Christliche Themen für jede Altersgruppe

Dialog mit Respekt

Liegen Wurzeln der Gewalt im Koran und im Vorbild Mohammeds verborgen? Das wollte Alexander Schweda vom Islambeauftragten der Landeskirche, Heinrich Georg Rothe, wissen.




Der Koran steht im Mittelpunkt des Islam. "Muslime verstehen den Koran anders als Christen die Bibel", sagt Heinrich Georg Rothe. (Foto: epd-Bild)



Der Islam war nie nur Religion. Er war von Anfang an auch Staat und Gesetz. Wie schwer ist es für eine islamische Gemeinschaft, in einem säkularen Staat leben zu können?

Heinrich Georg Rothe: Das arabische Wort für „Säkularisierung“ bedeutet  „Religionslosigkeit“, bezeichnet also einen Verlust von Religion. Das wollen die Menschen des Nahen Ostens in ihrer Mehrheit nicht, übrigens auch die meisten Christen dort. Doch viele Muslime haben Erfahrung mit dem säkularen Staat, besonders in der Türkei. Die türkische Republik wurde laizistisch geordnet nach französischem Vorbild. In ihren Anfängen wurde religiöse islamische Bildung massiv eingeschränkt, der Staat kontrolliert auch heute die Religion. Bis vor wenigen Jahren wurde zum Beispiel das türkische Offizierskorps regelmäßig von religiös Praktizierenden gesäubert.

Außerhalb der Türkei gibt es aus der Kolonialzeit, vor allem aber aus der klassischen Geschichte des Islam Ansätze für eine Differenzierung von Politik und Religion. Denn der Islam als Religion hat zwar immer politische Gestaltung gewollt, aber selten ausüben können. Schon im ersten islamischen Reich erlebten die islamischen Rechtsgelehrten, dass der Kalif in Damaskus gegen ihren Rat und an ihnen vorbei regierte. Eine Kluft tat sich auf zwischen politischer und religiöser Gewalt. Später, als das Zentrum der Macht nach Bagdad wanderte, verstärkte sich die Kluft: Neben den „Kalifen“ als legitimen Nachfolger des Propheten im Herrscheramt schob sich der Sultan. „Sultan“ heißt „Macht“ und bezeichnete den realen Inhaber der politischen Macht. Welches Wort und welche Wirklichkeit setzte sich durch? Die Macht des „Sultans“! Die islamische Theologie lernte, dies zu akzeptieren und entwickelte eine entsprechende politische Ethik.

Muslime in Deutschland akzeptieren in ihrer überwältigenden Mehrheit das Recht und die politische Ordnung Deutschlands.

In der islamischen Welt ist es derzeit politisch nicht leicht, sich für Säkularisierung einzusetzen, denn autoritäre Staaten fördern autoritäre Religionsauslegung. Dennoch haben sogar einige Theologen dort den Mut, sich für Trennung von Staat und Religion einzusetzen, für Säkularisierung.

Bibelstellen, die Gewalt befürworten, werden von christlichen Theologen heute im historischen Zusammenhang gesehen und interpretiert. Darf der Koran als heiliges Wort Gottes interpretiert werden? Wenn nicht, wie ist dieses Dilemma aufzubrechen? Kann eine historisch-kritische Koranauslegung erfolgen?

Heinrich Georg Rothe: Muslime verstehen den Koran anders als Christen die Bibel. Aber: Zur klassischen Koranauslegung gehört es seit frühen Zeiten, für Koranverse die historischen Umstände ihrer Offenbarung anzugeben (asbab an-nuzul). Damit werden viele Verse, in denen es um Gewalt geht, auf sehr konkrete Konflikte und Kriege der frühen Gemeinde bezogen. Für diese Situation gilt der Vers, nicht allgemein und immer! Nur radikale Ideologen lösen Koranverse aus ihren historischen Zusammenhängen!

Immer mehr Muslime, die in Deutschland aufgewachsen sind, suchen eigene, europäische Zugänge zum Islam. Ist das ein Hoffnungszeichen?


Heinrich Georg Rothe: Ja, ich sehe Hoffnungsvolles! Ich sehe zum Beispiel, wie in Deutschland Muslime immer individueller leben, besonders junge Muslime. Sie entscheiden selber, ob und wie sie Religion leben, nicht Eltern, nicht Familie, nicht Moschee, auch nicht der Ehepartner. Das wird erleichtert, weil der Islam als Religion keine Kirche oder Gemeinde kennt, wo man Mitglied ist. Der Einzelne ist direkt vor Gott.

Wenn in Deutschland die Zwänge autoritärer Staaten oder Familien wegfallen, kommt diese religiöse Prägung des Islam ganz neu zur Entfaltung. Das ist durchaus modern, wenn auch unbequem für die Umgebung. Denn wenn Menschen allein über ihren Weg entscheiden, direkt vor Gott, gefallen ihre Entscheidungen nicht immer den Menschen ihrer Umgebung: Wenn die junge Frau aus einer säkular orientierten Familie Kopftuch trägt, oder die aus der konservativen Familie dies gerade nicht tut! Wenn der ein junger Mann eine Bildungskarriere sucht und der andere sich auf einen terroristischen Weg verirrt!

Leider ist es deshalb auch eine Illusion, von Moscheen oder Imamen zu erwarten, dass sie Radikalisierung verhindern, denn die Muslime suchen sich selber ihre Lehrer und Autoritäten, in Moscheen oder auch im Internet.

Hoffnung machen mir die neuen Zentren für Islamische Theologie, etwa an der Universität Tübingen. Da wird Islam gegenwartsnah interpretiert und gelehrt, da wird auch kritisch nachgedacht, zum Beispiel über Islam und Gewalt. Da finden suchende, junge Leute geistige Nahrung für ihr Nachdenken und Orientierung!

Wie kann ein christlich-islamischer Dialog geführt werden, der diese Themen aufgreift und nicht ausblendet, und was kann der einzelne Christ dazu tun?

Heinrich Georg Rothe: Unser Dialog blendet kein „heißes“ Thema aus! Ein echter Dialog fordert Ehrlichkeit und Selbstkritik von allen Seiten, auch von der christlichen! Nur dann entwickelt sich das notwendige Vertrauen. Was kann der einzelne Christ für echten Dialog tun? Meine Antwort: sich um Nähe, gute Nachbarschaft, gutes Zusammenleben bemühen, getragen von Respekt.






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