Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Seele der Luther-Bibel

Ist Martin Luthers Bibelübersetzung „ein Buch wie eine Naturgewalt“? Oder ist sie ein „Meisterwerk“? Eine Ausstellung im Bibelhaus in Frankfurt/Main gibt Antwort. Die spektakuläre Schau, in der 72 Originale zu sehen sind, führt in die Tiefe der Entstehung deutschsprachiger Bibeln. Darüber hinaus zeigt sie die enorme Bedeutung, die Luthers Bibelübersetzung für die deutsche Sprache hatte. 

Die letzte von Luther bearbeitete Bibelausgabe von 1545.  Für Bundespräsident Joachim Gauck ist die Übersetzung mehr als nur ein Meisterwerk. (Foto: epd-bild)


Die Wirkung von Luthers Übersetzung zeigt die Frankfurter Ausstellung spielerisch und damit „klar und deutlich“ (4. Mose 16,15) wie stark die deutsche Sprache bis heute von dieser Übersetzung geprägt ist. Und es ist nicht „Perlen vor die Säue“ (Matthäus 7,6) geworfen, wenn die Heutigen „auf Treu und Glauben“ (2. Könige 12,16) kaum noch als Lutherzitate bekannten Redewendungen wie in Sprechblasen den Eingang zum Museum markieren.

Den Ausstellungsgestaltern ist es gelungen, mit modernen Apps und kleinen Dioramen, mit Wortspielmaschine und nachgebauter Druckerpresse einen anschaulichen Einstieg zu schaffen, ohne das Ganze in eine platte Erlebnisveranstaltung abgleiten zu lassen. Gleichzeitig wird damit angedeutet, was heute „Medienrevolution“ genannt wird und Voraussetzung für die erfolgreiche Verbreitung der Bibelübersetzung war. „Alles hat seine Zeit“ (Prediger 3,1), mit diesem Bibelwort ist dieses Angebot für junge, weniger bibelfeste Menschen überschrieben.

Ob Luther ein „Meisterwerk“ geschaffen hat, das stellt Bundespräsident Joachim Gauck in Frage. Schließlich sei Luther kein Handwerker gewesen. Was ihn getrieben hat, meint Gauck, sei die Seele. Luther sei, so sagte er bei der Ausstellungseröffnung, „zuerst und zuletzt“ ein Seelsorger gewesen. Erst habe ihn die Sorge um die eigene Seele, dann aber immer mehr das Seelenheil der Menschen bewegt. Aus dieser Sorge seien Sprachbilder entstanden, die ihre Kraft und Poesie bis in die Gegenwart entfalten.

Aus welchen Quellen diese Kraft kam, aus „Leseworten“ „Lebensworte“ zu machen, sagt EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm, „mit andern Worten, welche Voraussetzungen nötig waren, um ein derartig wirkmächtiges Werk zu schaffen, das wird in Frankfurt anschaulich. Da ist das epochale Druckwerk von Johannes Gutenberg zu nennen, das in Frankfurts Nachbarstadt Mainz entstand: die Gutenberg-Bibel. Sie ist ebenso mit Originalseiten zu sehen, wie die lateinischen Vulgata-Übersetzungen. Deren sprachliche Schwächen hatten die Humanisten, vor allem Erasmus von Rotterdam und der Stuttgarter Johannes Reuchlin, schon im 15. Jahrhundert erkannt. Ihnen verdankt die Welt die Wiederentdeckung der antiken Sprachen und ihrer Schriftsteller. Mit ihren grundlegenden Arbeiten zur altgriechischen und hebräischen Sprache, die ebenfalls ausgestellt sind, konnten die Reformatoren an ihre Arbeit gehen, das Evangelium für „den Mann auf der Straße“ (Luther) verstehbar zu machen. Welche herrlichen Illustrationen die neue Technik des Druckens ermöglichte, belegt unter anderem die 1483 erschienene Koberger Bibel.

Aus dem Bestand einer der weltweit größten Bibelsammlungen – in der Württembergischen Landesbibliothek – ist auch zu sehen, wie die Reformatoren an die Übersetzungsarbeit gingen. Die so genannte „Stuttgarter Vulgata“ zeigt nämlich, wie Theologen des 16. Jahrhunderts arbeiteten. Notizen am schmalen Rand der Buchausgabe lassen jedenfalls den Schriftexperten erkennen, wie um angemessene Formulieren gerungen wurde.

Ziel der Ausstellung sind die Bibeln der Reformation. Allen voran das neben großformatigen bunt illustrierten Texten unscheinbar anmutende Septembertestament Martin Luthers aus dem Jahr 1522 im Original. Ebenso authentisch sind die daneben liegenden Folianten bis hin zur Gesamtbibel aus dem Jahr 1546, die bereits nach dem Tod des Wittenberger Bibelprofessors und Reformators erschien.

Es dürfte wohl auch im anstehenden Jahr des Reformationsjubiläums kaum eine Ausstellung in Deutschland geben, die anhand von Originalen einen solchen zeitlichen und sprachgeschichtlichen Horizont eröffnen kann. Schon alleine deswegen lohnt sich eine Fahrt nach Frankfurt und die Suche nach dem etwas versteckt „in der zweiten Reihe“ hinter den berühmten Frankfurter Museen am südlichen Mainufer, zwischen stattlichen Stadthäusern liegende Bibel Erlebnis Museum.