabei jedoch, dass auch Ziele immer wieder neu definiert werden müssen. Zum Beispiel dann, wenn sie offensichtlich nicht mehr zum Lebensalter passen.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Ob wir etwas, das wir nicht erreichen, als Scheitern erleben, hängt in hohem Maß von unserer Wahrnehmung ab. Oft genug sind es selbst gesteckte Ziele, an denen wir uns abarbeiten und bei denen wir nicht mehr merken, dass sie schon längst nicht mehr realistisch sind.

Der Weg ist das Ziel: Ein Satz, den jeder unterschreiben würde, der jedoch nur in seltenen Fällen auch der Realität entspricht. In 90 Prozent aller Lebenssituationen agieren wir eingeklemmt zwischen Zielpunkten, die wir uns vorher selbst gesetzt haben. Da bleibt für Überraschungen am Wegesrand kein Platz mehr.

Doch manchmal sind es auch alte Kränkungen, an denen wir hängen bleiben. Was der gestern zu mir gesagt hat! Wie die mich links liegen lässt! Das ist doch unerhört, ein bisschen mehr Dankbarkeit könnte man schon erwarten! Das werde ich denen nicht so schnell vergessen!

Wo immer wir aus Prinzip und aus scheinbar gutem Grund nachtragend sind, sollten wir uns klar machen, was hier eigentlich passiert: Wir halsen uns einen Vorgang auf, den wir ab sofort ständig mit uns herumschleppen. Als ob wir nicht schon genug im Leben zu tragen hätten, laden wir auch noch einen Sack Groll auf unsere Schultern. Oder, um im Wortbild zu bleiben: Wir tragen es selbst, wenn wir nachtragen und nicht etwa der andere, der uns den Schlamassel vermeintlich eingebrockt hat. Grund genug, daran etwas zu ändern.

So wie im Falle eines kinderlosen Ehepaares, das jahrelang den Nachbarssohn bei sich im Haus hatte. Er war für sie fast wie ein eigenes Kind. Später, als er ein Jugendlicher wurde und begann, eigene Wege zu gehen, kam er plötzlich nicht mehr. Beide waren tief enttäuscht. Wenn sie ihn auf der Straße trafen, grüßte er kaum noch, auf Fragen gab er sehr einsilbige Antworten. Was war nur aus ihrem Buben geworden? Was hatten sie falsch gemacht? Stundenlang konnten sie über dieses Thema diskutieren und die Undankbarkeit des Jungen beklagen.

Schließlich sprachen sie mit seinen Eltern. Die waren wenig verwundert, wie verletzt ihre Nachbarn waren. „Ach der, der ist halt gerade so“, sagten sie, „der redet doch auch mit uns fast nichts.“ „Pubertät“, meinte der Vater nur, und dass sich alles wieder legen würde. „Das dürft ich nicht gegen euch gerichtet sehen.“

Loslassen - Befreit von jedem Groll

Tatsächlich entlasteten die Worte der Eltern die Nachbarn. Zwar änderte sich das Verhalten des Jungen weiterhin nicht, aber nun wussten sie wenigstens, dass er auch zu anderen so war. Allmählich fingen sie an, sich an den Zustand zu gewöhnen, und redeten wieder über andere Dinge in ihrem Alltag. Der Junge war ein Stück Vergangenheit, von dem sie, wenn auch schweren Herzens, allmählich loslassen konnten.

Eines Tages stand er plötzlich wieder vor ihrer Tür. Es war eine Einladung zu seinem 18. Geburtstag. Sie freuten sich darüber, wie sie sich schon lange nicht mehr über etwas gefreut hatten. Leichten Herzens und befreit von jedem Groll sagten sie zu. Vielleicht würde jetzt ja etwas Neues für sie beginnen.

Luftballon. Herz. Loslassen. Foto: picture-alliance/ VisualEyzeFoto: picture-alliance/ VisualEyze

Mit dem Thema „Loslassen“ hat sich die Mannheimer Psychologin Doris Wolf ausführlich beschäftigt. Der Umgang mit Verletzungen und Kränkungen nimmt besonders viel Raum bei ihr ein. In den seltensten Fällen geht es um konkrete Konfliktbewältigungsstrategien. Vielmehr handelt es sich um eine Frage der Lebenseinstellung. „Wir haben unrealistisch hohe Erwartungen an andere“, sagt sie, „und außerdem oft eine negative Lebenseinstellung zu uns selbst.“

Deshalb würde Kritik oft als Kränkung empfunden und ein verändertes Verhalten eines anderen als Ablehnung. Eine Stärkung des eigenen Selbstwertgefühls sei die Voraussetzung dafür, wenn man gelassener und weniger empfindlich werden möchte. „Dann geht auch nicht mehr jede Bemerkung unter die Haut.“

Oftmals liegt dem lang anhaltenden Nachtragen von Ärger und Verletzungen auch ein Missverständnis zu Grunde, wie die Autoren Rosette Poletti und Barbara Dobbs in ihrem Buch „Loslassen. Der Weg zu einem befreiten Leben“ feststellen: das Missverständnis etwa, dass man eigentlich nicht bereit ist zu vergeben und sich nicht selbst verleugnen will. Dabei gehe es hier, so die Autoren weiter, nur um Selbstachtung und den notwendigen Abstand zu einem Vorgang, den man mit weniger Hass vermutlich viel einfacher gelöst bekommt.

Es ist wie mit den Gedanken, die ständig kreisen und verzweifelt nach der Lösung eines Problems suchen. Dann ist es vor allem wichtig, das Kreisen der Gedanken zu einem Ende zu bringen. Das Problem löst sich danach oft wie von alleine. □

Buch-Tipp

Franciska Bohl und Andreas Steidel: Alles hat keine Zeit? Wie wir unser Leben sinnvoll nutzen.

Evangelischer Verlag Stuttgart 2017, 112 Seiten, 14,95 Euro.

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen