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„Die Kirche bleibt im Dorf“ - Oberkirchenrat, Dezernat 8 hilft

Die Mitgliederzahlen sinken, die Kosten für die Instandhaltung steigen: Viele Kirchengemeinden brauchen bei der Pflege und dem Unterhalt ihrer Immobilien Unterstützung. Diese bekommen sie vom Dezernat 8 des Oberkirchenrats in Stuttgart.

Johanneskirche in Kornwestheim. Gemeindehaus und Kirche in einem. Foto: Julian RettigJohanneskirche in Kornwestheim. Gemeindehaus und Kirche in einem. Foto: Julian Rettig

Innovative Immobilienkonzepte sind gefragt, wenn es um die Nutzung kirchlicher Gebäude geht. Die erste Anlaufstelle bei Fragen rund um Immobilien ist für alle Kirchengemeinden der Landeskirche das Dezernat 8 des Oberkirchenrats. Gemeinden, die eine oder mehrere Immobilien nicht mehr benötigen oder diese finanziell nicht mehr unterhalten können, werden dort fachlich beraten.

Am Beginn steht die Frage nach der bisherigen Nutzung des Gebäudes: Handelt es sich um vermieteten Wohnraum, um ein Pfarrhaus, einen Kindergarten oder ein Gemeindehaus? „Mit den Architekten der Bauberatung gehen wir vor Ort und schauen uns die Gebäude an. Dann wird überlegt, was man mit diesen tun könnte“, sagt Jan Hermann. Er leitet das Referat 8.1 und ist in den meisten Fällen der erste Ansprechpartner für die Gemeinden. Er betont, „dass es zwar vor Ort viele vorbereitende Gremien, Arbeits- und Konzeptgruppen gibt. Die Entscheidungen werden aber abschließend immer im Kirchengemeinderat gefällt.“ Wenn Gemeinden sich von mehr als einem Gebäude trennen wollen, laufe der Prozess meist über die so genannte vernetzte Beratung. Dann wirken Fachberater wie zum Beispiel Architekten mit, aber auch Menschen, die den Kontakt zur Kirchengemeinde und der Öffentlichkeit halten. Diese Prozessbegleiter können Diakone, Pfarrer oder Mediatoren sein. Sie vermitteln auch zwischen Kirchengemeinderat und Fachberatern.

Oft sei es für die Gemeindemitglieder ein emotional aufwühlender Prozess, wenn ein Gebäude aufgegeben werden muss, sagt Hermann. Auf der sachlichen Ebene sei allen Beteiligten bewusst, dass dieser Schritt notwendig ist. Doch Vernunftgründe sind eben nicht alles. „Es wird nicht nur das Gebäude hinterfragt, sondern im Prinzip alle Arbeit, die darin über Generationen hinweg gemacht wurde“, sagt der Experte. Oft säßen noch die Erbauergeneration und die freiwilligen Helfer am Tisch, die an vielen Samstagen gestrichen oder Böden verlegt hätten. Durch die Prozessbegleitung sollen die Gefühle möglichst aufgefangen werden. „Je öfter die Prozessbegleiter mit den Gemeinden zusammen unterwegs sind, desto intensiver arbeiten diese mit“ – diese Erfahrung hat Hermann gemacht.

Vernunft und Gefühl

Keine Kirchengemeinde sei verpflichtet, den gesamten Umgestaltungsprozess über Jahre hinweg durch das Dezernat 8 betreuen zu lassen, sagt der Referatsleiter. „Man kann uns auch nur im Rahmen eines Auftakttermins mit der Gemeindeaufsicht und der Bauberatung vor Ort anfordern. Nach diesem Auftakttermin schreiben wir den Kirchengemeinden einen Bericht, in dem wir ihnen Hinweise geben, wie sie vorgehen könnten, wann sie welche Fördermittel erhalten und wann sie uns wieder einbeziehen müssen.“

Möchte eine Kirchengemeinde ein Gebäude verkaufen, dann gibt es die Möglichkeit, dieses an die Pfarreistiftung zu veräußern. „Sie erwirbt Grundstücke und vergibt sie im Erbbaurecht an Dritte. Das können zum Beispiel Privatpersonen oder Firmen sein“, sagt Jan Hermann. Aus den Erträgen werden unter anderem die Gehälter der Pfarrerinnen und Pfarrer finanziert. Die Pfarreistiftung erwerbe die Immobilien zum Verkehrswert. Die Kirchengemeinde verliere also kein Geld und sei gleichzeitig die Last für den Unterhalt des Gebäudes los. „So bleiben die Erträge grob gesprochen in der Familie, wenn man die Landeskirche als Familie sehen möchte“, sagt Jan Hermann. „Mir gefällt dieses Bild ganz gut.“

Jan Herrmann, Immobilienexperte im OKR. Foto: PrivatWenn eine Kirchengemeinde das Geld für ein bestimmtes Gebäude nicht mehr aufbringen könne, „bedeutet das noch lange nicht, dass dieses aufgegeben, abgebrochen oder verkauft werden muss“, betont Hermann. „Womöglich findet die Kirchengemeinde Mitnutzende. Vielleicht braucht die bürgerliche Gemeinde Platz für einen Kindergarten.“

Der Immobilienexperte berät nur dahingehend, welche Gebäude finanziell noch tragbar seien – dieser Hinweis ist ihm wichtig. „Ich gehe nicht über die Landkarte, mache Kreuzchen und streiche die Häuser durch, die wegfallen.“ Sein Referat liefere Informationen, die den Kirchengemeinden bei ihrer Entscheidung helfen.

Experte im Oberkirchenrat: Jan Hermann berät Kirchengemeinden bei Immobilienfragen. Foto: Privat

Abwarten ist keine Option

Hermann ist überzeugt, dass in einigen Orten nur die denkmalgeschützte Kirche übrig bleiben wird. Der Denkmalschutz mache den Handlungsspielraum dort überschaubar. „Im Einvernehmen mit der Denkmalpflege und den Architekten kann man aber auch aus diesen noch viele Nutzungsmöglichkeiten herausholen, um das Gemeindeleben vor Ort zu erhalten.“ Kurz gesagt: „Die Kirche bleibt im Dorf.“

Wie eine Umnutzung aussehen kann, hat Jan Hermann schon oft erlebt. Die Nikolaikirche in der Reutlinger Innenstadt wurde zu einem multifunktionalen Raum, in dem ein inklusives Projekt der Bruderhaus Diakonie und die Vesperkirche untergebracht wurden. Sie wird als Café, für Ausstellungen und Konzerte genutzt. Auch den Einbau eines Gemeindehauses in der Johanneskirche in Kornwestheim hat der Immobilienexperte betreut.

Um noch besser und frühzeitiger helfen zu können, wird im Dezernat 8 eine zusätzliche Beratung für Kirchenbezirke aufgebaut. Denn diese sind dafür verantwortlich, die Kirchensteuermittel an ihre Gemeinden zu verteilen. Dadurch haben die Kirchenbezirke einen Überblick über die Gebäude, für die Geld ausgegeben wird. So könne frühzeitig erkannt werden, wenn finanzielle Mittel nicht ausreichen und Gemeinden ihre Nutzungskonzepte überdenken müssen. Die Kirchenbezirke werden durch Berichte und Studien, aber auch finanziell unterstützt. Fehlinvestitionen sollen vermieden werden. „Im Vergleich zu anderen Landeskirchen sind wir noch in einer privilegierten Lage. Andere haben schon vor Jahren und auch ganz akut rigide durchgegriffen, um den Gebäudebestand zu reduzieren“, sagt Jan Hermann. Gemeint ist, dass Gesetze geschaffen wurden, die klar regeln, welche Fläche eine Kirchengemeinde behalten darf und wofür sie noch Zuschüsse erhält. Lange abwarten sei keine Option.

Jan Hermann möchte weiterhin gemeinsam mit den Kirchengemeinden Einzelfälle besprechen. „Wir wollen dort helfen und begleiten, wo die Not am größten ist.“ Seine Sicht auf die Zukunft: „Wenn wir in den Blick nehmen, dass die Gemeindegliederzahlen rückläufig sind, die Kirchensteuereinnahmen sinken und die Anforderungen des Klimaschutzes in den Gebäuden umgesetzt werden müssen, gehen wir davon aus, dass der Gebäudebestand bis zum Jahr 2050 um etwa ein Drittel reduziert oder angepasst werden muss.“

Kraftakt gemeistert: Die Gemeinde der Johanneskirche in Kornwestheim hat das Gemeindehaus in die Kirche integriert. Foto: Julian Rettig

Wie viel die Landeskirche Württemberg insgesamt jährlich für den Erhalt von Immobilien ausgibt, wurde bisher nicht erhoben. „Wir haben uns bisher gescheut, zunächst Millionen von Euro auszugeben, nur um den Gebäudestand zu katalogisieren“, sagt der Referatsleiter.

Die Kosten für den Umbau der Reutlinger Christuskirche werden auf 13 Millionen Euro geschätzt. „Diese Zahlen erfüllen auch uns mit Respekt“, sagt Jan Hermann. Auch deshalb gibt es durch einen Ausgleichsstock für die Kirchengemeinden finanzielle Unterstützung. Außerdem können sich die Kirchengemeinden durch Fundraising-Pfarrer Helmut Liebs beraten lassen. Er unterstützt sie bei Benefizveranstaltungen und bei der Suche nach Sponsoren. □

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Im Dezernat 8 des Oberkirchenrats arbeiten mehrere Referate zusammen. Das Dezernat umfasst die Bau- und Gemeindeaufsicht, die Jan Hermann leitet, die Bauberatung und die Kunstberatung. Auch der Glockensachverständige gehört dazu, außerdem das Zentrale Gebäudemanagement, die kirchliche Verwaltungsstelle und das Umweltreferat.

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