Christliche Themen für jede Altersgruppe

Deutsche Hilfe für Marokko

STUTTGART – Kirchenkreis und Jesustreff unterstützen gemeinsam ein Projekt in Marokko, das von der evangelischen Kirche vor Ort initiiert wurde und betreut wird: Flüchtlinge erhalten erste Hilfe sowie Beratung und Geld, Jugendliche eine Ausbildung. 

Gemeinsames Abendessen. (Foto: privat/Nathan Tröster)


„Die Leute haben kaum Geld, und sie helfen trotzdem. Die machen das einfach, das gehört für sie dazu.“ Daniel Fetzer aus Stuttgart ist von den Christen in Marokko beeindruckt. Zusammen mit anderen Stuttgartern hat er das Land inzwischen bereits zwei Mal besucht. Auch im Auftrag seiner Kirchengemeinde, dem Jesustreff. Letztes Jahr ging es darum zu sondieren, welches Projekt der evangelischen Kirche in Marokko vom Jesustreff und dem Kirchenkreis Stuttgart mit einer Partnerschaft und Geld unterstützt werden soll. In diesem Jahr besuchte Fetzer mit einer Gruppe die Gemeinde, die die Hilfe aus Stuttgart bekommt. Es ist die Kirchengemeinde in Oudja, im Nordosten des Landes.
Die evangelischen Christen haben in Oudja im katholischen Gemeindezentrum zusammen mit dem katholischen Priester einen Anlaufpunkt für Flüchtlinge eingerichtet. Wer dort ankommt, bekommt quasi erste Hilfe. Wer verletzt ist oder krank, wird verarztet. Braucht er oder sie Papiere, gibt es Hilfe, meist Geld, damit die Person in die Hauptstadt Rabat weiterreisen kann.

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Die Flüchtlinge kommen durch die Wüste, sie steigen über Zäune, verletzen sich dabei, sind durstig, hungrig und voller Hoffnung darauf, nach Europa zu kommen, um dort ein besseres Leben zu finden. „Viele Jugendliche, die über die Grenze von Algerien nach Marokko kommen, glauben, in Europa wird man leicht und schnell reich“, hat Daniel Fetzer erfahren. Denn die Flüchtlinge, die in Marokko Migranten genannt werden, kommen aus Ländern, die sehr arm sind, Gambia beispielsweise. Sie haben in ihrer Heimat keine Zukunftsperspektive.

Die Neuankömmlinge werden auch beraten darüber, wie es mit ihnen jetzt weitergehen kann. Für viele von ihnen liegt Europa, ihr Traum, so nah und doch so fern. Die Fahrt übers Mittelmeer ist gefährlich, Europa macht die Grenzen dicht. Die evangelische Gemeinde hat in Oudja ein lokales Hilfswerk eingerichtet, das mit dem Hilfswerk der Vereinten Nationen kooperiert. Gemeinsam mit den Beratern loten die Neuankömmlinge ihre Möglichkeiten aus. Ist eine Rückkehr ins Heimatland eine Option? Könnte es vielleicht auch in Marokko ein besseres Leben geben für die Geflohenen, wenn oder weil es mit Europa nicht klappt? „Das ist für manche von ihnen tatsächlich eine Möglichkeit“, sagt Daniel Fetzer. Denn für Flüchtlinge sei es in Marokko verhältnismäßig einfach, als legaler Einwanderer anerkannt zu werden. „Und sie können kleine Geschäfte eröffnen. Als Schreiner, Friseur, Bäcker oder Mechaniker.“

Im Schnitt bleiben die Neuangekommenen nur zwei bis drei Tage in Oudja, danach reisen sie weiter. Für 15 Jugendliche ist länger Platz auf dem Gelände der katholischen Gemeinde. Sie leben dort in einer Wohnung und machen eine Ausbildung. Manche von ihnen wollen danach ein Geschäft in Marokko eröffnen. Andere vielleicht doch wieder zurückgehen in ihr Heimatland. „Ihre Träume sind hier realistischer geworden“, hat Daniel Fetzer beobachtet.

Im Gemeindezentrum sei ein ständiges Kommen und Gehen, „tagsüber ist das ein richtiges Gewusel“, erzählt Daniel Fetzer. Wie viele so da sind an einem Tag? Schwer zu schätzen. Zu den festen Bestandteilen des Alltags gehören die gemeinsamen Mahlzeiten. Nicht nur, dass mit einem Gebet begonnen wird, hat Daniel Fetzer beeindruckt: Das Essen wird serviert. Und dann komme man intensiv mit den Menschen ins Gespräch. Viele hätten keine Scheu davor, ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Frauen berichten von Vergewaltigungen und Zwangsprostitution, alle Geflohenen haben schwere Zeiten in der Wüste durchstehen müssen, um nach Marokko zu kommen. Meist hätten die deutschen Gäste nicht so viel nachgefragt, sagt Daniel Fetzer. Denn durch zu viele Fragen könne eine weitere Traumatisierung entstehen. Eine Geschichte hat ihn berührt: Ein 26-jähriger BWL-Student arbeitet täglich im Gemeindezentrum – ehrenamtlich. Er begleitet die Jugendlichen zum Arzt und zieht selbst noch zwei Kinder eines Freundes, der in Haft sitzt, auf.

Ein Höhepunkt der diesjährigen Reise war ein Wochenendausflug ans Meer. „Alle, die gerade im Gemeindezentrum waren, fuhren mit.“ Die katholische Kirche hat dort ein Haus, in dem sie unterkamen, die Fahrt wurde möglich durch eine Spende. Einer der Jugendlichen rannte in die Wellen und rief „Nach Europa!“ Das hat Daniel Fetzer nachdenklich gemacht. Was für die Deutschen so einfach ist, ist für andere kaum möglich.

Auch deshalb engagiert sich Daniel Fetzer beim „Team Marokko“ beim Jesustreff. Die Gemeinde hat inzwischen eine Partnerschaft mit der evangelischen Kirche in Oudja geschlossen und sammelt Spenden für das Projekt mit den Jugendlichen. Zusätzlich gibt der Kirchenkreis Stuttgart in den nächsten fünf Jahren 45.000 Euro, damit die evangelische Gemeinde eine alte Kirche renovieren kann, die sie nach einer Enteignung kürzlich wiedererhalten hat.


Weitere Informationen zur Partnerschaft zwischen der evangelischen Gemeinde in Oudja und dem Jesustreff sowie dem Kirchenkreis Stuttgart gibt es per E-Mail: marokko(at)jesustreff.de