Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Sehnsucht nach der Höhe stillen

ULM – Einmal vom Turm des Ulmer Münsters schauen, den Weitblick genießen und Höhenluft schnuppern: Für Menschen im Rollstuhl ist das ein schier unerfüllbarer Wunsch. Wie sollen die denn die Treppen nach oben überwinden? Doch einmal ging es. 


Den sagenhaften Blick genießen: Das geht für Rollstuhlfahrer nur ausnahmsweise mit Hilfe des Bauaufzuges. (Foto: Dagmar Hub)

Martin Maier ist auf den Rollstuhl angewiesen. Der Fernblick vom Turm des Ulmer Münsters war für ihn deshalb immer ein unerreichbarer Wunschtraum, eine immerwährende und unstillbare Sehnsucht. Aber: Da gibt es doch den Bauaufzug, der derzeit – und noch einige Jahre – auf der Westseite des Ulmer Münsters steht. Sicher, der alte ruckelige Bauaufzug, Vorgänger des aktuellen Modells – das war nicht jedermanns Sache, und man musste schon frei von Höhenangst sein, um ihn zu benützen. Aber zum Geburtstag einmal auf den Turm kommen, mit dem neuen Bauaufzug?

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Zunächst sah es schlecht aus für Martin Maiers Sehnsucht: Einfach so auf den Turm mitfahren zu dürfen, das ist mit dem für die Arbeiten an der Außenfassade des Gotteshauses permanent eingesetzen Aufzug nicht möglich, das war bald klar. Aber der Tag des offenen Denkmals, an dem jährlich unzählige an verschiedenen Führungen am Münster teilnehmen?

Münsterbaumeister Michael Hilbert, Dekan Ernst-Wilhelm Gohl sowie Peter Schaal-Ahlers und Stefan Krauter, Pfarrer am Münster, ließen sich von der Idee begeistern, den Bauaufzug für einen Tag ganz anders und im Sinne der Inklusion zu nutzen: 32 Plätze konnte die Ulm/Neu-Ulmer Kulturloge schließlich für den Tag des offenen Denkmals anbieten, damit Rollstuhlfahrer mit Voranmeldung auf den Münsterturm gelangen konnten. Gratis. Eine Minute dauert die Fahrt im Aufzug, der Platz genug für jeweils zwei Rollstühle und für die Begleiter der Rollstuhlfahrer bot, dazu für Mitarbeiter der Bauhütte, die den Aufzug bedienten und halfen, damit die Rollstühle problemlos aus dem Aufzug auf den Turm rollen konnten.

Die Höhe von etwa 350 Stufen überwindet der Aufzug bis zur Station 8, die für die Rollstühle vorbereitet war. 16 Mal an einem Sonntagnachmittag – das bedeutete eine Menge Engagement für die Steinmetze um Michael Hilbert. Der Bedarf an solchen Fahrten wäre viel höher gewesen, die Begeisterung des ergriffenen Münsterbaumeisters aber lässt ihn sicher sein: „Wir machen das im kommenden Jahr wieder!“ Denn Menschen, die von der Aktion gehört hatten, brachten Angehörige im Rollstuhl vorbei, die Hilbert vertrösten musste. Jeder Platz war vorgemerkt, und Rollstuhlfahrer und Begleiter warteten oft schon lange vor der reservierten Zeit vor dem Bauaufzug, um den reservierten Moment ja nicht zu verpassen.

Christian von Coelln sitzt und schaut und kann sich nicht sattsehen. Mit der Kamera versucht der Mann, dessen Beine gelähmt sind, festzuhalten, was er zum ersten Mal im Leben sieht: den Blick über das Dach des Gotteshauses und den Ulmer Spatz hin zu den Chortürmen im Osten, über die Dächer der Stadt in die Ferne. Der Himmel ist blau, es ist warm, und ein leichter Wind streicht hier in 71 Metern Höhe um den Hauptturm des Ulmer Münsters. Christian von Coelln strahlt, seine Stimme jubelt: „Die erste Möglichkeit für mich und die beste Möglichkeit. Und ich bin dabei!“

Sitzen, ganz still sein und einfach schauen – Traugott Gerstlauer kennt den Turm des Ulmer Münsters gut und genießt den Blick auf die Stadt auf andere Weise. Bei ihm kommen viele Erinnerungen hoch und die tiefe Zufriedenheit, wieder geschafft zu haben, was einst selbstverständlich war. Denn einst arbeitete Traugott Gerstlauer in einem Geschäft am Münsterplatz, und selbst Jahre nach der Diagnose „Multiple Sklerose“ stieg der sportliche junge Mann noch einmal auf den Münsterturm.

„Das war vor ungefähr 20 Jahren“, erinnert er sich. Eines Tages ging das nicht mehr, und seit acht Jahren sitzt der Langenauer im Rollstuhl. Wieder auf dem Turm sagt er: „Das ist genial, wunderschön, ganz toll! Ich bin total glücklich. Bitte, macht das wieder!“ Traugott Gerstlauer vergleicht, was er sieht, mit seinen Erinnerungen an damals. Damals, als auf dem Münsterplatz noch Autos parkten, damals, als das Café Mohrenköpfle noch in einer der Buden am Südlichen Münsterplatz untergebracht war. Wie anders die Stadt heute von oben aussieht als in seinen Erinnerungen!

Die Fragen zu den laufenden Arbeiten, die Gerstlauer wie viele andere Besucher des Tages des offenen Denkmals stellt, beantwortet Roman Koch, einer der Mitarbeiter der Münsterbauhütte. Der Sandstein des ästhetischen Maßwerkes ist in Reichweite, vom Rollstuhl aus ganz nah und unmittelbar zu sehen sind auch die Spuren, die Wind und Wetter hier oben über das ganze Jahr hinterlassen. Münsterbaumeister Michael Hilbert bittet darum, den Sandstein nicht zu berühren, und erklärt, dass auch die Mitarbeiter der Bauhütte das so wenig wie irgend möglich tun.

Für das Experiment, Rollstuhlfahrern den Besuch auf dem Münsterturm zu ermöglichen, hatten die Mitarbeiter der Münsterbauhütte ihren Arbeitsplatz auf Station 8 des Aufzugs perfekt für die Rollstühle vorbereitet. Metallplatten erleichterten die Ausfahrt aus dem Bauaufzug, seitliche Planken und Netze sicherten ab, dass kein Rad eines Rollstuhles an den Rand des befahrbaren Weges geraten konnte. Von der Westseite des Münsters, wo derzeit der Aufzug steht, war ein befahrbarer Weg über die Südseite, wo der Blick über Neu-Ulm Richtung Berge geht, bis hin zur Ostseite vorbereitet; etwa 20 Minuten lang konnte jeder der Rollstuhlfahrer  das Erlebnis genießen. Manch einer wäre sicher gern länger geblieben, doch stand fest: Der Zeitplan musste angesichts von 16 Fahrten eingehalten werden.

Dass ihn die Freude der Menschen, für die eine Turmbesteigung am Münster sonst unmöglich ist, derart berühren würde, hatte Münsterbaumeister Michael Hilbert selbst nicht in diesem Maß erwartet. „Es geht nur am Tag des offenen Denkmals und nur mit Anmeldung, anders ist es nicht zu organisieren. Aber es ist ergreifend, so viel Freude zu erleben. Das ist Inklusion pur.“ Genauso sieht es auch Dekan Ernst-Wilhelm Gohl, für den Inklusion eine Herzensangelegenheit der Kirche sein muss. „Wir wollen gute Gastgeber sein und darum allen Menschen Teilhabe ermöglichen.“ Es gebe auch viele gehbehinderte Senioren, die gern noch einmal auf den Münsterturm kämen, bestätigt Pfarrer Stefan Krauter. Welche Möglichkeiten an weiteren Tagen des offenen Denkmals für Menschen organisiert werden können, die sonst nur auf dem Münsterplatz warten konnten, wenn Angehörige auf den Turm stiegen, wird diskutiert werden. „Ich bin heute oft gefragt worden: Wann gibt es das wieder? Dürfen wir auch mit?“, resümiert Stefan Krauter. 

Der Bauaufzug fährt wieder nach unten. Die Emotionen sind spürbar, bei jedem, dessen Rollstuhl von einem Begleiter aus dem Bauaufzug geschoben wird. Martin Maier, der schon „oben“ war, ist geblieben. Er sitzt zwischen den anderen Rollstuhlfahrern und beobachtet zufrieden, wie viel Freude aus seiner Anregung wurde. „Danke!“, hören die Mitarbeiter der Münsterbauhütte immer wieder. Und schlucken doch, wenn sie von gesunden Besuchern angefragt werden, ob man nicht einfach mitfahren könne, um sich die Stufen auf den Turm zu erparen.