Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die neue Lust am Singen

Chöre sterben aus, weil die Jugend nicht gern singt? Das stimmt nur zum Teil. Aber es hat sich etwas verändert. Nicht jede Kantorei, in der man sich jede Woche zum Singen trifft, hat noch den Zulauf wie vor 20, 30 Jahren. Stattdessen lassen sich viele Menschen für Projektchöre begeistern.


Was mit wenigen Teilnehmern begann, ist nun ein Großereignis: Das Stuttgarter Projekt "Gospel im Osten" zieht bis zu 800 Sängerinnen und Sänger an. (Foto: Pressebild/Ludmilla Parsyak)


Das Singen, vor allem in Gruppen, ist wieder im Trend, hat Landeskirchenmusikdirektor Matthias Hanke festgestellt. „Nach dem Zweiten Weltkrieg hat das gemeinsame Musizieren zu Hause einen Abbruch erlebt. Das hat lange nachgewirkt.“ Die Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland spricht eine deutliche Sprache: Allein in Württemberg gibt es 1421 kirchliche Erwachsenenchöre, in denen 35.000 Menschen singen. 10.000 Kinder und Jugendliche singen in rund 700 Chören. Dennoch: Chöre verändern sich. Nicht jeder Kirchenchor hat heute noch großen Zulauf; manche Kantorei musste in den vergangenen Jahren schließen. Stattdessen liegen Projektchöre mit mehreren 100 Teilnehmern im Trend.

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Hanke blickt 20 Jahre zurück. Damals hätten Jugendliche nicht erzählt, dass sie im Chor singen. Vor zehn Jahren habe sich das geändert. Dazu habe auch das Vokalensemble „Wise guys“ beigetragen, das vor allem durch Kirchentage bekannt geworden ist. Auch die vor allem im Großraum Stuttgart bekannte Gruppe „Die Füenf“ habe das Singen bei jungen Menschen wieder beliebter gemacht. Die Mischung aus Popularmusik und witzigen Texten sei hier ausschlaggebend gewesen. Möglicherweise könnte diese Wellenbewegung sich aber auch wieder auf ein Tal zubewegen, meint Hanke. „Ich mache mir ums Singen aber keine Sorgen“, sagt er. Projekte wie „Ich kann nicht singen“ würden zeigen, dass die Menschen ein Bedürfnis haben, selbst zu musizieren. Dabei handelt es sich um einen Chor in Stuttgart-Zuffenhausen, der sich bewusst an Menschen richtet, die von sich glauben, nicht musikalisch (genug) zu sein. Dennoch treten die Teilnehmer in Konzerten auf. Um die 70 Menschen sind mehr oder weniger regelmäßig dabei.

 „Singen ist ein Anker in der Zeit“, findet Matthias Hanke. Er hat beobachtet, dass wachsende Kirchen immer auch etwas mit Musik zu tun haben. Zwar seien an der Stelle viele Freikirchen weiter, doch solange in der Landeskirche gesungen werde, brauche man sich um sie ebenfalls keine Sorgen zu machen.

Mit der Musik sei es im Übrigen wie mit einer Fremdsprache: Man müsse die Vokabeln und die Regeln kennenlernen – das heiße eben Noten und Rhythmus. „Vergleichsweise ist das eine kleine Sprache mit etwa 100 Vokabeln und zwölf Halbtönen.“

Dass Kirchenchöre immer älter werden, ist Fakt. Möglicherweise werden die klassischen Kirchenchöre, die alle Altersklassen vereinen und wöchentlich proben, irgendwann aussterben. Schlimm findet Matthias Hanke das nicht. Denn es entstünden immer wieder neue Gruppen, die gemeinsam singen. Projekt-Ensembles, Gospelchöre, Lobpreisteams: Die Bandbreite ist groß, die Organisationsform auch. Häufig beginnt eine kleine Gruppe, neue Lieder gemeinsam zu singen – und daraus entsteht irgendwann ein fester Kern von Menschen, die nach dem Konzert oder dem Auftritt im Gottesdienst einfach weitermachen wollen und so zu einem festen Chor werden. Zwar gebe es auch Projekte, in denen unterschiedliche Musikstile gemischt werden, doch häufig ziehe es die Menschen eben zu den Melodien und Rhythmen, die sie meistens hören.

Wichtig sei, dass das Singen von Kindern und Jugendlichen gezielt gefördert wird, gerade in Schulen, sagt Hanke. So habe es beispielsweise 2009 in der Landeskirche den kirchenmusikalischen Schwerpunkt.

„Zum Singen bringen“ gegeben. Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kinderkirche und der Jugendarbeit, Religionslehrer und -lehrerinnen, Pfarrerinnen und Pfarrer, hauptberufliche und nebenberuflich tätige Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker wurden weitergebildet darin, wie sie mit ihren Gruppen singen können. „Kinder und Jugendliche sind ein Schlüssel: Lieder müssen vermittelt werden“, sagt Hanke. Wer schon in jungen Jahren gesungen habe, komme davon meist nicht weg.

Allerdings seien gerade Kinder und Jugendliche für Chorarbeit nur noch schwer zu bekommen, hat der Stuttgarter Stiftskantor Kay Johannsen beobachtet. Die jungen Menschen seien am Nachmittag kaum noch zu Hause, weil sie den ganzen Tag Schule haben. Doch genau dort ändert sich etwas, meint Johannsen, denn das Musizieren von klassischen Stücken halte Einzug in den Schulalltag. Natürlich könne man bedauern, dass der klassische Kirchenchor mit 50 Mitgliedern, wöchentlichen Proben und Altersklassen von 15 bis 80 selten geworden ist. Aber ausgestorben sei er noch lange nicht. Diese Chöre seien als Gemeindegruppe nicht zu unterschätzen, meint Johannsen. „Ihre soziale Bindungskraft ist hoch, die Mitglieder sind im Gottesdienst und beim Chor dabei.

Außerdem: „Wenn der Altersdurchschnitt hoch ist, heißt das doch nicht automatisch, dass man nicht gut singen kann“, ist Johannsens Erfahrung. Denn das hänge vor allem mit der Übung zusammen – und da könnten die Chormitglieder, die jede Woche zur Probe gehen, durchaus einiges vorweisen. Zudem ist es seinre Ansicht nach nicht schlimm, wenn sich immer wieder neue Ensembles gründen, die gegebenenfalls auch andere Schwerpunkte im Liedgut setzen. Das bereichere die Musikszene.

Kay Johannsen ermutigt Chorleiter dazu, Kooperationen mit anderen Gruppen einzugehen und ökumenisch zu denken. Der ökumenische Chor der Stuttgarter Christuskirchengemeinde und der katholischen Konradkirche sei dafür ein gelungenes Beispiel. 60 ständige Sängerinnen und Sänger sind dabei. „Solche Projekte lassen mich glauben, dass auch der Kirchenchor mit klassischem Programm nicht aussterben wird“, meint Johannsen.

Gleichwohl sieht er auch, dass die Menschen sich nicht mehr so gern zeitlich binden. „Ein Projektchor hat es da oft leichter.“ Sein Projekt, die „Stiftsmusik für alle“, bringt zwei Mal jährlich Menschen zum Singen von Bachkantaten zusammen. Jeder, der mitmachen möchte, bekommt vorab Noten zugeschickt, „aber nicht jeder übt auch vorher ausgiebig“, sagt Johannsen. An einem Samstag wird morgens mit einem Projekt-Orchester geprobt, nachmittags üben die Sängerinnen und Sänger – jede Gruppe vier Stunden lang. Sonntags musizieren sie gemeinsam und bringen im Gottesdienst eine Bach-Kantate zu Gehör. Im vergangenen Herbst haben mehr als 160 Chorsänger und -sängerinnen mitgemacht, plus 67 Instrumentalisten. Hinzu kommen professionelle Solisten. Die Menschen reisen sogar aus Freiburg an.

In der Probe sollen die Menschen vor allem erleben, warum sie die eine Stelle eher traurig, die andere eher fröhlich singen sollen. Bislang habe das geklappt – und auch die Kirche sei an diesen Sonntagen immer voll. Das Projekt setzt Emotionen frei: „Viele Mitwirkende sind sehr berührt, weil sie das geschafft haben.“

Viele der Sängerinnen und Sänger seien in anderen Chören engagiert. „Für die ist es einfach toll, die Fülle zu spüren, den Klang der vielen Stimmen zu hören“. Nach dem Gottesdienst sprechen ihn  viele Besucher an – „mehr als nach einem professionellen Konzert“. 19 Mal hat „Stiftsmusik für alle“ bereits stattgefunden, am 18. und 19. Mai gibt es sie wieder.

Eine ganz anderen Anspruch hat Kay Johannsen bei der Stuttgarter Kantorei: Wer hier mitmachen möchte, muss vorsingen – und zwar vom Blatt, ab dem 40. Lebensjahr sogar alle drei Jahre. Da stünde dann eher musikalische Perfektion im Vordergund. ¦