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Die nächste Krise? - Libanon

Kein Land hat im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl in den vergangenen Jahren so viele Flüchtlinge aufgenommen wie der Libanon. Nun könnten die Ausbeutung der Natur, die Korruption der Eliten und die geopolitische Lage dafür sorgen, dass sich die Libanesen selbst auf den Weg machen.

Libanon - Foto: © Michael Gaida / Pixaby 

Seit einigen Monaten gibt es im Libanon Proteste gegen die Politik der Regierung. Auslöser dafür: die Korruption und das starre politische System. Zum Rücktritt des Regierungschefs haben die Unruhen bereits geführt. Manche Berichterstatter reden euphorisch vom nächsten „arabischen Frühling“. Andere sind skeptisch. Und ein Aspekt kommt selten in den Blick – was bedeuten die Unruhen für die vielen Flüchtlinge im Libanon?

„Den syrischen Flüchtlingen ist die Revolution erst einmal suspekt“, sagt Uwe Gräbe, Nahost-Referent der EMS (Evangelischen Mission in Solidarität). Im Libanon leben rund 1,7 Millionen syrische Flüchtlinge, bei einer Gesamtbevölkerung von etwa sechs Millionen Menschen.

Vor der Revolution, erzählt Gräbe, seien die Flüchtlinge oft zu Sündenböcken gemacht worden. Denn die Syrer boten sich als billige Arbeitskräfte an, was arme Libanesen als Konkurrenz gesehen haben. Die Abneigung gegen die Syrer sei deshalb gerade in den unteren Schichten groß.

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Abneigung gegen die Flüchtlinge

In Zeiten des Bürgerkriegs (1975 – 1990) sind viele Menschen aus dem Libanon geflohen. Danach war der Libanon eher Aufnahme- als Fluchtland. Doch kommen in der aktuellen Situation im Libanon drei Faktoren zusammen, die zu den klassischen Fluchtursachen gehören, sagt Gräbe. Zum einen die „gnadenlose Ausplünderung der natürlichen Ressourcen“. Die Unruhen seien durch Waldbrände mitausgelöst worden, für die Löschhubschrauber gefehlt hätten. Wasser und Elektrizität seien knapp. Obwohl viel Energie aus Sonnenkraft erzeugt werden könnte, seien fossile Brennstoffe erste Wahl. „In Beirut merkt man, dass sich zweimal am Tag der Strom umstellt. Wenn der Strom der Stadtwerke verbraucht ist, gehen die Lichter aus. Kurze Zeit später starten die privaten Generatoren in den Häusern und in der Straße verbreitet sich Dieselqualm“, schildert Gräbe.

Der Verkauf von Generatoren sei deshalb ein einträgliches Geschäft. Die Politik zeige kein Interesse daran, die öffentliche Stromversorgung zu verbessern und so der „Generatoren-Mafia“ – ein stehender Begriff im Land – ihre Einnahmequelle zu entziehen.

Was zum zweiten Faktor führt: der Korruption der Führungselite. Im Libanon herrscht ein konfessioneller Proporz, der allen religiösen Gruppen im Land eine feste Zahl von Parlamentssitzen zuweist – 34 maronitische Christen, 27 Sunniten, ein Protestant und so weiter. Diese starre Machtverteilung führt dazu, dass viele Politiker ihre Position ausnutzen können. Als Beispiel nennt Gräbe den Sprecher des Parlaments, Nabih Berri, der 400 Millionen Dollar für sich auf die Seite legte. Berris Frau sei eine der reichsten Frauen im Libanon, weil sie die Spendengelder muslimischer Organisationen verwaltet.

Der dritte Faktor sei, dass der Libanon am Brennpunkt eines geopolitischen Konflikts liege. Mitten durch die libanesische Bevölkerung und das Parlament verläuft die Frontlinie zwischen den sunnitischen und den schiitischen Muslimen.

Das alles wirft die Frage auf: Ist der Libanon das nächste Land, aus dem große Flüchtlingsströme zu erwarten sind? „Das ist natürlich möglich“, sagt Gräbe. Da der Libanon aber grundsätzlich kein armes Land sei, kämen libanesische Flüchtlinge eher weniger in Schlauchbooten übers Mittelmeer.

Anders sähe es aus, wenn die syrischen Flüchtlinge im Libanon sich wieder auf den Weg machen. Verbunden damit, dass die Türkei ihre syrischen Flüchtlinge losbekommen möchte und sich durch die türkische Invasion innerhalb Syriens wieder mehr Menschen Richtung Europa bewegen. „Da wage ich keine Prognose abzugeben, was daraus wird“, sagt Uwe Gräbe.

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