Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die findigen Bürger von Hall

Darauf hat man lange warten müssen: Das erste Mal seit Beginn der Corona-Krise findet der Glaubensweg des Evangelischen Gemeindeblatts wieder an Ort und Stelle statt. Ziel ist am Sonntag, 18. September, die alte Reichsstadt Schwäbisch Hall mit ihrem Schatz an mittelalterlichen Kirchen und ihrer malerischen Lage am Ufer des Kocher.

Eine Altstadt wie aus dem Bilderbuch: Schwäbisch Hall vom Museum Würth aus betrachtet. Foto: Frank Zeithammer

Majestätisch erhebt sich die Kirche St. Michael über dem Marktplatz von Schwäbisch Hall. Auf ihrer großen Freitreppe finden die bekannten Freilichtspiele statt, in ihrem Inneren haben Schätze aus einer langen, wechselvollen Kirchengeschichte den Wandel der Zeiten überlebt. Bürger mit Augenmaß hat es hier schon immer gegeben. Einer von ihnen hieß Johannes Brenz. Der große Reformator, der Luther Württembergs, hat hier 22 Jahre lang gewirkt. Ihm ist es zu verdanken, dass die Vielzahl der Altäre aus der Spätgotik erhalten blieb. Einen Bildersturm hat Schwäbisch Hall nicht erleben müssen, mit den Kostbarkeiten der Kirchengeschichte ging man betont pfleglich um.

Es scheint ganz so zu sein, als ob sich die Haller diese Haltung über all die Jahrhunderte bewahrt hätten. Als man Ende der 80er-Jahre die sakralen Kunstwerke der Michaelskirche für eine Ausstellung genauer unter die Lupe nahm, schrillten die Alarmglocken: Es musste etwas passieren, wenn man die Kirche und ihre Inneneinrichtung nicht dem schleichenden Verfall preisgeben wollte.

Millionen an Spenden für die Kirchen

So wurde 1989 der Förderverein „Mittelalterliche Kirchen in Schwäbisch Hall“ gegründet. Sein Vorsitzender ist bis heute der inzwischen 80-jährige Heinz Scheib. Ein ehemaliger Bauunternehmer und Rotarier, der weiß, wie man Netzwerke aufbaut und Spendengelder lockermacht. „Die Michaelskirche ist ein Gotteshaus und ein Kulturdenkmal“, sagt er, eine Herzensangelegenheit der Haller Bürgerschaft.

Rund sieben Millionen Euro sind in die Renovierung der Michaelskirche seit 1988 geflossen, rund zwei Millionen davon hat der Förderverein aufgebracht. „Uns wird viel Geld anvertraut“, sagt Scheib, der 1999 dann auch noch die Gründung einer Stiftung anregte.

Mit deren Kapitalerträgen wird eine Bauschau finanziert, bei der jährlich der Zustand von St. Michael, von St. Katharina und der Urbanskirche unter die Lupe genommen wird. Ein „Gesundheitscheck“, der frühzeitig auf Schäden aufmerksam machen soll. Fallen größere Baumaßnahmen an, springt der Förderverein ein.

Ein ausgeklügeltes System, das 2005 noch um den Freundeskreis Urbanskirche ergänzt wurde (siehe auch Seite 7). Es ist kein Wunder, dass der Freundeskreis und die Stiftung mit Heinz Schüle den gleichen Vorsitzenden haben.

Anfangs stand Heinz Scheib an der Spitze. „Wir rotieren“, sagt er, „eng verzahnt und aufeinander abgestimmt.“ Ein Haller Dreiklang mit einem hohen Maß an Effizienz und Beharrlichkeit, das Außenstehende immer wieder staunen lässt.

Das ging dem Pfarrehepaar Klaus Anthes und Henrike Frey-Anthes nicht anders. 2019 kamen sie nach Schwäbisch Hall, um das Pfarramt der Kirchengemeinde St. Michael und St. Katharina zu übernehmen. Gut 2200 Mitglieder hat die Stadtkirchengemeinde, die nun Gastgeberin des Gemeindeblatt-Glaubenswegs 2022 ist.

„Schwäbisch Hall ist eine Bürgerstadt“, sagt Klaus Anthes, „mit einem hohen Grad an Verbundenheit.“ Die Menschen lieben ihre Stadt samt ihren Kirchen, sind stolz auf ihre Freilichtspiele und ihre lange Geschichte. Erst 1806 kam Hall zu Württemberg, jahrhundertelang führte die Reichsstadt ein selbständiges Leben unter der Oberherrschaft des Kaiserhauses.

Die Michaelskirche ist das Zentrum des Gemeindelebens. Den klassischen Ort des Sonntaggottesdienstes werden die Leserinnen und Leser des Gemeindeblatts zu Beginn des Glaubenswegs miterleben. Herausragend ist hier vieles, unter anderem die Kirchenmusik mit einer namhaften Kantorei, einem Ensemble für Liturgie und Gottesdienst und Kinderchören.

Auf der anderen Seite des Kochers liegt St. Katharina, die älteste der Haller Kirchen. Sie ist heute ein Experimentierfeld der Kirchengemeinde: Zweitgottesdienste finden hier statt, Ausstellungen und Musikveranstaltungen. Sogar als Partylocation wurde das Gebäude schon vermietet.

Ein Erlebnis für Leser und Leserinnen

Zuständig für diese alternativen Angebote ist Henrike Frey-Anthes. Sie ist Gottesdienstberaterin und Predigtcoach und unentwegt damit beschäftigt, neue Formen kirchlicher Angebote zu entwickeln. Ihre feste Überzeugung: „Kirche muss sich bewegen, über Grenzen gehen.“ Das konnte man in der Corona-Zeit sogar ganz wörtlich nehmen: So gab es Gottesdienste auf der Freitreppe von St. Michael, ökumenische Krippenspiele als Umlauf in der Stadt und Musikveranstaltungen rund um St. Katharina. In der Katharinenkirche wird übrigens die Abschlussandacht des Glaubenswegs stattfinden.

Derzeit hat Pfarrer Klaus Anthes auch als Dekan-Stellvertreter gut zu tun. Mit Christoph Messerschmidt, bisher Pfarrer in Lorch, ist der Nachfolger von Anne-Kathrin Kruse zwar bereits gewählt, sein Amt wird er jedoch erst am 1. Oktober antreten. Die Stadtkirchengemeinde St. Michael und St. Katharina ist eine von fünf Teilen der Gesamtkirchengemeinde Schwäbisch Hall. Zu der gehören außerdem die selbständigen Gemeinden Kreuzäcker, Sophie Scholl, Johannes Brenz und Lukas. Überdies ist auf dem Stadtgebiet noch eine große Zahl von Freikirchen aktiv.

Für die Kirchengemeinde St. Michael und St. Katharina im Zentrum der Stadt ist die Zusammenarbeit mit den anderen Akteuren in Schwäbisch Hall von entscheidender Bedeutung, davon sind sowohl Klaus Anthes als auch Henrike Frey-Anthes fest überzeugt. Das betrifft nicht nur die Ökumene mit anderen Konfessionen, sondern auch bürgerliche Einrichtungen und Ereignisse. So kooperiert die evangelische Kirche mit den Freilichtspielen, dem Kulturbüro der Stadt und der Kunsthalle Würth. Dort lädt Henrike Frey-Anthes ab und an auch zu theologischen Sonderführungen ein. In der zum Museum gehörenden Johanniterkirche wird unter anderem die bedeutende Schutzmantelmadonna von Hans Holbein dem Jüngeren ausgestellt. Am 18. September können auch die Teilnehmer des Glaubenswegs gemeinsam mit der Pfarrerin die Johanniterkirche erkunden. □

Information

Mehr über den Förderverein Mittelalterlicher Kirchen in Schwäbisch Hall gibt es auf der Internetseite www.mittelal terliche-kirchen.de. Über die Kirchenmusik in St. Michael
informiert die Seite: www.musik anstmichael.de; die Adresse der Stadtkirchengemeinde lautet: www.michaelskirche-sha.de, Telefon 0791-94674121.


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