Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Stimmen der Frauen hören

Die Reformation war nicht nur Männersache. Auch Frauen haben ihren Teil dazu beigetragen, dass die Welt sich verändert hat. Das Jubiläumsjahr ist Anlass genug, sich den weiblichen Anteil der Reformationsgeschichte anzuschauen und nach Vorbildern für heute zu fragen. 



Beeindruckt von der Geschichte der Frauen der Reformation: die Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann. (Foto: epd-Bild)

Denn eine Kirche im Aufbruch kann es nur geben, wenn nicht einer vorgeht, sondern alle mitgehen. Mitgegangen sind die Frauen der Reformationszeit. Und nicht nur das, auch mitgeredet haben sie! Doch ihre Stimmen haben es oft schwer, im Konzert der dominanten Männergestalten der Reformationszeit gehört zu werden. Zu laut ist oftmals das Getöse um diese Männer.

Im Blick auf die 500 Jahre Reformation sollte man sich also in Erinnerung rufen, dass es diese Kirche im Aufbruch nur geben konnte, weil viele mit ihrem Glauben, mit ihrem Verstand und mit ihren Überzeugungen diesen Aufbruch begleitet und mitgestaltet haben. Maßgeblich eben auch Frauen. Während die männlichen Protagonisten der Reformation wie Luther, Calvin, Zwingli oder Melanchthon hinlänglich bekannt sind und regelmäßig im Licht der Öffentlichkeit stehen, ist von den Frauen der Reformationszeit meist wenig bekannt. Sich zu erinnern, dass besonders Frauen wichtige reformatorische Impulse gegeben haben, ist ein hartes Stück Arbeit gegen das Vergessen.

Und doch wird vieles sichtbar im Laufe dieser Erinnerungsarbeit: die lauten, oft auch leisen Stimmen von Frauen, die großen Spuren und kleinen Entdeckungen von Frauen, die mal mächtigen, mal ohnmächtigen Frauengestalten, die ihre Kirche im Aufbruch mitgestaltet haben.

Ich möchte von einigen dieser Frauen erzählen. Ihre Lebensgeschichten sind bewegend, sind mir manchmal fremd und manchmal ganz nah. Im Erzählen möchte ich mir ihre Erfahrungen, ihr Schicksal und das, was ihnen wichtig war, in Erinnerung rufen. Ich habe den Verdacht, dass diese Frauen an vielen Stellen meiner Biografie stärker zu mir sprechen, als ich es mir gerade vorstellen kann. Diese Frauen aus dem 16. Jahrhundert – die weder Kinder der Aufklärung sind wie ich, noch die Freiheit haben schmecken können, die ich ganz selbstverständlich voraussetze: Sie haben etwas zu sagen!

Doch zuerst: Was trieb die Frauen der Reformationszeit an, sich öffentlich zu Wort zu melden, sich aktiv an den Geschehnissen ihrer Zeit zu beteiligen? Sie alle teilten und bezeugten die gleiche „Grammatik reformatorischer Grundüberzeugung“. Es sind die vier reformatorischen „Soli“ (sola gratia; sola scriptura; sola fide; solus Christus), die diese Frauen wie einen inneren Kompass auf die Welt hin ausgerichtet haben.

Auf der Grundlage dieser Grammatik mischten sie sich in die Welt ein. Sie haben diese reformatorische Grammatik bezeugt, sie meldeten sich zu Wort, erhoben Einspruch und hatten keine Angst vor der Welt. Denn diese Grammatik reformatorischer Grundüberzeugung stand fest in ihren Herzen geschrieben und machte sie frei, sich einzumischen. Wohlgemerkt in einer Zeit, in der der Geist der Emanzipation, der rechtlichen Gleichstellung und Partizipation von Frauen noch nicht einmal am zeitgeschichtlichen Horizont als schwaches Lüftchen wehte!  

Eine dieser mutigen Frauen ist Argula von Grumbach (1492?–?1554). In kurzer Zeit wurde diese fränkische Freifrau zum weiblichen Star der Reformation. Ihre Flugschriften – die getwitterten Nachrichten der Reformationszeit – wurden weit über die Grenzen von Franken hinaus bekannt und entwickelten sich zu Bestsellern: Argulas Flugschriften erreichten Auflagenstärken wie die Schriften der großen Reformatoren. Dazu lässt sich ein Anlass im Leben dieser adligen gebildeten Freifrau, die immer deutlicher die frohe Botschaft vom befreienden Wort Gottes entdeckte, klar beschreiben und datieren: Es ist der Tag, an dem sie beginnt, sich mit der Politik des Evangeliums öffentlich einzumischen, der 7. September 1523. An diesem Spätsommertag greift sie entschlossen zu Papier und Tinte – und etwas Ungeheuerliches geschieht: Als Frau, die wahrscheinlich noch nie eine Universität betreten hat, die weder Latein noch Griechisch konnte, fordert sie die hohen Professoren von Ingolstadt in einem geharnischten Brief zur öffentlichen Debatte mit ihr heraus. „Ich habe euch kein Weibergeschwätz geschrieben, sondern das Wort Gottes als ein Glied der Kirche“, schließt die 31-jährige Argula von Grumbach ihr Sendschreiben, in dem sie einen Magister, Arsacius Seehofer, gegen ein ketzergerichtliches Verfahren durch die Universität verteidigt.

Das war ein Paukenschlag in dem beginnenden reformatorischen Aufbruch und eine Kränkung für die Gelehrten. Doch Argula war sicher, das Richtige zu tun, als sie den 18-jährigen Arsacius Seehofer verteidigte. Schließlich kritisierte er nicht anders als sie selbst, dass die Kirche ihrer Zeit sich von der Botschaft der Bibel entfernt hat. Zölibat, Heiligenverehrung, Papsttum und klerikale Prasserei: Darüber steht nichts in der Heiligen Schrift. Nur war diese Kritik im katholischen Ingolstadt der damaligen Zeit strengstens verboten. Doch Argulas klare Worte trafen den Nerv ihrer Mitmenschen. Zunächst ohne ihr Zutun wurde der Brief als Flugschrift gedruckt, 13 Auflagen erschienen in kurzer Zeit. Zusammen mit weiteren Flugschriften werden binnen zwei Monaten 30?000 Exemplare gedruckt, Auflagen, die sich mit denen Martin Luthers vergleichen lassen. So wurde Argula – fast über Nacht – zu einer Berühmtheit.

Die eigentliche Nagelprobe dieser Lebenshaltung ist: getrost sterben können und sich nicht fürchten vor den Mächten dieser Welt! Wie sehr die fränkische Freifrau, die der Männerwelt so mutig die Stirn bot, dieser Bewährungsprobe ausgesetzt war, lässt sich nur erahnen. Ich erfahre aus den Quellen beschämend wenig, was ihr in den folgenden Jahren widerfuhr, nur soviel, dass es nichts Gutes war. Sie hat viel verloren, hat um ihre soziale Stellung bangen und um die nackte Existenz kämpfen müssen. Getrost sterben zu können und sich nicht zu fürchten vor den Mächten dieser Welt – für Argulas Lebensweg weit mehr als nur ein paar daher gesagte Worte. Und ich frage mich, wann ich zuletzt der Kraft des solus Christus so vertraut habe?

Der Ton, den Elisabeth Cruciger (um 1500?–?1535) anschlägt, ist zwar weit weniger kämpferisch, aber nicht weniger gewaltig. Alles beginnt mit einem leisen Aufbruch aus dem Kloster: Was nimmt man mit, wenn man als Frau aufbricht in eine ungewisse Zukunft in den Wirren der frühen Reformationszeit? Wenn man die schützenden Mauern des Klosters verlässt? Wenn man das Gott geweihte Leben als Nonne hinter sich lässt, aber dennoch Gott weiterhin nahe sein will? Gewiss ein paar persönliche Habseligkeiten werden im Gepäck gewesen sein. Doch vor allem nahm Elisabeth die Musik mit. Die Welt der Töne und Lieder, die die Zeit ihres Klosterlebens prägten, begleiten sie, als sie 1523 das Kloster verlässt, ohne zu wissen, was sie draußen in der Welt erwarten wird.

Elisabeth erhielt dort, wie für adelige Mädchen nicht unüblich, eine gute Schulausbildung. Sie lernte Lesen, Rechnen und wahrscheinlich auch Latein, doch vor allem lernte sie die Welt christlicher Musik und des Gesangs kennen. Und die Musik wird zeit ihres Lebens der Schlüssel sein, wie Gott in ihrem Leben lebendig ist. Für Elisabeth ist der reformatorische Aufbruch die Wiederentdeckung des Kerns des Evangeliums: der bedingungslosen Liebe Gottes zum Menschen, die von allen Bindungen befreit, befreit zum Dienst am Nächsten und an der Gemeinschaft.

Von dieser Zusage Gottes wird Katharina Zell (1497?–?1562) bewegt. Sie war durch ihre Heirat im Jahr 1523 mit dem 20 Jahre älteren Matthäus Zell, Prediger am Straßburger Münster, Anfeindungen und übler Nachrede ausgesetzt und musste ihre Eheschließung öffentlich verteidigen. Ihr öffentliches Auftreten legitimierte sie damit, dass jede Person ihren Glauben bekennen muss und aus christlicher Verantwortung für ihre Nächsten heraus gehalten ist, Lügen entgegen zu treten und Falsches zu korrigieren. Sie legte dar, dass ihre Heirat mit einem Priester schriftgemäß sei. Außerdem diskutierte sie zentrale reformatorische Themen wie den Vorrang des Schriftprinzips vor kirchlicher Autorität, die Rolle der Werke und die Rechtfertigung aus Glauben.

Schon in dieser frühen Verteidigungsschrift wird der ihr Leben und Wirken begleitende tragende reformatorische Grundgedanke deutlich. Dem sola gratia, allein aus Gnade, wenn es konsequent gedacht ist, kann nur das sola fide, allein aus Glauben, entsprechen. Wie Luther rang Katharina Zell ein Leben lang darum, immer wieder aus der „bitteren Höll“ der vermeintlich eigenen Unzulänglichkeit in das „lieblich süße Himmelreich“ der Glaubensgewissheit zu gelangen. Von Gott geliebt zu sein, allein aus Glauben, war ihr großes Lebensthema.

Katharina Zell gewann im Laufe ihres bewegten Lebens die Gewissheit: Wer meint, den Glauben durch das Wissen ersetzen zu können, hat noch nicht begriffen, worum es geht. Natürlich hat auch der Glaube eine Erkenntnis, aber er besteht wesentlich im Vertrauen – Vertrauen, das sich auf Gottes Barmherzigkeit stützt. Und dieses sola fide ist es, das Katharina in die Öffentlichkeit treten ließ, um mit dieser Gewissheit andere zu trösten und sich für die Kranken, Verlassenen und die Glaubensflüchtlinge einzusetzen. In einem Trostbrief an die zurückgelassenen Frauen in Kenzingen schreibt sie über die Verborgenheit Gottes und seine oft nicht leicht zu erkennenden Wege.

Katharinas Leben steht für mich und für meine eigenen Fragen nach meiner Verzagtheit, mein Nichtzutrauen in mich, in meine Mitmenschen und in Gott. Ihr eigenes Ringen zeigt mir: Glauben will mit allen Fasern meiner Existenz gelebt werden. Und bewähren wird sich dieser Glaube nicht in den guten Tagen, sondern gerade in den schlechten.

Wie sehr der Glaube meine Existenz durchdringt, das weiß auch Marie Dentière (1495?–?1561), und sie hat gekämpft wie eine Löwin. Nicht gegen etwas, sondern für etwas. Für die Freiheit aller Christenmenschen, egal ob Mann oder Frau. Für Marie Dentière ist die reformatorische Rede vom Priestertum aller Getauften nicht nur eine leere Floskel, sondern Kern der reformatorischen Botschaft. Und diesen Kern ruft Marie mit der Macht des Wortes immer wieder in Erinnerung.   „Haben wir zwei Evangelien, eins für die Männer und eins für die Frauen? Weder wollen uns Verleumder und Feinde der Wahrheit zu großer Kühnheit und Vermessenheit bezichtigen, noch wird ein treuer Anhänger sagen, dass die Frauen äußerst unverfroren seien, wenn die eine der anderen etwas über die Heilige Schrift mitteilt.“ Für Marie gibt es eine frohe Botschaft, die allen gilt. Diese frohe Botschaft knüpft an keine Voraussetzung an: egal ob Mann oder Frau, ob adelig oder nicht, ob alt oder jung – Gottes Wort gilt allen, die bereit sind, ihre Herzen für das Evangelium zu öffnen.

Ein Priestertum aller Getauften wird nur dann kein leeres reformatorisches Geschwätz sein, wenn es allen gilt – Männern wie Frauen. Denn alle Menschen sind aufgefordert, vom Wort Gottes Zeugnis zu geben – davon ist Marie überzeugt. Und ich? Habe ich auch die Weitsicht von Marie Dentière? Vertraue ich, dass das Zeugnis der anderen wahr ist, dass es genauso wertvoll und wichtig ist wie mein Zeugnis? Dass Vertrauen das Fundament eines gelingenden Priestertums aller Getauften ist, das darf ich von Marie lernen. Ich nehme meine Biografie überall mit auf meinem Lebensweg. Ich kann nicht von mir sprechen, ohne Bezug auf meine Biografie, aber ich kann meine Biografie bereichert sein lassen von den Biografien dieser Frauen der Reformationszeit.


Unsere Titel zu Frauen der Reformation: