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Die doppelte Verwandlung - Körperspender

Vom Mensch zum namenlosen Modell – und wieder zum Mensch mit Namen und Grab. Das ist der Weg von Körpern, die nach dem Tod der Anatomie gespendet wurden. Eindrücke zwischen der betriebsamen Atmosphäre des Präparierkurses und der getragenen Stimmung der Aussegnungsfeier.

Körperspende ist ein sensibles Thema. Studierende mit einem Dozenten. Foto: Julian Rettig

Körperspende ist ein sensibles Thema. Studierende mit einem Dozenten. Foto: Julian Rettig

Am Anfang steht der Tod. Die Reise des Körpers eines Spenders beginnt mit seinem Ableben. Die Körper wurden haltbar gemacht und liegen in einer Fixierlösung. Sie werden anonymisiert, bekommen eine Nummer, Zugang zu den Namen haben nur zwei Personen am Anatomischen Institut der Universität Tübingen. Die Körper werden Modelle. Und kommen so mitten ins Leben junger Menschen.

Tübingen, das Anatomische Institut an einem Mittwoch im November 2019. Der Präparations-Saal ist langgezogen, nicht groß, 200 Studierende und ihre Dozenten stehen dichtgedrängt. Zu hören ist ein geschäftiges Murmeln. An den 20 Tischen gruppieren sich je rund zehn Studierende in weißen Kitteln, mit weißen oder blauen Handschuhen. Die Dozenten sind an türkisfarbenen Oberteilen zu erkennen. Auf jedem der Tische liegt ein fixierter Leichnam. Für die Studierenden sind die Körper in erster Linie Lehrmaterial. Sie denken nicht ständig darüber nach, dass dort ein Mensch liegt, der gelebt hat.

Beim Blick auf die toten Körper ist nachvollziehbar, warum es den Studierenden leicht fällt, so zu abstrahieren. Die Körper haben eine gelblichgräuliche Färbung, alle Haare sind wegrasiert. Die Präparate wirken kleiner als lebende Menschen, ihre Gesichtszüge starr. Hautfetzen hängen an den Stellen, an denen die Studenten bereits gearbeitet haben.

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„Als erster Teil war der Bewegungsapparat dran“, sagt Philipp, studentischer Tutor an Tisch 14. Arme und Beine des dort liegenden Körperspenders haben die Studenten also bereits an vorherigen Terminen untersucht. Inzwischen sind sie beim Bauchbereich angekommen. Einige der bereits entnommenen Organe liegen neben dem Körper. Das Herz ist deutlich zu erkennen, auch die Form der Lunge. Immer wieder nimmt einer der Studenten eines der Organe in die Hand, betrachtet genau, welche Struktur es hat. Eines der Ziele des Kurses ist, dass die Studierenden an kleinen Stellen, die von der Regel abweichen, erkennen können, welche Krankheiten ein Körperspender gehabt haben könnte.

Medizinstudenten mit einem Körperspender im „Präpkurs“. Foto: Julian Rettig

Medizinstudenten mit einem Körperspender im „Präpkurs“. Foto: Julian Rettig

Körperspender - sie sind in erster Linie Lehrmaterial

Philipp ist im fünften Semester, er hat seinen „Präpkurs“ schon hinter sich. War es für ihn eine schwierige Situation? „Eigentlich nicht. Ich habe vor dem Studium eine Ausbildung zum Physiotherapeut gemacht, da waren wir auch einmal in der Pathologie. Außerdem wird man hier behutsam herangeführt.“ Inzwischen leitet Philipp selbst als Tutor am Tisch Studierende aus dem zweiten und dritten Semester an. „Noch etwa zwei Wochen arbeiten wir am Bauchbereich, dann gehen wir zum Kopf-Hals-Bereich über.“ Da werde es etwas komplizierter, die Fläche, an der gearbeitet wird, immer kleiner. Die Reihenfolge, in der die Körperteile freigelegt werden, folgt einer logischen Erklärung: „Wir müssen natürlich von außen nach innen gehen – aber es schadet auch nicht, dass die Körperregionen, wo man feiner arbeiten muss, gegen später kommen“, sagt Philipp.

Wie Philipp erklären auch die Tutoren an den anderen Tischen an weißen Tafeln gerade die Gefäße im Bauchbereich. Ganz oben auf der Tafel steht die „Aorta abdominalis“. Darunter weitere Fachbegriffe, denn die Studierenden sollen im Präpkurs ihr erworbenes Theoriewissen am praktischen Modell demonstrieren können.

Medizinstudent untersucht das Organ eines Körperspenders. Foto: Julian Rettig

Während auf der Fensterseite die Präparate weitgehend ähnlich aussehen – zumindest, was die Fußpartien angeht – finden sich rechts ab dem dritten Tisch Leichname, bei denen die Beine unversehrt sind. Warum? „Das sind die Zahnmedizin-Studenten“, erklärt Philipp. Was einleuchtet: Für künftige Zahnärzte ist die Anatomie der Beine naturgemäß weniger wichtig. Sie steigen erst beim Bauchbereich ein – ihre große Stunde schlägt, wenn es an den Kiefer geht.

Wer zum ersten Mal einen Präparierkurs besucht, dem fällt sofort der Geruch auf. Leicht stechend zieht er in die Nase. Es riecht nach Formalin, der Substanz, mit der seit Jahrhunderten Leichenteile haltbar gemacht werden. Seit einigen Jahren wird das Mittel als krebserregend eingestuft. Deshalb ist die Belüftung im Präparations-Saal besonders wichtig, erklärt Thomas Shiozawa, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut. Die Studierenden aber nähmen den Geruch kaum noch wahr – und die Dozenten gar nicht mehr.

Am Ende des Kurses sind die gespendeten Körper vollständig zerlegt. Jede Arterie, jeden Muskel haben die Studierenden seziert und analysiert. Die Leichenteile jedes einzelnen Körperspenders werden in einem Sarg gesammelt und schließlich verbrannt. Das Modell existiert nicht mehr.

Doch die Geschichte ist nicht vorbei. Denn eines steht noch aus – das Abschiednehmen. Die Angehörigen der Körperspender warten darauf schon etwa zwei Jahre. Auch für die Studierenden ist es emotional.

Vom Kurs in der Anatomie über die Aussegnungsfeier in der Stiftskirche bis hin zu den Gräbern auf dem Bergfriedhof. Alles gehört zum Weg der Körperspender. Foto: Julian Rettig

Die Stiftskirche in Tübingen im Februar 2020. Es ist ein kühler Morgen. Statt weißer Kittel tragen die Studierenden nun schwarze Kostüme oder Anzüge. Das Mittelschiff der Kirche ist voll besetzt, dort haben die meisten Angehörigen Platz genommen.

Für jeden Körperspender eine kleine Kerze

Es wird ruhig in der Stiftskirche. Nur die Glocken sind leise zu hören. Dann stimmen die Musiker des Orchesters ihre Instrumente. Im Kurs haben sie mit Skalpell und Zange hantiert, hier haben sie Geigenbögen und Querflöten in der Hand. Ein etwa 40-köpfiges Orchester haben die Studierenden des Präparationskurses 2019/20 zusammengestellt. Mit vielen Geigen, Flöten und Klarinetten, Bratschen, Celli. Sogar ein Horn und ein Kontrabass sind dabei. Hinter den Musikern die etwa 60 Sängerinnen und Sänger des Chors, auch sie Absolventen des Kurses.

Das Andante aus Schuberts vierter Sinfonie erklingt. Die getragene Stimmung setzt sich nach den Begrüßungsworten der evangelischen Hochschulpfarrerin Christina Jeremias-Hofius und der katholischen Hochschulseelsorgerin Kerstin Schelkle mit Bonhoeffers Lied „Von guten Mächten“ fort.

Die Aussegnungsfeier soll kein Gottesdienst sein, sondern eine säkulare Feier. Aber allein schon der Rahmen der Stiftskirche gibt ihr ein religiöses Element. Kerstin Schelkle hält eine Ansprache, in der sie auf die berühmte Stelle „Alles hat seine Zeit“ im Buch Prediger eingeht. Und die Musikstücke – etwa John Rutters „The Lord Bless You and Keep You“ oder Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ aus dem „Elias“ – sind auch mit dem Glauben verknüpft. Ein Zeichen, dass jedem bewusst macht: an diesem Tag geht es über die nüchterne anatomische Wissenschaft hinaus.

Körperspender - die Wandlung vom Modell wieder zur Person

Eine Studentin verliest die Namen der Körperspender. Für jeden Namen trägt ein Student eine kleine Kerze nach vorne. Die Streicher des Orchesters begleiten diesen Lichterweg leise mit getragenen Klängen. Die letzten beiden Kerzen sind den Körperspendern gewidmet, die anonym bleiben möchten.

Und dann: Stille. Eigens im Programmheft so vermerkt. Die zweite Verwandlung. Die Körperspender, die vom Mensch zum Modell wurden, haben nun ihren Namen wieder. Zumindest die, die wollten.

Ganz beendet ist der Weg nicht. Die Urnen mit der Asche der Körperspender werden erst im Juni beigesetzt. Ganz am östlichen Rand des Tübinger Bergfriedhofs ist dafür Platz vorgesehen. Auf einer Metallplatte steht der Jahrgang, darunter die Namen. Es ist das Jahr, in dem die Menschen gestorben sind, nicht das Jahr ihrer Beisetzung. So steht auf dem jüngsten Grabstein die Jahreszahl 2017.

Vom Bergfriedhof lässt sich weit über Tübingen blicken. Auf dem Hügel gegenüber sind die Kliniken zu erkennen, wo sich die Anatomie befindet. Im Tal erhebt sich die Stiftskirche. Hier, auf dem Bergfriedhof, fernab des städtischen Trubels, endet der Weg der Körperspender. Am Ende steht Stille – unterbrochen vom Gezwitscher eines Vogels. Am Ende steht Leben.

Tübingen, Bergfriedhof. Foto: Julian Rettig

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