Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die schöne Bestatterin

Lauchheim (Dekanat Aalen) – Rahel Merks aus Lauchheim ist Bestatterin. Eine junge Frau, die dem ­Beruf des Totengräbers gerne ein fröhlicheres Gesicht geben würde. Dafür wurde sie bei einem Wettbewerb ihrer Branche zur „Miss Abschied“ gewählt. Mit erstaunlichen Folgen. 


Totengräberin und Floristin: Rahel Merks aus Lauchheim. (Foto: privat)


Es kommt im Leben immer anders als man denkt. Für Rahel Zeberli aus Heldswil in der Schweiz gilt das in ganz besonderen Maße. Als sie vor 15 Jahren dem deutschen Gärtner Stefan Merks aus Württemberg begegnet, da ist es um sie geschehen. Sie heiratet 2002, zieht um nach Deutschland und aus der Schweizer Sozialpädagogin wird eine schwäbische Floristin mit dem Namen Rahel Merks.

Sie lernt erstaunlich schnell, den Umgang mit den Blumen und den Dialekt, den sie aufsaugt wie ein Schwamm: Man muss schon sehr genau hinhören, wenn man das Schwyzerdütsch bei ihr noch heraushören will.

Die Ereignisse im Leben des jungen Paares überschlagen sich. Eines schönen Tages steht der örtliche Bestatungsunternehmer vor der Tür: Er will nicht mehr, sucht einen Nachfolger. „Das können Sie doch machen, das passt doch zu einer Gärtnerei“, sagt er.

Die beiden sind wie geplättet: 25 Jahre alt, völlig unerfahren, wissen nicht, wie man ein Trauergespräch führt. Und doch reizt sie irgend etwas daran. Sie denken intensiv darüber nach, fast ein Jahr lang, beten viel, hören in sich hinein. „Wir haben gewusst, dass es eine Lebensaufgabe ist und kein Geschäftsfeld, das man eben mal ausprobiert und wieder sein lässt“, sagen sie heute.

Die christliche Verwurzelung gehört zu ihrem Leben. Rahel heißt nicht ohne Grund Rahel, ihr Vater nicht zufällig Jakob und ihre Schwester mit voller Absicht Lea. Als Ehemann Stefan seine erste Freundin durch einen tragischen Autounfall verliert, ist es der christliche Glaube, der ihm hilft.

Im Jahr 2005 ist es dann soweit: Aus der Gärtnerei Merks wird ein Blumen- und Gartenbetrieb mit Bestattungsunternehmen. Als die ersten Trauernden kommen, sind sie verblüfft: Darüber, wie jung die beiden sind und wie einfühlsam sie mit ihnen sprechen.

Das Sprechen fiel Rahel Merks schon immer leicht. Sie liebt Geschichten und erzählt sie weiter. Die Geschichte vom Trauerweg, an dessen Ende ein Gipfelkreuz steht. Es ist ein Kreuz der Liebe, der Versöhnung, der Hoffnung nach einer langen Durststrecke.

Bald spricht Rahel Merks nicht nur mit den Angehörigen unter vier Augen, sondern auch bei Trauerfeiern. Wenn etwa die Verstorbenen nicht mehr in der Kirche waren oder bei der Urnenbeisetzung am Grab, die einige Tage nach der Aussegnung durch den Pfarrer stattfindet. Sie spricht und spielt, Kornett oder Trompete, es scheint ganz so zu sein, als ob sie alles, was sie im Leben einmal erlernt hat, immer irgendwie gebrauchen könnte.

Irgendwann wird der evangelische Pfarrer von Lauchheim-Westhausen auf ihr musikalisches Talent aufmerksam. Die Kirchengemeinde sucht einen neuen Leiter für den Posaunenchor. Am Ende wird es eine Leiterin: Rahel Merks, die junge Frau, die an den Gräbern so schön einfühlsam spricht und spielt.

2012 übernimmt sie den Chor und erobert die Herzen der Bläserinnen und Bläser mit Leichtigkeit. Obwohl sie so einen düsteren Beruf hat, haftet ihr so gar nichts Schweres an. Obwohl sie aus der Schweiz kommt, klingt sie kein bisschen fremd. Obwohl ihr Zeitplan eigentlich übervoll ist, macht sie keinen genervten Eindruck.

Sie ist das lächelnde Gesicht des Lebens, ganz anders, als die dunklen Herren in der schwarzen Kluft, die das Bild vom Totengräber bis heute bestimmen. Es ist ein Bild, das sie gerne verändern würde. Wenn nötig, auch auf unkonventionellem Wege .

Einer dieser unkonventionellen Wege ist ein Wettbewerb, den die Internetplattform www.bestatter-preisver gleich.de ausgeschrieben hat. Der Titel klingt reichlich schräg: Eine „Miss Abschied“ wird dort gesucht, die schönste und interessanteste Bestatterin Deutschlands. Es ist ihr Schwager, der sie animiert mitzumachen. „Er hat mich überredet“, sagt Rahel Merks, „dann hab ich einfach ein paar Bilder losgeschickt.“

Das war im Herbst 2014. Sie hat den Vorgang schon fast vergessen, als ein halbes Jahr später die verblüffende Nachricht auf den Tisch flattert, dass sie gewonnen hat. Aus 48 Teilnehmerinnen wurde ausgewählt: Rahel Merks aus Lauchheim auf der Ostalb. Noch viel verblüffender ist für sie allerdings, was anschließend in den Medien passiert: Mehrere Fernsehstationen, Radiosender und Zeitungen reißen sich um ein Interview mit der „schönsten Bestatterin Deutschlands“, wie sie bald nur noch genannt wird.

Manchmal bleibt bei den Beiträgen die Ernsthaftigkeit auf der Strecke, geht es nur noch um das oberflächliche Bild der jungen schönen Frau am Sarg, mit ein paar flapsigen Kommentaren am Rande. Andererseits ist das mediale Interesse eine wunderbare Gelegenheit, sich und ihren Beruf auf eine ganz neue Art und Weise zu präsentieren: leichter, offener und selbstverständlicher.

Inzwischen sind zehn Jahre ins Land gegangen, seit sie mit ihrem Mann das Bestattungsunternehmen übernommen hat. Zehn Jahre mit täglicher Rufbereitschaft, unerwarteten Todesfällen, Verzweiflung und Streitigkeiten bei Trauergesprächen und tragischer Hilflosigkeit der Angehörigen. Zwischen 150 und 250 Bestattungen sind es pro Jahr, manchmal aber auch zehn in der Woche.

Rund zehn Särge stehen in der Ausstellung: Kiefer, Buche, Nussbaum, Eiche. Daneben Holzkreuze und Urnen sowie Decken für das Innere des Sarges. Die Beschläge machen die Bestatter selbst und die Polsterung ebenfalls, nur der Holzrohling wird angeliefert. Rahel Merks eilt von den Särgen zu den Blumen, erzählt von Allerheiligen, dem Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag. Dann hat auch die Gärtnerei alle Hände voll zu tun. Zwölf Mitarbeiter hat die Firma heute, von denen zwei das Handwerk des Bestatters erlernen: Seit 2008 ist er ein regulärer Ausbildungsberuf, auch das ein Stück Normalität in einem Gewerbe, das früher weit am Rande der Gesellschaft stand. Rahel Merks und ihr Mann Stefan hingegen stehen mitten im Leben. Sie sind jetzt 36, haben zwei Kinder und inzwischen eine Menge Berufserfahrung. 2012 haben sie das erste Mal auch wieder länger Urlaub gemacht. „Zum zehnten Hochzeitstag“, sagen sie mit einem Lächeln.

Demnächst muss Rahel los: Posaunenchorprobe. Vorher gibt es einen Schweizer Wurstsalat, eine kleine Erinnerung an die Heimat.

Stefan Merks spricht ein Gebet und auch für Rahel vergeht kein Bläserabend ohne Andacht. „Die Verkündigung ist ihre Stärke“, sagt Werner Joas, der vor ihr den Chor geleitet hat und heute Bass spielt. Rahel Merks hebt den Taktstock und stimmt Weihnachtslieder an: „Macht hoch die Tür“, „Es ist ein Ros entsprungen“, „Jingle Bells“. Sie ist in Lauchheim zu Hause. „Miss Abschied“, so viel steht fest, wird sich von der Ostalb jedenfalls so schnell nicht verabschieden.