Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Tonspur der Erinnerung - Interview mit der Autorin Iris Wolff

Für ihren Roman „Die Unschärfe der Welt“ hat Iris Wolff den Evangelischen Buchpreis bekommen. Im Gespräch mit Dorothee Schöpfer erklärt sie, welche Rolle ihr Aufwachsen in einem Pfarrhaushalt in Siebenbürgen in dem Buch spielt.

Iris Wolff ist in Siebenbürgen als Pfarrerstochter aufgewachsen. Foto: Pressebild/ Annette Hauschild/ OstkreuzIris Wolff ist in Siebenbürgen als Pfarrerstochter aufgewachsen. Foto: Pressebild/ Annette Hauschild/ Ostkreuz

Frau Wolff, herzlichen Glückwunsch zum Evangelischen Buchpreis! Wie wichtig ist Ihnen diese Auszeichnung?

Iris Wolff: Es gehört zu den schönsten Seiten des Berufs, wenn das Telefon klingelt und man erfährt eine solch freudige Überraschung. Ein Preis stellt einen in die Tradition derer, die den Preis schon vorher bekommen haben; meist ist das eine gute Gesellschaft. Und er erschließt einem neue Leserinnen und Leser. Nicht zu unterschätzen ist das Preisgeld: Als freie Schriftstellerin lebt man vom Buchverkauf, den Lesungshonoraren – die gerade fast komplett wegfallen – und von Stipendien und Preisen.

„Lass mir dieses Kind“ lautet der erste Satz Ihres Buchs. Eine direkte Ansprache an Gott?

Iris Wolff: Ja. Die Hauptfigur Florentine weiß, dass es bei all ihrem Wünschen und Hoffen letztlich Gnade bleibt, ob sie ihr Kind behalten darf. Es gibt einen großen Mitspieler, der mitgedacht werden muss.

Zurückgekehrt in eine verlorene Welt

„Die Unschärfe der Welt“ spielt in Siebenbürgen, dort haben Sie Ihre Kindheit verbracht, bevor Sie mit acht Jahren nach Deutschland gezogen sind. Wieviel Erinnerung steckt in dem Buch?


Iris Wolff: Mit Florentine und Hannes, ihrem Ehemann, bin ich wieder in eine verlorene Welt zurückgekehrt: den Pfarrhof, in dem ich aufgewachsen bin. Das Licht im Buch, die Natur, die Selbstverständlichkeit der Gemeinschaft, das entbehrungsreiche Leben im Kommunismus in Rumänien, dies alles ist eine Tonspur meiner Erinnerungen.

Der Roman erzählt eine Familiengeschichte über mehrere Generationen. Seine Machart gleicht einem lockeren, durchlässigen Gewebe, das manches in der Schwebe lässt.

Iris Wolff: Das ist ein schönes Bild, weil im Buch ja tatsächlich sieben verschiedene Perspektiven verwoben sind. Auch wenn jemand stirbt, ist der Faden zwar abgeschnitten, aber er hängt nicht lose herab, sondern wird wieder aufgenommen von den Menschen, die sich an die Verstorbenen erinnern. Das ist mein Bild vom Leben in einer Gemeinschaft, das sich auch in der Form spiegelt, die ich für den Roman gewählt habe.

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Die einzelnen Momentaufnahmen und Szenen hallen lange nach – ohne dass jedes Detail auserzählt wird.

Iris Wolff: Es ist mir wichtig, nicht alles auszuformulieren und zu deuten. Das ist doch im echten Leben genauso. Wir wissen wenig von den anderen Menschen und warum Dinge passieren oder auch nicht.

Landschaft in Siebenbürgen. Foto: Lucian Pavel, pixabayLandschaft in Siebenbürgen. Foto: Lucian Pavel, pixabay

Florentine ist eine Außenseiterin und will das auch sein. Allerdings: Die soziale Kontrolle, die ihr als Frau des Pfarrers und als ziemlich unkonventionelle Mutter durch das Dorf begegnet, geht ihr ziemlich auf die Nerven.

Iris Wolff: Diese Tradition, als Pfarrfrau über den Beruf des Mannes definiert zu werden, war in Siebenbürgen sehr ausgeprägt. Meine Mutter wurde als Pfarrfrau von den Älteren im Dorf als „Frau Mutter“ angesprochen. Sie war eine Respektsperson in dieser dörflichen Gemeinschaft. Die Florentine im Buch ist eine junge Städterin, die diese Erwartungen erst nicht erfüllt, dann aber in ihre Rolle hineinwächst. Auch Hannes, der Pfarrer, untergräbt die Erwartungen der Gemeinschaft an Frömmigkeit. Er ist ein Suchender, der im Glauben Zweifel hat.

Der zweifelnde Pfarrer, der für die Beerdigung eines Jugendlichen schier keine Worte, dafür aber den Vater findet, der von der Trauerfeier für seinen Sohn verschwunden ist. Er trauert auf seine Weise und umarmt im Stall eine Kuh. Ein Bild wie aus einem Film.

Iris Wolff: Es war für mich beim Schreiben ein beglückender Moment, als dieses Bild entstanden ist. Das war nicht geplant. Ich stecke beim Schreiben oft selbst wie in einem Film und sehe die Szenen bildlich vor mir.

Florentine und Hannes haben beide eine Skepsis gegenüber Worten. Sie sind eine Sprachkünstlerin, können mit Worten berühren, ihr poetischer Ton ist hochgelobt. Teilen Sie als Autorin die Skepsis Ihrer Figuren?

Literatur berührt nicht nur den Verstand

Iris Wolff: Wir reduzieren unsere Gedankenwelt durch täglichen Äußerungen und verfehlen dabei oft haarscharf das Eigentliche. Florentine hat dafür ein Bewusstsein. In dem Verweigern der Worte steckt eine Suche nach Wahrhaftigkeit.

Sie setzen einen wissenden Leser voraus, der die Geschichte Rumäniens und der deutschen Minderheit der Siebenbürger Sachsen kennt. Erklärpassagen gibt es in der „Unschärfe der Welt“ keine, dafür aber rumänische Wörter, die nicht übersetzt sind.

Iris Wolff: In meinem ersten Roman „Halber Stein“ habe ich die Leserinnen und Leser ausgiebig über die 800-jährige Geschichte und Kultur der deutschen Minderheit in Siebenbürgen in Kenntnis gesetzt. Davon habe ich mich nach und nach befreit, ich will Romane und keine Geschichtsbücher schreiben. Ich muss den Leserinnen und Lesern eine gewissse Fremdheit zumuten, die dieser Landstrich notgedrungen hat – aber Literatur berührt ja nicht nur den Verstand.

evangelischerbuchpreis.de

Buch-Tipp

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt. Klett-Cotta 2020, 213 Seiten, 20 Euro.

Vier Generationen, die die Umbrüche in Rumänien bis zur Gegenwart in Deutschland erleben. Ein poetisch formulierter Roman über Freundschaft und Familienbande.

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de