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Deutschland soll vorangehen - "Ohne Rüstung Leben (ORL)" - Interview mit Simon Bödecker

75 Jahre nach den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki gibt es weltweit immer noch über 13 000 Atomsprengköpfe. Die ökumenische Aktion „Ohne Rüstung Leben“ (ORL) setzt sich seit 1978 für eine atomwaffenfreie Welt ein. Welche Erfolge es auf diesem Weg gibt, aber auch welche Rückschläge, erklärt ORL-Atomwaffenexperte Simon Bödecker im Gespräch mit Martin Janotta.

Protest beim Kirchlichen Aktionstag in Büchel. Foto: epd-bildProtest beim Kirchlichen Aktionstag in Büchel. Foto: epd-bild

Herr Bödecker, wie sähe eine Welt ohne Atomwaffen aus?

Simon Bödecker: Die Welt wäre sicherer. Im Moment nehmen einige wenige Staaten sich das Recht heraus, andere mit der Zerstörung durch Massenvernichtungswaffen zu bedrohen. Ein Großteil der Weltbevölkerung lebt aber in Ländern, die nicht auf Atomwaffen setzen. Von diesen Ländern ging 2017 die Initiative für den UN-Atomwaffenverbotsvertrag aus, der Entwicklung, Erwerb, Lagerung, Stationierung, Weitergabe und Einsatz von Atomwaffen verbietet.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich für atomare Abrüstung einzusetzen? Der Protest gegen Atomwaffen wird ja eher mit älteren Generationen in Verbindung gebracht.

Simon Bödecker: Für mich sind Atomwaffen ein hochriskantes Relikt des Kalten Krieges. Unser Ziel sollte es sein, Lösungen für die zukünftigen Herausforderungen zu entwickeln. Atomwaffen sind das Gegenteil von dem, was wir brauchen. Und sie verschlingen Unsummen, 2019 weltweit über 70 Milliarden Dollar. Das bewegt und motiviert auch meine Generation.

Was tut Ihre Organisation, um die Vision einer atomwaffenfreien Welt wahr werden zu lassen?

Simon Bödecker: Wir informieren und starten Aktionen, an denen sich alle beteiligen können. Zum Beispiel hat der Bundestag 2010 beschlossen, dass die US-Atomwaffen in Büchel in der Eifel, die letzten auf deutschem Boden, abgezogen werden sollen. Wir haben jetzt mit einer Kampagne und im Dialog mit Bundestagsabgeordneten gefordert, dass dieser Beschluss endlich umgesetzt wird. Als Partner von ICAN …

… der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen …

Simon Bödecker: … und mit der Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt“ sind wir in viele weitere Aktivitäten eingebunden. Ein Beispiel ist der Kirchliche Aktionstag in Büchel, der dieses Jahr leider nicht stattfinden konnte. 2019 hat dort Margot Käßmann gepredigt und über 1000 Menschen haben friedlich gegen Atomwaffen protestiert.

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Laut der „Weltuntergangsuhr“ sind wir so nah wie nie an einem Atomkrieg. Ist die Gefahr heute wirklich größer als etwa 1962 oder 1981?

Simon Bödecker: Die Kommunikation zwischen den Atommächten ist heute offenbar so schlecht wie nie zuvor. Zuletzt wurde der INF-Vertrag zwischen Russland und den USA gekündigt. Nun wird der letzte atomare Abrüstungsvertrag, der New-START-Vertrag, vermutlich im Frühjahr nächsten Jahres auslaufen. Die Aufkündigung so vieler Verträge und der Unwille des US-Präsidenten, einen atomaren Angriffskrieg auszuschließen, sind beängstigend.

Was könnte die Atommächte dazu bringen, auf ihre Waffen zu verzichten?

Simon Bödecker: Alle Atommächte sind für eine atomwaffenfreie Welt. Doch sie warten immer darauf, dass die andere Seite den ersten Schritt macht. Das Ziel des UN-Atomwaffenverbotsvertrags ist es, dieses Dilemma zu durchbrechen. Atomwaffen sollten in der öffentlichen Meinung stigmatisiert werden. Bei Landminen haben wir gesehen, dass zuerst ein Verbotsvertrag zustande kam und dann Schritt für Schritt eine Ächtung von Landminen in den Köpfen der Menschen stattfand. Heute besitzt kaum noch ein Land solche Minen. Diese Entwicklung sollte auch bei Atomwaffen das Ziel sein.

Simon Bödecker, Jahrgang 1986, ist Referent und Projektleiter bei „Ohne Rüstung Leben“. Foto: Privat

Sichert die nukleare Abschreckung nicSimon Bödecker, Jahrgang 1986, ist Referent und Projektleiter bei „Ohne Rüstung Leben“. Foto: Privatht den Frieden?

Simon Bödecker: Das ist eine Lesart. Ich würde ihr entgegnen, dass wir schon mehrmals nur mit viel Glück an der nuklearen Katastrophe vorbeigeschrammt sind. Spannend finde ich, wie sich die Evangelische Kirche in Deutschland inzwischen positioniert. In den Kirchen war lange die Haltung verbreitet, dass Atomwaffen tolerabel sind, solange sie dem Frieden dienen. Die EKD-Synode hat sich nun im November 2019 klar für „die völkerrechtliche Ächtung und ein Verbot von Atomwaffen“ ausgesprochen.

Blicken wir auf Deutschland. Das Konzept der nuklearen Teilhabe führt dazu, dass Atomwaffen in Deutschland stationiert sind und im Kriegsfall von deutschen Flugzeugen zum Einsatz kommen. Warum sollte die Bundesrepublik dort aussteigen?

Simon Bödecker: Wir fordern, dass Deutschland atomwaffenfrei wird, und vertreten damit die Haltung einer großen Mehrheit. Laut einer aktuellen Umfrage sind 92 Prozent der Deutschen dafür, dass Deutschland den Atomwaffenverbotsvertrag unterzeichnet. 83 Prozent wollen, dass die US-Atomwaffen abgezogen werden.

Welche Signale bekommen Sie aus der Politik zu Ihren Zielen?

Simon Bödecker: Grundsätzlich sind Politiker über alle Parteien hinweg für eine atomwaffenfreie Welt. Gleichzeitig weigert sich Deutschland, den Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen. Doch die Debatte über neue Trägerflugzeuge hat gezeigt, dass das Thema nicht totgeschwiegen werden kann.

Wie häufig wird Ihnen Naivität vorgeworfen?

Simon Bödecker: Man liest gelegentlich, es sei naiv, auf atomare Rüstung zu verzichten. Es sei naiv, die Bedrohung durch Russland kleinzureden. Das ist ein Versuch, unsere Argumente einfach vom Tisch zu wischen. Ich halte es eher für naiv, sich auf Massenvernichtungswaffen zu verlassen, anstatt frühzeitig auf Diplomatie, Deeskalation und Konfliktprävention zu setzen.

Wie arbeiten Sie mit den Kirchen zusammen?

Simon Bödecker: Wir arbeiten in unterschiedlichen Kampagnen mit kirchlichen Stellen zusammen, wie beim Aktionstag in Büchel, auch mit dem Friedenspfarramt der Württembergischen Landeskirche. Ansonsten findet unsere Arbeit in kirchlichen Kreisen an der Basis statt.

„Ohne Rüstung Leben“ hat seinen Sitz in Stuttgart. Sind Sie in Württemberg besonders verankert?

Simon Bödecker: Unsere Arbeit ist auf ganz Deutschland ausgerichtet, aber unsere Wurzeln liegen in Württemberg. Wir sind vor mehr als 40 Jahren von Pfarrern aus dem Südwesten gegründet worden und hatten hier schon in den ersten Jahren viel Rückhalt in den Gemeinden.

Was planen Sie zum Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki?

Simon Bödecker: Da derzeit keine großen Versammlungen möglich sind, rufen wir zusammen mit den anderen ICAN-Partnern die Menschen auf, vor Ort kleine Gedenkveranstaltungen zu organisieren. Dafür bieten wir Banner an mit der Forderung nach einem Beitritt Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag.

Noch einmal zum Ausgangspunkt unseres Gesprächs: eine Welt ohne Atomwaffen. Was wären die nächsten drei Schritte dorthin?

Simon Bödecker: Damit der Atomwaffenverbotsvertrag offiziell in Kraft tritt, müssen ihn 50 Staaten ratifizieren, aktuell sind es 39. Ich denke, in ein paar Monaten wird der Vertrag in Kraft treten. Gleichzeitig müssen die Atommächte zurück an den Verhandlungstisch. Und drittens brauchen wir ein Umdenken in den Teilhabestaaten, die derzeit auf Atomwaffen setzen. Da wird Deutschland weltweit beobachtet und sollte mit gutem Beispiel vorangehen.

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