Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Ausnahme beim Brotteilen

Das Verständnis des Abendmahls trennt Katholiken und Protestanten, konfessionsverschiedene Eheleute sind unmittelbar betroffen. Nach einem Klärungsversuch der katholischen deutschen Bischöfe scheint die Verwirrung größer denn je. Worum geht es dabei eigentlich? 


Das Abendmahl: Zeichen der Einheit und zugleich Zeichen der Trennung. (Foto: epd-bild)


Es geht um eine Ausnahme, aber um eine Ausnahme, die im Südwesten der Republik gar nicht so selten ist. Ein Ehepartner ist evangelisch, der andere katholisch. Früher sagte man gemischtkonfessionelle Ehen, heute wird von konfessionsverbindenden Paaren gesprochen, und daran ist schon zu erkennen, dass das Gemeinsame, das Verbindende im Vordergrund steht.
Wenn die Familie gerne in den Gottesdienst geht, gehen beide Partner vielleicht getrennt, vielleicht wechseln sie sich aber auch ab. In der einen Woche die evangelische Kirche, in der anderen die katholische. Beide dürfen miteinander beten, singen, nur eines dürfen sie nicht: gemeinsam zur katholischen Kommunion gehen.

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Eigentlich. Denn praktisch ist es längst so, dass zumindest Priester der Diözese Rottenburg-Stuttgart sagen: Wenn der evangelische Partner oder die Partnerin das Bedürfnis hat, die Kommunion zu empfangen, und auch glaubt, was die katholische Kirche lehrt, – nämlich dass Jesus Christus in diesem Brot dauerhaft gegenwärtig ist – dann dürfen sie nach vorne kommen und den Leib des Herrn empfangen.

Das ist die Ausnahme, wie sie im gottesdienstlichen Leben praktiziert wird, aber nicht offiziell festgehalten ist. Denn generell gibt es keine eucharistische Gemeinschaft zwischen katholischer und evangelischer Konfession. Und auch Katholiken ist es eigentlich untersagt, an einem evangelischen Abendmahl aktiv teilzunehmen. Es geht also in erster Linie noch nicht um hohe Theologie und um Kirchenlehre oder um dogmatische Glaubenslehre, es geht um Praktische Theologie. Es geht um die Frage, wie die Kirche mit der Realität umgeht, dass Familien heutzutage oft evangelisch und katholisch sind und ihren Glauben gemeinsam leben wollen.

Um dies zu regeln, wollten die deutschen Bischöfe für ihre Diözesen eine Handreichung erstellen, in der diese Ausnahme pastoraltheologisch, also für die Praxis, geklärt werden sollte. Die Bischöfe hatten auf ihrer Frühjahrsvollversammlung mit Drei-Viertel-Mehrheit beschlossen, diese Handreichung zur Teilnahme protestantischer Ehepartner an der Kommunion in Einzelfällen auf den Weg zu bringen. Eine Regelung also für etwas, das es in der Praxis schon längst gibt. Was dann kam, ist allerdings so verwirrend, weil sich Dogmatik, Ekklesiologie und Pastoraltheologie mit der Tatsache vermischen, dass die katholische Kirche auch noch eine Weltkirche ist, und die deutsche Situation mit der Lebenswirklichkeit anderer Kontinente nicht deckungsgleich ist.

Zumindest bleibt festzuhalten, dass durch den Protest von sieben Bischöfen beim Papst der Vatikan zum einen auf eine einmütige Lösung drängte, um nach ein paar Wochen grundsätzlich auf die Bremse zu treten. „Noch nicht veröffentlichungsreif“ war plötzlich das Stichwort. Was immer das bedeutet. Denn was nicht ist, kann ja noch werden. Zuvor müssen aber offenbar die Auswirkungen einer Ausnahmeregelung in alle Richtungen geprüft werden. Somit führt die Debatte inzwischen weg von der Familienseelsorge zu der zentralen Frage der katholischen Kirche, nämlich dem Eucharistieverständnis und damit zusammenhängend dem Kirchenverständnis. Und an diesen Fragen arbeiten die Kirchen schon lange und werden es auch weiter tun.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, betonte daher umgehend, dass das Schreiben des Papstes nicht als Bremse in der Ökumene an sich verstanden werden soll. Aus dem Brief gehe nicht hervor, dass das Anliegen der katholischen deutschen Bischöfe, die Kommunion für protestantische Ehepartner zu öffnen, „als illegitim zurückgewiesen wird“, sagte Bedford-Strohm. Er sehe in dem derzeitigen „Zwischenschritt“ auch eine Chance, die Abendmahlsfrage für konfessionsverschiedene Eheleute auf Ebene der katholischen Weltkirche zu klären.

„Ich kann mir die Intervention des Papstes nur so erklären, dass einem zunächst nationalen Anliegen nun doch eine weltkirchliche Bedeutung zugemessen wird und mehr als vorher auch als relevant für die Ökumene mit anderen Kirchen gesehen wird“, sagte Heinrich Bedford-Strohm. Diese Einsicht sei im Verlauf der Meinungsbildung offensichtlich erst spät erfolgt.

Auch der ehemalige Ökumene-Minister des Vatikans und einstige Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Kardinal Walter Kasper, wendete sich gegen die Interpretation, dass es sich bei der von der Deutschen Bischofskonferenz geplanten Handreichung um einen deutschen Sonderweg handelt. Im Gegensatz zu Bedford-Strohm sieht Kardinal Kasper indes keinen akuten Klärungsbedarf in der Weltkirche. Bereits jetzt sei eine Kommunion von nichtkatholischen Christen nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Die universalkirchliche Möglichkeit sei im gültigen Kirchenrecht im Sinn einer Einzelfallregelung längst gegeben und durch zwei Enzykliken des 2005 verstorbenen Papstes Johannes Paul II. weiterführend im positiven Sinn geklärt, schreibt der deutsche Theologe in einem Beitrag für das Internet-Portal „katholisch.de“. Dabei sei ausdrücklich festgehalten, dass der Diözesanbischof oder die Bischofskonferenz über den Einzelfall zu entscheiden hätten, unterstreicht Kasper, der bis 2010 als Präsident des Einheitsrates im Vatikan für die Ökumene zuständig war.

In der Tat schreibt Papst Johannes Paul II. im Jahr 1995 in seiner Enzyklika „Ut unum sint“ („Dass sie eins sind“): „Ein Grund zur Freude ist in diesem Zusammenhang, daran zu erinnern, daß die katholischen Priester in bestimmten Einzelfällen die Sakramente der Eucharistie, der Buße und der Krankensalbung anderen Christen spenden können, die zwar noch nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, aber sehnlich den Empfang der Sakramente wünschen, von sich aus darum bitten und den Glauben bezeugen, den die katholische Kirche in diesen Sakramenten bekennt. Umgekehrt können sich in bestimmten Fällen und unter besonderen Umständen auch die Katholiken zum Empfang derselben Sakramente an die Geistlichen jener Kirchen wenden, in denen sie gültig gespendet werden. Die Bedingungen für diesen gegenseitigen Empfang sind in Normen festgelegt, und ihre Einhaltung erscheint für die Förderung der Ökumene nötig.“

Die Tür ist also grundsätzlich geöffnet. Die Frage ist, wie der Weg weiter beschritten wird. Und da ist sich Papst Franziskus, der ja immer mit dem Anspruch auftritt, dass die Kirche eine Kirche auf dem Weg ist, nicht sicher, ob er zum Ziel führt. Nach dem im Internet kursierenden Brief des Präfekten der Glaubenskongregation, Erzbischof Luis Ladaria, an den Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, jedenfalls ist das geplante Dokument der deutschen Bischöfe zur Öffnung der Kommunion nach Ansicht von Papst Franziskus noch nicht reif zur Veröffentlichung.

Doch zur Veröffentlichung reif war wohl auch nicht dieser Brief. Denn Kardinal Walter Kasper kritisierte scharf, dass der Ladaria-Brief, „offenbar noch bevor er beim Adressaten ankam, durchgestochen und ausgerechnet an solche Medien weitergegeben wurde, deren Papst-Franziskus-kritische Einstellung allgemein bekannt ist“. Das sei ein Loyalitätsbruch von Mitarbeitern der Kurie, durch den nicht nur die Autorität der deutschen Bischöfe, sondern auch die der Kurie und des Papstes sowie das Ansehen der Kirche beschädigt worden seien. Zudem sei unter den Gläubigen Verwirrung angerichtet worden.

Dass protestantische Theologen die Abfuhr aus Rom deutlich schärfer kritisieren, liegt nahe. Denn das Verständnis des Abendmahls ist nach wie vor einer der größten Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten. An katholischen Eucharistiefeiern dürfen bislang in der Regel nur Katholiken teilnehmen, während in der evangelischen Kirche auch Christen anderer Konfessionen zum Abendmahl eingeladen sind. Im Gegensatz zum Ratsvorsitzenden der EKD sieht der evangelische Theologe Ulrich H. J. Körtner den Vorgang sehr wohl als einen Rückschlag für die Ökumene in Deutschland an. Roms Entscheidung in der Kommunionsfrage bedeute nicht nur für den Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, einen „Gesichtsverlust“. Sie sei auch „peinlich“ für die Spitze der EKD, die ganz auf den Münchner Erzbischof gesetzt habe, sagte er. Im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 seien in Deutschland und weltweit hohe ökumenische Erwartungen geweckt worden, sagte Körtner. „Viele Hoffnungen richteten sich auch auf Papst Franziskus. Er ist eben doch nicht so progressiv, wie viele glauben“, resümiert der Theologieprofessor von der Universität Wien.

Denn Anfang Mai hatte Papst Franziskus die deutschen Bischöfe noch aufgefordert, untereinander nach einer einmütigen Lösung zu suchen, nachdem die geplante Handreichung unter ihnen für Streit gesorgt hatte. Franziskus bat sie darum, „im Geist kirchlicher Gemeinschaft eine möglichst einmütige Regelung zu finden“. Dass nun vor dem Finden einer solchen einmütigen Regelung dieses Schreiben aus Rom bei Kardinal Marx eingegangen sei, habe auch diesen überrascht, ließ die Bischofskonferenz verlauten.

„Für die Deutsche Bischofskonferenz ist das ein Schuss vor den Bug, weil es ihre Kompetenz in Frage stellt“, sagt der katholische Theologe Thomas Söding über die jüngsten Entwicklungen. Entgegen der früheren Erklärung, die Bischofskonferenz solle sich einigen, zieht Rom die Entscheidung nun an sich. Dennoch ist der Katholik zuversichtlich: Die Grundlinie der geplanten Handreichung wird seiner Ansicht nach in Rom Bestand haben – „weil die Fragen, die nun gestellt worden sind, gut beantwortet werden können“. Wenn die Glaubenskongregation und der Ökumene-Rat im Vatikan prüfen, ob das Verhältnis von Kirche und Eucharistie hinreichend geklärt sei, könne das Ergebnis nur positiv sein, erklärte der Theologe von der Universität Bochum.

Dabei mahnen Ökumene-Experten seit Jahrzehnten, dass nicht die Zulassung getaufter Christen zum gemeinsamen Abendmahl begründungsbedürftig sei, sondern die Verweigerung. 2004 drängten drei namhafte Ökumene-Institute in Straßburg, Bensheim (siehe dazu Beitrag auf Seite 7) und Tübingen die römisch-katholische Kirche dazu, alle Christen zur Eucharistiefeier zuzulassen. Es gebe keine hinreichenden theologischen Gründe für eine Verweigerung eucharistischer Gastfreundschaft.

Und auch die ungeduldige Kirchenbasis fordert seit langem mehr Einheit – möglichst sofort. Die katholische Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ reagierte mit großem Befremden auf die Entscheidung des Vatikan gegen die Handreichung zum Kommunionempfang evangelischer Ehepartner. Das Schreiben der römischen Glaubenskongregation habe auch „viele Gläubige sehr irritiert“, sagte Christian Weisner vom „Wir sind Kirche“-Bundesteam.

Die Laienorganisation appellierte an die Katholiken, „sich durch die verwirrenden Meldungen aus Rom nicht beirren zu lassen“. In der Praxis funktioniert schon lange, was dogmatisch noch nicht unterfüttert ist: dass Protestanten ihre katholischen Ehepartner zur Kommunion begleiten.

Der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad, der auch Vorsitzender der Union Evangelischer Kirchen (UEK) ist, meinte daher: „Die Ökumene ist unumkehrbar. Die katholischen Bischöfe, die protestantische Ehepartner zur Eucharistie zulassen wollten, hätten „einen Ball ins Rollen gebracht“, der eine ökumenische Dynamik in der Weltkirche auslösen könne. Nach katholischem Verständnis sei die konfessionsverbindende Ehe ein Sakrament, das auch die gemeinsame Eucharistie verlange, merkte Schad an.

Mit Material von epd