Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Idealistin - Simone Beck, ermordet in Kabul

DETTINGEN AN DER ERMS – Im Mai jährt sich der Todestag von Simone Beck. Die Missionarin wurde 2017 in Afghanistan erschossen. Simone Becks Leben hat die Diakonisse Heidemarie Führer in einem Buch beschrieben.

 Simone Beck hat mehrere afghanische Sprachen gelernt und Kinder unterrichtet. Foto: Familie BeckSimone Beck hat mehrere afghanische Sprachen gelernt und Kinder unterrichtet. Foto: Familie Beck

Als Simone Beck am 20. Mai 2017 in Kabul ihre Wohnung betrat, freute sie sich auf ein Abendessen mit einer Kollegin und den Rückflug nach Deutschland. Aber an diesem Abend drangen Männer in die Wohnung ein, entführten die Kollegin und töteten Simone Beck mit drei Kopfschüssen. 44 Jahre ist die Frau aus Dettingen im Ermstal nur geworden.

Heidemarie Führer hat sich mit gr0ßer Sorgfalt dem Leben von Simone Beck genähert.  Foto: Wolfgang AlbersWie war ihr Leben? Keine einfache Frage, sagt Heidemarie Führer: „Man lebt ja nicht so, dass man alles säuberlich abheftet und denkt: So, jetzt könnt ihr eine schöne Biographie draus machen.“ Die 77-Jährige, Diakonisse bei den Aidlinger Schwestern, hat schon die Biographie der Schwesternschaft-Gründerin Christa von Viebahn geschrieben. Danach hat sie angefangen über Simone Beck zu schreiben: Eine Missionarin, die unter anderem 14 Jahre in Afghanistan war.

Simone Beck war da schon kategorisiert. Die evangelikale Presseagentur idea hatte sie zur „Märtyrerin des Jahres 2017“ ernannt. So fasst man das Buch „Ermordet in Kabul“ eher skeptisch an: Wird da ein Leben und Sterben religiös verklärt?

Heidemarie Führer hat akribisch recherchiert – selbst nach Kabul wollte sie fliegen und hat deshalb Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer angeschrieben – und vor allem genau hingeschaut. So gelingt ihr eine interessante Milieustudie eines religiösen Lebens samt seiner Probleme: „Das war mir wichtig: Das ganz normale schwere Leben einer Missionarin zu zeigen, das mit Verzicht und Opfern verbunden ist.“ Und das nach der Lektüre die Frage aufwirft, ob man manche Menschen nicht besser vor ihrem Idealismus schützen müsste.

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Beim Start ins Leben war Simone dem Tod nahe. Ein Lungenriss und eine Lungenentzündung. Sie überlebt und wuchs behütet auf. Zwei Schwestern, Eltern, denen Familie wichtig war. Dettingen ist pietistisch geprägt, die Mutter war eine Schwester der Großheppacher Diakonissen. Im Zelt oder der Jungschar wurden den Kindern immer wieder Geschichten von Missionarinnen und Missionaren erzählt. Deren Biographien verschlang Simone, war dann kaum ansprechbar. Das Abitur wäre eine Formsache gewesen. Doch Simone verließ das Gymnasium nach der zehnten Klasse: „Ich will Missionarin werden. Dazu brauche ich kein Abi, aber einen Beruf.“ Sie ließ sich zur Erzieherin ausbilden und arbeitete vier Jahre. Und überlegte: Soll ich wirklich Missionarin werden? Um das in der Praxis zu testen, bewirbt sie sich bei der „Operation Mobilisation“ (OM), die Missionsschiffe betreibt. 23-jährig geht Simone Beck auf das Schiff „Doulos“.

Simone Beck: „Nur auf Gott ist Verlass“

Zwei Jahre kreuzt es zwischen den Philippinen, Arabien und Südafrika. 320 Menschen aus 35 Nationen organisieren nicht nur ihren Schiffsalltag, sondern öffnen in den Häfen ihre christliche Buchausstellung und arbeiten an Land in christlichen Gemeinden oder Hilfswerken.

Eine intensive Zeit. Die Enge auf dem Schiff, das Zusammenleben unterschiedlichster Charaktere und Kulturen, ein straffer Einsatzplan, exotische Orte – „ein einzigartiger Platz zum Leben“, schreibt Simone Beck in einem Brief. Aber auch von „hohem Konfliktpotenzial“. In religiöser Hinsicht sei sie sich sicherer geworden: „Von Menschen wurde ich immer wieder enttäuscht. Doch dadurch habe ich gelernt, dass auf Gott allein absolut Verlass ist.“

„Man muss zwischen den Zeilen lesen und das mit Augen- und Ohrenzeugen kombinieren“, sagt Heidemarie Führer. So enthusiastisch Simone Beck über ihre Doulos-Zeit schreibt, zurück in Dettingen erleidet sie einen Burn-Out, verkriecht sich wochenlang in ihrem Zimmer.

Fußmärsche im Gebirge von Afghanistan  waren Teil der Arbeit von Simone Beck. Foto: Familie Beck

Sie ist noch keineswegs wiederhergestellt, als sie sich in ihre nächste Aufgabe stürzt: eine vierjährige Studienzeit am evangelikalen Theologischen Seminar Rheinland, das Missionare ausbildet. Ihr Pensum ist gewaltig. Neben dem Grundstudium macht sie parallel im Fernstudium einen Master of Theology und spezialisiert sich als Linguistin.

„Simone hätte eine größere Pause gutgetan“, kommentiert Heidemarie Führer diese Phase. Stattdessen geht sie nach Afghanistan. Eine heikle Aufgabe: Christliche Mission in diesem streng muslimischen Land ist nicht erlaubt, Simone wird offiziell als Entwicklungshelferin im Bereich Spracherforschung angemeldet.

In Kabul lernt sie Dari-Persisch. Dann zieht sie nach Faizabad, in ein Projekt der International Assistance Mission (IAM), einer Genfer christlichen Organisation. Simone Beck beginnt ihre eigentliche Arbeit: Einige der rund 40 afghanischen Sprachgruppen zu suchen, deren Sprache noch nicht dokumentiert ist. Das will sie tun, um eine Bibelübersetzung für diese Stämme zu ermöglichen. Diese Feldstudien verlangen lange Fußmärsche im Gebirge zu entlegenen Dörfern, Verhandlungen mit den Dorfchefs, akribisches Anlegen von Wörterlisten. Eine Mammutaufgabe: „Ich war oft so kraftlos in meinem letzten Einsatzjahr“, schreibt sie.

Wenigstens ist sie nicht allein: Daniela Bayer, eine junge Linguistin aus Chemnitz, forscht mit ihr. Ein Hochtal im Hindukusch ist Simone Beck linguistisch besonders aufgefallen.

Mit einem medizinischen Team der Operation Mercy, einer schwedischen Hilfsorganisation, zieht sie auf 3000 Meter Höhe, ein Zimmer in einem Flachdachbau wird ihre karge Heimat. Sie lernt wieder eine neue Sprache, die deutlich schwieriger als das Dari ist. Hat Frostbeulen an den Händen. Muss Mäuse jagen, um die knappen Vorräte zu retten.

Fünf Jahre lebt sie in diesem Hochtal, sammelt Geschichten in der Talsprache, gestaltet mit ihnen Leseheftchen und baut damit Vorschulklassen auf. Ein großer Erfolg. Doch immer wieder gibt es niederschmetternde Nachrichten. Daniela Bayer und neun andere IAM-Mitarbeiter sind bei einem Raubüberfall getötet worden. Simones Hochtal-Projekt verheddert sich immer mehr in der undurchsichtigen afghanischen Bürokratie. Genehmigungen bleiben aus, Versorgungsflüge werden verboten. Operation Mercy wird das alles zu heikel. Die Zentrale ordnet den Abzug des Teams an.

Auf das Aus reagiert Simone Beck mit einem kompletten Zusammenbruch. Sie singt nicht mehr, schweigt, igelt sich ein. Im Kopf, so rekonstruiert Heidemarie Führer, kreisen die Zweifel: War alles umsonst? Habe ich versagt? Warum hilft Gott mir nicht?

Sie ist in Deutschland lange in Therapie. Auch ihr Körper streikt, sie hat Lähmungen am Fuß. Sie unterrichtet viel in Deutschland, behält in Kabul eine Wohnung und macht Kurzbesuche in ihrem Hochtal. Schließlich wird ihr das unmöglich, sie spricht von „schwerwiegenden Unwahrheiten und Verleumdungen“. Sie „haben mich erneut viel Kraft gekostet“, schreibt sie am 12. Mai 2017 von Kabul aus an ihre Freunde. Es ist ihre letzte Mail.

Die Mörder sind nie identifiziert worden, ihr Motiv ist unklar. Lösegeld? Die entführte Kollegin kam wieder frei. Hatte eine private Weihnachtsfeier mit Einheimischen Folgen? Simone Beck hatte aus der Bibel vorgelesen, also strenggenommen missioniert. „Die Lesung ist etwas gewagt“, schrieb sie später. Simone Becks letzte Worte angesichts ihrer Mörder hat die entführte Kollegin in Erinnerung. Dreimal habe sie gerufen: „Jesus!“

Buch-Tipp

Ermordet in Kabul. Sr. Simone Sr. Heidemarie Führer: Ermordet in Kabul – Vom Leben, Glauben und Kämpfen der Simone Beck.



SCM Hänssler Verlag

Holzgerlingen 2021,

240 Seiten

18,99 Euro

 

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de