Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Lust auf Neues bewahren - Trotz Trauer nach vorne schauen

Je älter man wird, desto häufiger muss man Abschied nehmen. Von geliebten Menschen, von Fähigkeiten, von Möglichkeiten. Was in diesem Prozess helfen kann und welche Schritte nötig sind, um trotz aller Trauer nach vorne zu blicken.

Das Leben vergeht wie im Flug – und Abschied nehmen gehört dazu. Foto: adobe stock/ peterschreiber.mediaDas Leben vergeht wie im Flug – und Abschied nehmen gehört dazu. Foto: adobe stock/ peterschreiber.media

„Das Schlimmste ist, dass meine langjährigen Freunde so langsam alle tot sind. Ich bin fast noch der Einzige, der übrig geblieben ist.“ Der Herr, der dies sagte, war zu der Zeit 85. Die alten Vertrauten, mit denen er jahre- und jahrzehntelang unterwegs war, mit denen er die Höhen und Tiefen des Lebens geteilt hatte, sie fehlten ihm sehr. „Das ist ein Trauerprozess“, sagt die Trauerberaterin Christine Kempkes. Ein erster Schritt, damit gut umzugehen, sei radikale Akzeptanz. „Wer immer in einer Abwehrhaltung ist, nichts mit der Trauer zu tun haben will, der macht es sich nochmal schwerer“, sagt Kempkes. Man müsse hinnehmen, was ist. Den Schmerz über die Menschen, die fehlen, zulassen. Und akzeptieren, dass keiner einem diesen Schmerz abnehmen kann. Das gelte auch für das Umfeld wie Familie oder Nachbarn. „Wir würden ja gerne etwas vom Schmerz mittragen“, sagt Kempkes. Aber das funktioniert nicht. Das müsse das Umfeld tatsächlich aushalten.

Gefühle und Schmerz zulassen

Wenn gute und langjährige Freunde dement werden oder zum Pflegefall, sei das Loslassen fast noch schwerer als beim Tod. Denn „das ist wie ein Abschied auf Raten“, hat die Trauerexpertin beobachtet. „Vieles, was die Freundschaft einmal ausgemacht hat, ist nicht mehr möglich.“ Wenn gemeinsames Wandern oder Schwimmen zur Freundschaft dazu gehörte, dann ist es Trauerarbeit, das loszulassen. Wie beim Tod eines geliebten Menschen sei es wichtig, die Trauer zuzulassen. Denn: „Je mehr ich mich wehre, desto schlimmer ist es.“

Christine Kempkes, Trauerbegleiterin und AutorinChristine Kempkes stellt den Menschen in ihrer Beratung Traueraufgaben. „Akzeptieren, was ist“, heißt eine. „Die Realität annehmen“ gehört dazu. Das Schmerzhafte wird bleiben – das steckt dahinter. Ein nächster Schritt ist, Unterstützung anzunehmen. Zuzugeben, dass man mit manchem nicht allein zurechtkommt. Im Falle der Trauer heißt das etwa, sich jemanden zu suchen, mit dem man sprechen kann.

Gegen das Gefühl des Alleinseins helfe es, schon frühzeitig einen Freundeskreis aufzubauen, in dem auch jüngere Menschen sind. „Wer seit Kindestagen immer mit denselben Leuten zusammen ist, ohne dass neue dazu kamen, bei dem ist das Gefühl stärker, dass alle wegsterben“, sagt Kempkes. So könne die 80-Jährige durchaus auch mit einer 60-Jährigen ins Konzert gehen oder einmal Kaffee trinken. Je altersdurchmischter der Freundeskreis ist, je offener man Neuem gegenüber steht, desto weniger einsam fühle man sich.

Die Trauerberaterin Christine Kempkes hilft Menschen dabei, neue Perspektiven zu entwickeln.

Offenheit – ein wichtiges Stichwort. Nicht nur offen sein für neue Menschen, sondern auch neugierig sein auf das Leben, auf neue Themen: Das ist einer der Schlüssel zu einem erfüllten Leben, gerade auch im fortgeschrittenen Alter. Warum nicht noch einmal eine Sprache lernen? Oder ein Hobby beginnen, für das man nie Zeit hatte? Den Malkurs vielleicht? Ein Chor? So kommt man hinaus aus der eigenen Wohnung. Das ersetzt zwar nicht die langjährigen Freundschaften, aber man hat wieder Kontakt zu anderen Menschen.

Sicherlich ist nicht jedes Hobby in jedem Alter möglich, denn der Körper setzt Grenzen. Wenn man nicht mehr so gut sieht oder hört, oder auch wenn die Hände einem nicht mehr so gehorchen wie früher, dann schränkt das so manches Hobby ein.

Das führt ebenso zu Trauer wie der Verlust eines geliebten Menschen. Sich eingestehen zu müssen, dass es mit dem Marathon nun doch nichts wird, oder dass lange Wanderungen nicht mehr möglich sind, das ist schmerzhaft. Wer sich seinen Gefühlen stellt, der Wut, dem Zorn, der Trauer, der Ohnmacht, ist schon auf einem guten Weg zurück ins Leben und damit zur Freude. Denn dann ist man frei zu fragen, was noch möglich ist. Vielleicht wird es nichts mehr mit einer großen Tageswanderung. Aber ein Spaziergang ist möglicherweise noch drin.

Der Herbst des Lebens hat durchaus auch schöne Seiten. Fotos: adobe stock/ pikselstock, adobe stock/eyetronic

Freizeitbeschäftigungen sind das eine. Wie aber kann man gut damit umgehen, dass es zunehmend schwieriger ist, die Hecke zu schneiden oder Auto zu fahren? „Ja, das mit dem Auto ist sehr schwer“, sagt Christine Kempkes. Selbst Auto zu fahren heißt, dass man selbstbestimmt und frei überall hinkommt. Das aufzugeben bedeutet auch, seinen eigenen Radius einzuschränken, nicht mehr selbstbestimmt zu sein. „Das erzeugt erst einmal ein Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins“, sagt Kempkes. Andererseits bewahre der Entschluss, nicht mehr selbst Auto zu fahren, davor, in gefährliche Situationen zu geraten. Das sei eben auch Teil des Realitätschecks.

Die Hecke von jemand anders schneiden zu lassen, ist für manche Menschen ebenfalls schwer. Besonders, weil sie nicht um Hilfe bitten wollen. Manchmal ist es die Scheu, sich einzugestehen, dass es nicht mehr geht. Oder es ist die Sorge davor, dass der Angefragte nicht unterstützen kann oder will. Da hilft die Frage: „Was wäre das Schlimmste, das passieren kann, wenn ich um Hilfe bitte?“ Und wenn es die Angst ist vor einem Nein: „Ist es wirklich so dramatisch, wenn einer die Hecke nicht schneiden kann? Oder gibt es vielleicht auch jemand anderen, den ich fragen könnte?“ Außerdem: „Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand Nein sagt?“ Viele Menschen würden gerne helfen, man müsse sie nur fragen, sagt Christine Kempkes. Das ist eine weitere „Traueraufgabe“: Hilfe annehmen. Dazu gehört es auch, um Hilfe zu bitten.

Ernten, was man gesät hat

Dankbarkeit ist aus Sicht von Christine Kempkes übrigens ein „tolles Vehikel, den Fokus auf Gutes zu richten“. Es sei immer die Frage: „Gebe ich meine Aufmerksamkeit dahin, was nicht mehr da ist oder kann ich dankbar sein für das, was war?“ Wichtig ist, zu verstehen, dass beides häufig gleichzeitig passiert. Da ist zum einen die Freude über die Musik und darüber, dass man sie mit der Freundin genießen konnte. Das erzeugt Dankbarkeit. Dennoch kommt aber die Trauer darüber hoch, dass die Freundin gestorben ist. Das sei ganz normal, sagt Kempkes. Sie nennt es die „Gleichzeitigkeit in der Trauer“. Da seien einfach sehr viele unterschiedliche Gefühle drin. Dankbarkeit, Liebe, schöne Erinnerungen, Wärme, Fürsorge. Und gleichzeitig Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Verlorenheit. Wer weiß, dass diese Gegensätze zusammengehören, tut sich leichter.

In den Beratungen mit Christine Kempkes geht es häufig auch um die Frage „Wer bin ich? Wofür stehe ich?“ Ganz wichtig seien diese Fragen insbesondere dann, wenn ein Ehepartner nach vielen Jahrzehnten des gemeinsamen Lebens gestorben ist. Wenn es all die Jahre nur ein „wir“ gab, dann ist das eine große Herausforderung. Welche Talente, welche Gaben, welche Interessen habe ich? Was macht mir Freude? Die Antworten auf diese Fragen seien manchmal gar nicht so leicht zu finden, und es braucht Zeit, sich auf das Neue einzulassen. Zeit, aber auch Offenheit. Und damit kann man gar nicht früh genug anfangen. So rät Christine Kempkes auch dazu, sich schon lange vor dem Ruhestand zu überlegen, was man mit der freien Zeit anfangen will. So lassen sich neue Kontakte knüpfen, die später tragen, auch wenn es nicht die langjährigen Freunde sind. „Wir ernten, was wir gesät haben“, sagt die Trauerberaterin. Wer immer auf der Suche nach Neuem ist, wird dies auch mit 80 noch sein und so neben dem Schmerz über Verluste auch die Lust am Neuen und damit auch am Inspirierenden und Schönen, nicht verlieren. □

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