Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die gute Hirtin von der Alb

Ein Engel überbringt den Hirten die Botschaft von der Geburt Jesu. Auch für Schäferin Melanie Dangel aus Römerstein-Donnstetten im Dekanat Bad Urach gibt es dieser Tage viele gute Geburtsnachrichten – und Hunderte von neugeborenen Lämmern.

 

Lammfromm liegt das Neu­geborene auf Melanie Dangels Arm: Vor Weihnachten kommen bei ihr täglich bis zu 30 Jungtiere auf die Welt. [Foto: Gemeindeblatt]

Es blökt und mäht im großen Schafstall in der Bergstraße 65. Besonders herzzerreißend klingt das bei den drei kleinen Lämmern, die abseits in einem eigenen Pferch liegen. Es sind die Sorgenkinder, die von ihrer Mutter nicht angenommen wurden und nun mit Milchpulver aufgezogen werden müssen.

Melanie Dangel aus Römerstein-Donnstetten hat alle Hände voll zu tun in den sechs Wochen vor Weihnachten. Es ist die Zeit des „Ablammens“, wie es in der Schäfersprache heißt. Jetzt werden täglich bis zu 30 Schafe geboren, fast 500 dürften es wohl sein, wenn das Jahr zuende ist.

Alle paar Stunden steht die Schäferin jetzt im Stall, schaut, dass alles gut geht, der Nabel desinfiziert ist, die Jungen an die Milch kommen. „Ich bin Hebamme, Tierärztin, von allem ein bisschen“, sagt sie, lächelt und blinzelt etwas müde in das diffuse Licht des großen Schafstalls, wo im Winter hunderte hungriger Mäuler an der Futterkrippe stehen und genüsslich kauen.

Seit 2007 ist Melanie Dangel (41) hauptberuflich Schäferin. Sie hat ihren Bürojob an den Nagel gehängt und gegen eine anstrengende Tätigkeit unter freiem Himmel eingetauscht.

Ihr Vater war am Anfang skeptisch, „weil er sich nicht vorstellen konnte, dass das das Richtige für eine Frau ist“. Doch dann hat er sich gefreut, auch weil nun klar war, dass es, wie er stets gehofft hatte, in der Familie mit der Schäferei weitergeht.

Es ist keine kleine Schäferei, die Melanie Dangel da betreibt. Rund 1000 Tiere in zwei Herden sind es, seit kurzem hat sie eine angestellte Schäferin, die ihr hilft. Auch Vater Fritz (67) ist noch immer voll dabei, steht jeden Sommer Tag für Tag bei seiner Herde, die über die Wacholderheiden der Schwäbischen Alb zieht.

Am Anfang haben sie den Betrieb gemeinsam geführt, doch seit 2010 ist sie der Boss. Es ist der Wandel der Zeiten, der auch vor der Schwäbischen Alb nicht Halt macht. Aus dem guten Hirten ist eine Hirtin geworden, und die weiß längst, wie man einen modernen Landwirtschaftsbetrieb zu führen hat: 2011 hat sie vom Naturschutzbund und der Bundesforstverwaltung sogar die Auszeichnung „Schäferin des Jahres“ verliehen bekommen.

Der Anfang war nicht leicht, als sie vom festen Angestelltenverhältnis in die freie Berufswelt der Schäferei wechselte. Aus fünf Arbeitstagen in der Woche wurden sieben und aus 30 Urlaubstagen etwa fünf. Krank sein ist eigentlich kaum drin und eine längere Abwesenheit vom Betrieb im Grunde auch nicht.

Und dann die körperliche Anstrengung: „Von Null auf Hundert, das war wie Leistungssport“, erzählt Melanie Dangel mit einem Lächeln. Die ersten Tage tat einfach alles nur weh, kapitulierte sie ein manches Mal vor den schweren Schafen, die gut und gern 80 Kilo auf die Waage bringen können.

Bereut hat sie es dennoch keine Sekunde lang, dass sie ihre berufliche Entscheidung ganz genau so getroffen hat. Draußen in der Natur zu sein, Tiere um sich zu haben und keinen Chef über sich, das ist genau ihr Ding. Was sie vor allem mag, ist „die ehrliche Zuneigung, die man von den Tieren bekommt“.

Das betrifft keineswegs nur die Schafe, die gemütlich wiederkäuend um sie herum stehen. Eine noch viel wichtigere Figur aus dem Tierreich ist ihr Hund: Die altdeutsche Hirtenhündin Mara ist ihre treue Begleiterin seit vielen Jahren.

Im Sommer sind sie ein Team auf der Weide. Rund 400 Hektar groß ist das Pachtgebiet der Schäferei Dangel. Es verteilt sich über die Heideflächen von Westerheim und den ehemaligen Truppenübungsplatz, der heute ein Biosphärengebiet ist. Die Schafherden leisten dort einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Landschaftspflege, ohne sie würde binnen kurzem alles zuwuchern.

 

Es ist das, was Melanie Dangel ein bisschen wurmt. Dass man heute sein Geld nicht mehr mit der Landwirtschaft verdienen kann, sondern von den öffentlichen Zuschüssen für die Grünflächenpflege abhängig ist. Ein wenig hofft sie, dass das eines Tages wieder anders sein wird: Dass der Preis für die Wolle und das Lammfleisch irgendwann so sein wird, dass auch dadurch richtig Geld in die Kasse kommt.

Geld genug, dass man sich auch mal ein wenig Auszeit gönnen kann. So sehr ihr der Beruf Spaß macht, so sehr wünscht sich die Schäferin, dass auch etwas mehr Zeit für sie selbst übrig bleibt. „Ich habe ein Reitpferd, aber komme kaum zum Reiten“, sagt sie.

In die Kirche geht die evangelische Christin auch nur selten, „aber ich glaube an Gott, natürlich.“ Dafür feiert sie mit Freunden und Verwandten auch diesmal wieder eine Stallweihnacht. Regelmäßig erzählt sie Kindern und Erwachsenen Geschichten aus dem Schäferleben. Dass es morgens in aller Hergottsfrüh beginnt und spätabends endet und man manchmal auch nachts raus muss.

Wann macht Melanie Dangel dann Urlaub und wo? Wer nun das Mittelmeer oder die Karibik vermutet, liegt völlig falsch. „Am liebsten gehe ich ins Allgäu“, lächelt sie. Kühe beobachten statt Schafe hüten, das ist für sie das Höchste der Gefühle.