Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Stimmung verändert alle

Wenn fast 100.000 Menschen einen Kirchentag bevölkern, dann geht das nicht spurlos an der gast­gebenden Stadt vorüber. Hat das 35. Protestantentreffen die Landeshauptstadt in den fünf Tagen verändert? Mit Sicherheit. Aber das Treffen hat auch manche Menschen verändert. 

Abkühlung tut bei der Hitze gut! (Foto: Gemeindeblatt)

Lydija Ulrich hat einen Traum. Die ältere Dame aus Kiew möchte so gerne ihre Jugendfreundin Gertrud wiederfinden, mit der sie einen Teil ihrer Kindheit in einem deutschen Arbeitslager an der niederländischen Grenze verbracht hat. Sie kennt nicht einmal den Nachnamen der Freundin, ist aber so voller Zuversicht und Gottvertrauen, dass sie sogar ihre Wohnung verkauft hat, um ein Visum für Deutschland bezahlen zu können. Nun ist sie hier und singt mit Inbrunst „Großer Gott wir loben dich“. Mit ihr singen Brigitte Konzelmann und deren Bekannte aus dem Remstal. Die drei Frauen halten sich an den Händen, dabei haben sie Lydija Ulrich gerade erst getroffen.

Was sich anhört wie eine fiktive Filmszene, ist tatsächlich geschehen. Die Begegnung sagt viel darüber aus, was dieser Kirchentag mit den Menschen macht. Wie er sie verändert. Wo sie sonst, mit Einkaufstüten schwer beladen, die Königstraße auf und ab hetzen, nehmen sie sich Zeit zum Zuhören. Misstrauen Fremden gegenüber scheint wie weggefegt, stattdessen begegnen sie diesen mit einer großen Offenheit und ehrlichem Interesse.

„Jeder spricht mit jedem, und alle helfen sich gegenseitig“, schwärmt auch Marliese Walz von den Evangelischen Frauen in Württemberg. Brigitte Konzelmann sorgt sich und überlegt, wie sie Lydija Ulrich helfen könnte. „Es ist mein Lebenstraum“, sagt diese, und ihr freundliches Gesicht strahlt, als sei dieser Traum schon greifbar nahe.

Der Kirchentag hat aber nicht nur die Menschen, sondern auch Stuttgart verändert. Diese immer so geschäftige, verkehrsreiche Stadt lädt plötzlich zum entspannten Schlendern ein. Zum Beispiel am ersten Abend bei einem der Eröffnungsgottesdienste auf dem Rotebühlplatz. Was für ein seltsames und eigenartig gutes Erlebnis das war, als Fußgänger über die große Kreuzung und die mehrspurige Theodor-Heuss-Straße zu spazieren. „Die Theo“ ist Stuttgarts Partymeile, auf der junge Männer auch gerne ihre PS-starken Schlitten mit brüllenden Motoren vorführen. Nun saßen dort die Menschen auf der Straße, lauschten, sangen und beteten.

Fünf Gehminuten entfernt befindet sich der Schlossplatz. Hier schlägt das Herz der Stadt. Schon Karl Baedeker bezeichnete ihn als einen der schönsten Plätze Europas. Das ist er mit seinem einzigartigen Architekturensemble aus fast allen Stilepochen bis heute. Er ist aber auch ein Platz des Volkes. Im Sommer nutzen die Menschen die Grünflächen als Liegewiese mit Blick über die waldigen Hänge hinauf zum Fernsehturm oder nehmen in den beiden Brunnen ein erfrischendes Bad. Ganz besonders stimmungsvoll erstrahlte der Platz beim „Klang des Südens“ mit dem Lichtermeer aus hunderttausend Kerzen, als alle Glocken gleichzeitig läuteten und die Schlossfassade in ein warmes Licht getaucht war.

„Die Stimmung ist einfach großartig“, war die einhellige Meinung der Menschen. Das fanden auch die Polizisten, die hier in voller Montur ihren schweißtreibenden Dienst taten. „Einen schöneren Arbeitstag kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagt einer. „Die Menschen sind so friedlich, freundlich und verständnisvoll. Wir haben zwar immer ein waches Auge, sehen uns aber eher als Auskunftspersonen und helfen, wo wir können.“

Diese fröhliche Gelassenheit konnte man überall erleben. Beim Anstehen in der prallen Sonne vor einer Veranstaltung. Wenn die Klettpassage wegen Überfüllung gesperrt werden musste oder die S-Bahn eine Dreiviertelstunde auf sich warten ließ. Statt zu murren oder zu pöbeln, fingen die Menschen an zu singen – gerne auch zu Andreas Bourani aus der Beatbox – plauderten mit dem Nachbarn und applaudierten, als die S-Bahn dann doch eintraf. Schon die ersten Bilder aus Stuttgart mussten so überzeugend gewesen sein, dass sich die Österreicherin Karin Schindler nach den Tagesthemen am Mittwochabend spontan entschloss, zum Kirchentag zu fahren.

Blauer Himmel und Sonnenschein führten dazu, dass die Kirchentagsbesucher nahezu alle Schattenseiten von Stuttgart kennen und lieben lernten: das Laubdach der Bäume, der schmale Schattenwurf von Gebäuden, eine Unterführung. Und der Kirchentagsschal diente nicht nur als Halstuch, Gürtel, stylisches Stirn- oder Zopfband und Fähnchen am Rucksack, sondern vor allem als schützende Kopfbedeckung. Eine coole Entdeckung machte eine Frau aus Norddeutschland, die den ganzen Tag an ihrem Kirchenstand im Neckarpark verbracht hatte: Sie gönnte sich am Abend eine wohltuende Abkühlung im Mineralbad Berg, das sogar eine eigene U-Bahn-Haltestelle besitzt.

Dadurch, dass der Kirchentag so weitläufig angelegt war, hatten die Besucher Gelegenheit, viele Eindrücke aus der Stadt mit nach Hause zu nehmen. Karin Kipp aus Gütersloh schwebte beim liturgischen Spaziergang mit einem „Ah, ist das schön!“ durch den Killesbergpark und das Tal der Rosen. Eine Gruppe Mädchen aus Brandenburg, die auf dem Karlsplatz Taschen aus T-Shirts nähten, schwärmten davon, wie „voll cool“ Stuttgart sei, „so viel schöne Plätze und so sauber“.

Aber auch die Stuttgarter entdecken ganz neue Seiten ihrer Stadt. „Wir sind durch Viertel gelaufen, da waren wir noch nie“, erzählen Karin und Katja. Und dass die „Pfütze namens Eckensee“ beim Opernhaus im Lichterglanz des ersten Abends plötzlich wie ein richtiger See aussah. Auch das Hospitalhof-Viertel, unglücklich abgehängt vom eigentlichen Stadtzentrum und immer ein wenig leblos, war kaum wiederzuerkennen. Mit dem Bibliorama, dem neu eröffneten Bibelmuseum, und dem viel frequentierten Museumscafé wurde es zu einem quirligen Treffpunkt.