Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Bibeltreuen in Dänemark - Christiansfeld in Südjütland

Hygge, Honigkuchen, Stern und Gottesacker: Eine bunte Mischung aus dänischer Gelassenheit und Herrnhuter Tradition erwartet die Besucher des kleinen Ortes Christiansfeld in Südjütland. Verantwortlich dafür ist ein dänischer König aus dem 18. Jahrhundert.

Herrnhut. Christiansfeld. Graf von Zinzendorf Strasse. Foto: Tobias GlawionFoto: Tobias Glawion

Auch rund 800 Kilometer vom ursprünglichen Epizentrum der Herrnhuter-Bewegung entfernt, im dänischen Christiansfeld, wird in diesem Jahr das 300-Jahre-Jubiläum der Herrnhuter gefeiert. Das aber ganz entspannt, erklärt Pfarrer Jørgen Bøytler, der für die knapp 150 Seelen der größten Herrnhuter Gemeinde Dänemarks zuständig ist. „Wir feiern es jetzt gerade nicht so viel, weil Christiansfeld als Brüdergemeine nächstes Jahr feiert. Unser 250. Jubiläum.“ Das dann aber mit der sprichwörtlichen dänischen Gelassenheit, die unter dem Begriff Hygge mittlerweile bekannt ist und die Dänen neben den Finnen laut World Happiness Report aktuell auch zu den „glücklichsten Menschen der Welt“ macht. Ein Lebensgefühl, das auch Pfarrer Bøytler bis in die letzte Haarspitze ausstrahlt, wenn er von seinem Christiansfeld erzählt, in dem er schon seit über 25 Jahren als Pfarrer seinen Dienst tut.

Aber auch Deutschland kennt der 65-jährige Däne gut. Hatte er als Mitglied der weltweiten Herrnhuter Kirchenleitung von 2006 bis 2010 sogar ein Büro im württembergischen Bad Boll. So habe er auch die Sprache Luthers und Zinzendorfs gelernt, erklärt er im besten Deutsch, gespickt mit herzerfrischendem skandinavischem Akzent, um gleich wieder in die Besonderheit seiner Stadt einzutauchen. Die Herrnhuter Brüdergemeine hat im kleinen Ort Christiansfeld, zwischen Hadersleben und Kolding an der Ostküste Jütlands, im 18. Jahrhundert nämlich eine Siedlung geschaffen, die von ihrem Straßenverlauf eher an eine amerikanische als eine europäische Stadt erinnert. Alle Wege verlaufen, wie am Reißbrett geplant, schnurgerade und im rechten Winkel. Aufgrund des bis heute noch nahezu komplett erhaltenen Stadtbildes der Gründerzeit gehört Christiansfeld seit 2015 zum Unesco-Weltkulturerbe. Eine Auszeichnung, die diesen Ort und damit auch das Erbe Zinzendorfs ganz neu aus seinem Dornröschenschlaf geküsst hat, erzählt Pfarrer Bøytler. Denn heute kommen selbst in Coronazeiten pro Jahr mehr als 50 000 Besucher in die Stadt, die einst kurz nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges und der Reformation entstanden ist. Aber wie war es überhaupt möglich, dass im Wandel der damaligen Zeit eine eher bibeltreue Gruppe wie die Herrnhuter gerade hier im evangelisch-lutherisch geprägten Jütland ihre eigene Siedlung errichten durfte? Verantwortlich dafür, sagt Jørgen Bøytler, war der dänische König Christian VII. Er traf 1768 in den Niederlanden auf die Herrnhuter Brüdergemeine.

Überall in Christiansfeld stoßen Besucher auf Herrnhuter Zeugnisse: Zinzendorf-Platz, Stern, Gottesacker Fotos: Tobias Glawion

Begeistert von deren Fähigkeiten als hervorragende Handwerker und Händler, erlaubte der König den Herrnhutern schon drei Jahre später, 1771, auf seiner Domäne Tyrstrup eine Siedlung zu errichten. Aus Dankbarkeit gegenüber König Christian nannten die frommen neuen Siedler ihre Stadt dann „Christiansfeld”.

Charakteristisch für den Ort, damals wie heute, sind die typischen Häuser mit ihren hellen Ziegeln. Der Gang durch die Stadt wird so schnell zu einer kleinen Zeitreise. Trotzdem ist Christiansfeld für Pfarrer Bøytler keineswegs ein Museum, sondern auch heute noch ein lebendiger Ort. Die Mehrzahl der Häuser sind bewohnt und in vielen von ihnen leuchtet ganzjährig auch der bekannte Herrnhuter Stern in den Fenstern.

Geht man dann entlang der zentralen Lindenallee, so kommt man schnell zum Platz der Herrnhuter Brüdergemeine, dem „Grev Zinzendorfs Plads“, mit der Kirche und dem Brunnen, dem Wahrzeichen der Stadt. Die Brodremenigheden Kirke ist die Hauptwirkungsstätte von Pfarrer Bøytler und seiner Gemeinde.

Jørgen Bøytler ist der Pfarrer der Herrnhuter Gemeinde, die Brodremenigheden Kirke ist seine Hauptwirkungsstätte. Honigkuchen. Fotos: Tobias Glawion

Der Friedhof ist im Raster angelegt

Und auch hier weiß der Theologe zu schwärmen. Denn ganz anders als bei vielen Gotteshäusern, die man in unseren Breitengraden kennt, befindet sich der eher kleine und schlichte Kirchturm fast unscheinbar in der Mitte des Daches. So könnte die Kirche auf den ersten Blick fast als funktionell anmutendes Rathaus durchgehen. Von innen ist sie ebenfalls schlicht, ohne Prunk und Schmuck, ganz in Weiß gehalten. Das hölzerne Interieur wird bei Pfarrer Bøytlers Predigten nur durch Kerzenlicht beleuchtet. Neben seinem Gottesdienst, immer sonntags um 10 Uhr, soll man, seinem Rat folgend, aber auf jeden Fall auch den einzigartigen Gottesacker, den Friedhof, in Christiansfeld besuchen.

Denn nur einen kurzen Fußmarsch von der Brodremenigheden Kirke und dem „Grev Zinzendorfs Plads“ entfernt, am Ende eines mit alten Bäumen gesäumten Weges, bildet ein altes, blau-weißes Holztor den Eingang zum Friedhof der Stadt. Alte und große Steinkreuze, Engelsfiguren oder sonstige imposante Grabsteine sucht man hier vergeblich. Der Friedhof ist ebenso in einem Raster angelegt, wie die ganze Siedlung. Rechts und links des Hauptweges befinden sich flache, rechteckige Grabsteine. Alle in einer Reihe, ähnlich einem Soldatenfriedhof.

Und dann hat Pfarrer Bøytler für alle lebendigen Leckermäuler, die seine Stadt besuchen, noch einen ganz wichtigen Tipp. Den berühmten Honigkuchen, den Honningkage. Eine Art Lebkuchen, der seit 1783 in Christiansfeld hergestellt wird und so einzigartig saftig und lecker ist, dass selbst Königin Margrethe II., die übrigens auch Oberhaupt der dänischen Staatskirche ist, hier regelmäßig einkauft. Und mal schauen, vielleicht kommt ihre Hoheit ja auch im kommenden Jahr zum 250. Jubiläum der Herrnhuter in Christiansfeld vorbei. Aber auch das sieht der Pfarrer Bøytler dänisch gelassen und antwortet auf die Frage, was ihm am Ende unseres Gesprächs noch wichtig sei: „Gott ist Liebe. Dann ist das Wichtigste über die Brüdergemeine auch hier in Christiansfeld gesagt.“ □

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Christiansfeld befindet sich in Südjütland und ist rund 50 Minuten mit dem Auto von der deutschdänischen Grenze entfernt. Von der Autobahn E45, die von der Grenze bis in den Norden Jütlands führt, liegt die Siedlung ungefähr 15 Minuten entfernt und somit perfekt für alle, die, wie der Autor, auf ihrem Weg in Richtung Skagen einen kleinen Abstecher in die Geschichte der Herrnhuter Bewegung machen wollen.