Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die große Lust am Leben

Urlauber sind begeistert von der Lebensfreude, die die Menschen in Kuba ausstrahlen. Die Liturgie des Weltgebetstags hat in diesem Jahr den Inselstaat im Blick. Midiam und Mercedes, zwei kubanische Frauen, erzählen von ihrem Alltag zwischen Unbeschwertheit und täglichen Mühen. 

Eine Sängerin im Hotel gibt abreisenden Gästen noch eine Privatvorstellung (links). Beim Straßenumzug in Havanna (rechts) haben die Menschen Spaß. (Fotos: Gemeindeblatt)


Überhaupt, das Alltagsleben. Gerade Hausarbeit ist oft beschwerlich. Mercedes hat keine Waschmaschine, sie wäscht von Hand. Außerdem lebt sie „auf einer Baustelle“ – ihr Haus wurde durch den Hurrikan Sandy im Jahr 2012 stark beschädigt. Der Großteil ihres Einkommens geht für die Stromkosten drauf, Geld für Renovierungen bleibt oft nicht übrig. Da Mercedes das Haus gehört, ist sie für Renovierungen allein zuständig, ihr Mann unterstützt sie nicht.

Er hilft ihr auch kaum im Haushalt: „Als wir noch frisch verliebt waren, hat er auch mal den Tisch gedeckt. Doch jetzt hat er eine Arbeit, da macht er das nicht mehr.“ Und so rackert sich Mercedes ab. Ganz nebenbei geht sie auch noch in Vollzeit arbeiten. Midiam stimmt ein: „Das weckt bei mir Erinnerungen daran, wie es mir ging, als ich in deinem Alter war.“ Midiam berichtet, dass ihr Mann erst im Laufe der Jahre gelernt habe, im Haushalt mitzuhelfen.

Die von Männern dominierte Gesellschaft, auch Machismo genannt, ist für Midiam das Stichwort, um von ihrer Arbeit zu erzählen. Sie ist beim Kubanischen Kirchenrat angestellt und koordiniert dessen Frauenabteilung. Die organisiert Kurse für Frauen. Die Teilnehmerinnen sollen sich unter anderem mit dem Thema Macht aus biblischer Sicht auseinander setzen. Außerdem begleitet und unterstützt der Kirchenrat Frauen, die mit häuslicher Gewalt konfrontiert sind. Dazu bildet er Beraterinnen aus.

Mercedes koordiniert bei einer christlichen Bildungseinrichtung die Abteilung Ökologie und setzt sich dafür ein, dass die Umwelt geschützt wird. Das fängt mit kleinen Dingen an. So reinigen sie und ihre Kollegen Kanalsysteme, wenn sie verstopft sind. Sie legen Gärten an, und wenn die Müllabfuhr nicht kommt, organisieren sie Pferdekutschen, die den Müll einsammeln. Manchmal wird eine ehemalige Müllhalde in einen Spielplatz verwandelt. Dann geht Mercedes das Herz auf.

Ihre Organisation reinigt auch die Strände und verarbeitet organischen Müll zu Dünger. Und sie bildet Erzieherinnen als Multiplikatoren aus: Die sollen sich für aussterbende Pflanzen engagieren und den Kindern beibringen, wie man aus Plastiktüten Pflanzkübel macht.

Woher sie die Kraft für ihr Engagement nimmt und die Freude am Leben? Mercedes findet im christlichen Glauben Halt. Ihre pfingstlerische Hausgemeinde hat eine „ökumenische Perspektive und große theologische Weite“, wie sie sagt. Der Sonntagsgottesdienst dauert zwei Stunden. Dienstags trifft man sich in Haus- und Gebetskreisen, donnerstags nach Gruppen: Jugendliche, Frauen, Kinder, Männer. Dazu gibt es eine intensive Zusammenarbeit mit einem Bildungszentrum. Das bietet Bibelkurse zu Themen wie Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und Frieden an. Und zu innerfamiliärer Gewalt, denn das sei ein großes Thema auf Kuba. Deshalb beschäftigt das Bildungszentrum auch Psychologen.

Der Ehemann von Baptistin Midiam ist reformiert. Sonntags geht sie mal in die eine, mal in die andere Gemeinde. „Ich predige Ökumene nicht, ich lebe sie“, spricht sie und lacht. Oft gibt es in ihrer Gemeinde montags einen Gottesdienst mit einem besonderen Schwerpunkt wie dem Gebet. Donnerstags treffen sich die Gemeindemitglieder zum Bibelkreis. Und samstags sind die Familien oder Jugendlichen unter sich. Häufig nicht in der Kirche, sondern zu bestimmten Unternehmungen. Zum Beispiel zum „Tag der Familie“ mit Vorträgen und Bibelarbeiten. Das, sagt Midiam, sei besonders wichtig gewesen. Denn in Kuba lebten viele Generationen unter einem Dach, oft in kleinen Räumen. „Das führt häufig zu Konflikten.“

Das ist auch ihr Anliegen für den Weltgebetstag: „Dass wir für die Gemeinschaft mit unseren Familien und in den Gemeinden danken können. Dass wir aber auch für die Harmonie untereinander beten.“ Midiam ist Mitglied im nationalen Komitee des Weltgebetstags. Die Kubanerinnen hätten sich das Thema „Hoffnung“ für die Liturgie gewünscht, das internationale Komitee hat ihnen das Thema „Kinder“ gegeben. „Dann haben wir uns an José Marti erinnert.“ Der kubanische Poet und Schriftsteller habe einmal gesagt „Kinder sind die Hoffnung der Welt.“ „Wir haben uns gefragt, was wir für unser Land und unsere Kinder wollen.“ Und so sind Kinder ein Schwerpunkt der Liturgie. Der zweite sind die Wünsche der Kubanerinnen: „Dass es sich in unserem Land gut leben lässt, und dass wir die guten Dinge, die wir errungen haben, behalten“, sagt Midiam. Werte wie Gemeinschaft, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein. Und: „Wir wünschen uns, dass es einfacher wird, das Leben zu organisieren.“

In der Vergangenheit habe es viele Mangeljahre gegeben. Zum einen hat die Auflösung des Ostblocks 1990 Kuba in eine Wirtschaftskrise gestürzt. Zum anderen war da das inzwischen gelockerte Handelsembargo der USA, unter dem die kubanische Bevölkerung 50 Jahre lang litt. Dieses Embargo sei auch deshalb so schlimm gewesen, weil fast alle anderen Länder der Welt mitgemacht hätten. Als die kubanischen Frauen 2012 die Liturgie für den Weltgebetstag erstellt haben, konnten sie sich nicht vorstellen, welche Änderungen es bis zum Weltgebetstag in diesem Jahr auf politischer Ebene geben würde. Midiam glaubt auch deshalb, dass es ein Segen ist, dass ihr Land gerade jetzt in den Blickpunkt kommt.