Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Ehe als Gefängnis - eva hilft heraus

Cennet Krischak war noch ein Kind, als sie ein Kind bekam. Sie wurde damals zwangsverheiratet. Die Stuttgarterin mit türkischen Wurzeln hat sich aus eigener Kraft befreit. Mittlerweile gibt es Hilfsangebote für Mädchen, deren Familien sie gegen ihren Willen verheiraten möchten und denen Gewalt im Namen der sogenannten Ehre droht.

Schutz, Maske, verbergen. Foto: Engin Akyurt, pixabayFoto: Engin Akyurt, pixabay

Mit 13 Jahren wurde sie gegen ihren Willen verheiratet, mit 14 bekam sie ihr erstes Kind. Die Hochzeitsnacht war eine Vergewaltigung. Die Familie ihres Mannes habe ein paar Zimmer weiter auf den Vollzug der Ehe und den Beweis – ein blutiges Tuch – gewartet. Diese traumatischen Erfahrungen hat Cennet Krischak, in Anatolien geboren und in Deutschland aufgewachsen, vor über 40 Jahren gemacht. Das Erlebte sitzt heute noch emotional tief. „Es war sehr beschämend, sehr erniedrigend und absolut grauenhaft“, sagt sie.

Was sie erlebt hat, ist auch heute traurige Realität für einige Mädchen und junge Frauen in Deutschland. Die Zahl lässt sich weder in Deutschland noch weltweit genau beziffern, weil die Dunkelziffer hoch ist. Geschätzt wird aber, dass weltweit etwa jedes fünfte Mädchen minderjährig verheiratet wird. Für viele Mädchen ist das der Beginn einer Spirale aus Gewalt und Unterdrückung.

Cennet Krischak. Foto: privatFür Cennet Krischak war die Ehe ein Gefängnis. Sie geht arbeiten, verdient das Geld, kümmert sich um den Haushalt, während ihr Mann ihr sogar vorschreibt, wann und was sie zu essen hat. „Er ist mit mir umgegangen als wäre ich sein Eigentum, ich hatte gar keine Rechte, durfte nicht meine Meinung sagen. Er hat bestimmt wie scharf ich mein Essen würzen musste oder wie viel Zucker in meinen Tee durfte. Ich durfte noch nicht einmal mit meiner Familie sprechen“, erzählt sie.

Diese Fremdbestimmtheit erträgt Cennet Krischak nicht. Sie hat schon einige Selbstmordversuche hinter sich, bis sie ihre Familie vor die Wahl stellt: Entweder ich darf mich scheiden lassen oder ihr tötet mich. Dabei hat sie eine Waffe neben sich auf den Tisch gelegt. Erst dann lässt ihre Familie sie endlich gehen.

Cennet Krischak hat die Hölle der Zwangsehe hinter sich gelassen.
Foto: Privat

Aber der Terror durch ihren Mann geht weiter. Er setzt Familienmitglieder auf sie an, zersticht ihr die Reifen. Mit ihrer Tochter hat sie über Jahre keinen Kontakt, weil ihr Ex-Mann das Mädchen in die Türkei zu seiner Familie gebracht und ihr das Sorgerecht entzogen hat. Cennet Krischak hatte damals vor allem Hilfe und Unterstützung von ihrem Arbeitgeber.

Spirale aus Gewalt und Unterdrückung

Mädchen, die ein ähnliches Schicksal wie sie erfahren, finden heute Hilfe bei der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva). Dort gibt es drei Hilfsangebote: „Yasemin“ ist für die Beratung von Betroffenen oder vertrauten Dritten da. Bei dem Projekt „Nadia“ können Mädchen von 14 und 27 Jahren, die von Zwangsehe oder Gewalt bedroht sind, vorübergehend in geschützten Wohnräumen leben und dort bis zu drei Monaten bleiben. Sie werden rund um die Uhr betreut, sollen erst einmal zur Ruhe kommen und sich Gedanken über die Zukunft machen können. Bei „Rosa“ können die Mädchen über Jahre hinweg betreut wohnen. Dabei müssen sie ihre Identität aufgeben, um nicht von ihrer Familie gefunden zu werden. Aisha Kartal von „Rosa“ weiß wie schwierig das Leben in der Anonymität ist. Es sind dabei schon Pannen passiert und der echte Name und der Aufenthaltsort des Mädchens wurden bekannt. Davon Betroffene mussten in andere, ähnliche Einrichtungen in anderen Städten umsiedeln. „Inzwischen kommen auch Männer zu uns, weil sie von Zwangsheirat bedroht sind. Häufig sind sie schwul“, berichtet Aisha Kartal.

Für Cennet Krischak gab es ein Happy End. Inzwischen ist sie ein zweites Mal verheiratet und hat eine weitere Tochter. Und auch zu ihrer ersten Tochter hat sie wieder Kontakt – die Tochter hatte um ein Treffen gebeten. Anderen Frauen, die in der gleichen Situation sind, wie sie es war rät sie: „Traut euch das zu sein, was ihr seid! Jeder Mensch muss sich selbst helfen.“ □

www.eva-stuttgart.de, Telefon Yasemin 0711-65869526, E-Mail info@eva-yasemin.de

Cennet Krischak im Interview www.kirchenfernsehen.de

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen