Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Gesichter der Bibel

Sara zeltet, David komponiert, Luther lacht und Petrus segelt: Im Stuttgarter Hospitalviertel wurde jetzt das neue Bibelmuseum der Landeskirche eröffnet. Es heißt „Bibliorama“ und ist eine moderne Ausstellung, die fast ohne Vitrinen auskommt. Dafür darf man aber überall mitmachen und 14 Personen aus der Bibel mit allen Sinnen erleben. 


Drehwürfel mit Gesichtern, Namen und Spiegelflächen: Hier begegnet man  Menschen und manchmal auch sich selbst. (Foto: Benny Ulmer)

Das neue Bibliorama in der Büchsenstraße 37 in Stuttgart steckt voller kleiner Überraschungen. Sie beginnen dort, wo Spiegel-Stelen die Besucher begrüßen. „Ich, Lukas“, „Ich, Sophia“, „Ich, Sara“. Wer die Personen umdreht, blickt in sein eigenes Angesicht. Überall lauern Ich-Botschaften und Namen aus der Frühzeit der Bibel, die seltsam vertraut klingen. „Meine Freundin heißt auch Sara“, sagt ein Mädchen, und es ist diese neue Popularität vieler alter Vornamen, die sich die Ausstellungsmacher zunutze gemacht haben. 

„Eine Brücke in die Moderne“ nennt Museumsleiterin Franziska Stocker-Schwarz diese Suche nach dem vertrauten Neuen im geheimnisvollen Alten. Es ist eine spannende Suche. Wer in Saras Welt vordringt, sitzt plötzlich in einem Wüstenzelt. Ein Sternenhimmel aus blauen Tüchern wacht über den Wanderern, die in das gelobte Land aufbrechen. Ein Land, in dem Milch und Honig fließen, so wie morgens auf dem Frühstückstisch oder abends, wenn aus dem Seifenspender die Milk-and-Honey-Duftnote herauskommt.

Mensch, Mose, was wird denn das jetzt? Der Überbringer der Zehn Gebote führt seine Besucher über schwieriges Gelände. Unter ihnen gerät der wasserblaue Fußboden ins Schwimmen. Buchstaben werden durch die Fluten gespült, die zusammengesetzt das Wort Exodus ergeben. Um sie herum stiftet ein Spiegelkabinett allerhöchste Verwirrung. Wer bin ich, wo bin ich, wo geht es mit mir hin? In mehreren Nischen sind Botschaften versteckt, die das Töten, das Ehebrechen, das Stehlen und Falschzeugnisreden verbieten. Orientierungssätze in einem Leben, das heute oft genauso kompliziert ist, wie es früher war.

Beim Barte des Propheten! Dieser Prophet hat tatsächlich einen Bart, aber auch eine Brille auf und sieht aus wie ein Abiturient im vorletzten Schuljahrgang: „Ich, Jona“. Jona gibt flüsternd weiter, was Gott ihm gesagt hat, und wenn wir unseren Ellbogen auf einen Kontaktpunkt legen oder mit einem Hörstab in die Wand hineinhorchen, können wir es auch vernehmen. „Ich, Elia.“ Schon wieder einer aus dem Kreise der Propheten, der uns etwas mitzuteilen hat. Auf 14 biblische Namen summiert sich die Zeitreise, die zu Jesus und den Seinen führt, zu den Menschen, die ihm vorausgingen und die ihm folgten.

Petrus und Paulus waren zwei, die Jesu Botschaft weiter trugen. Sie fuhren dabei sogar über das Meer. Im Bibliorama ist ihnen deshalb ein Segelschiff gewidmet und ein Plankenboden, der leicht ins Wanken gerät. Ideal für Jugendliche und Erwachsene, die sich ein wenig verschaukeln lassen wollen.

„Hey, guck mal.“ Die Experimentierfreudigen unter den Schülern haben gleich hinter dem großen Schiff ein paar kleinere Segelboote entdeckt, die man mit Hilfe von Ventilatoren in Bewegung setzen kann. Und vorne bauen zwei Erwachsene gerade einen Turm auf, der ein wenig daran erinnert, worum es bei den Aposteln Petrus und Paulus auch geht: den Aufbau von Kirche, den Grundstein für so viele Gotteshäuser, die ihnen folgen sollten und ihren Namen trugen.

Es gibt viele Möglichkeiten, das neue Bibelmuseum in Stuttgart zu erleben. Eine Führung ist die eine und sicher nicht die schlechteste, wenn man möglichst viel Wissen mit nach Hause nehmen will. „Aber es ist noch schöner“, sagt Museumsleiterin Stocker-Schwarz, „wenn man sich ein wenig Zeit nimmt und alleine auf Entdeckungsreise geht.“

Dann steht man irgendwann unweigerlich vor Dr. Martinus Luther. Ein überaus launiger Typ, der einen ein wenig schräg und starr aus einem Flachbildschirm heraus anguckt. Wer schnell und achtlos vorübergeht, hat den eigentlichen Clou verpasst: Denn nach einigen Augenblicken beginnt er zu reden und zu agieren, sagt, dass der Johannes Brenz aus Württemberg ihm sehr geholfen habe, hebt den Becher und kaut schmatzend an einem Hähnchenschlegel. Es ist fast ein wenig, als ob der Wittenberger plötzlich skypen gelernt hätte, die moderne Kommunikation per Bildschirm und Internet, aber in Wahrheit sind es Kamerasensoren, die anspringen und Filmsequenzen abspielen, sobald ein Besucher nur lange genug vor dem Luther-Bild verharrt.

Luther hat als einzige nicht biblische Figur einen prominenten Platz bekommen, weil ohne ihn die massenhafte Verbreitung der Bibel und ihre Übersetzung in eine verständliche deutsche Sprache gar nicht vorstellbar gewesen wäre. Unter einem Zeitstrahl liegen alte Original-Exponate, Bibeln aus mehreren Jahrhunderten, dicke Bücher, die ein wenig die Verbindung zum alten Bibelmuseum darstellen, das 2009 in Stuttgart-Möhringen geschlossen wurde.

Das neue ist weit weg von einer klassischen Museumswelt, ausgerichtet auf Menschen, die etwas erleben wollen und auf spielerische Art und Weise zu den Inhalten finden. Keiner muss sich einen komplizierten Kopf machen, sondern nur seinen Gefühlen freien Lauf lassen.

Es darf auch gelacht werden. Zum Beispiel, wenn man vor der gekrönten Madonna von Jean Auguste Ingres steht. In ihr feierliches Antlitz kann man sein eigenes Gesicht hineinfotografieren – und anschließend per E-Mail verschicken: „Herzliche Grüße aus dem Bibliorama.“ Die Ergebnisse fallen dabei mitunter sehr schräg aus, je nachdem wie stark man sein Gesicht mit der Originalfigur elektronisch verschmolzen hat.

Anfang und Ende: Wer in das neue Bibelmuseum im CVJM-Gebäude hineingeht, passiert einen Paradiesgarten aus Steinen und Kräutern. Und am Ausgang warten Motive der Offenbarung auf die Besucher.

Man begegnet so vielem und so vielen in diesem Bibliorama. Jesus selbst gehört nicht zu den Figuren, die direkt dargestellt wurden. Der Weg führt über die Menschen zu ihm, die ihn kannten. Über das Symbol des Fisches, das als geheimes Zeichen in der Nische einer Mauer auftaucht. Über all die Jonas, Elias, Lenes und Saras, die ihm auf dem steinigen Weg zur Erlösung vorangingen.

Gerade setzt sich wieder jemand an die Laserharfe. Probiert neugierig aus, wie man ihr wohl die hellen Töne entlocken kann. Bei David darf man die Welt für ein paar Minuten vergessen und den Alltag in aller Ruhe ausklingen lassen.

 

Lesen Sie auch ein Interview mit der Leiterin des Bibelmuseums, Franziska Stocker-Schwarz.