Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Türen öffnen - Kirchenpädagogik - Kirchenführer

Lässt eine Gemeinde auch außerhalb der Gottesdienste Besucher in die Kirche hinein, so eröffnen sich Chancen. Woran sollten Kirchenhüter denken, damit die Kirche ein Ort der Ruhe, Spiritualität und Begegnung bleibt?

 

Besucher der Franziskanerkirche Esslingen

Wer sich umschaut, kann vieles entdecken: Besucher in der Franziskanerkirche in Esslingen.
Foto: Michael Schock

Druck und Stress begleiten die Menschen. Das Bedürfnis nach Momenten der Ruhe und des Innehaltens wächst. Kirchen können diese Ruhe und Besinnung bieten, auch glaubensfernen Menschen oder Angehörigen anderer Konfessionen. Außerhalb der Gottesdienste und Konzerte sind evangelische Kirchen jedoch häufig geschlossen – es sei denn, in den Gemeinden finden sich Kirchenhüter. Sie öffnen die Kirche und hüten sie, damit Besucher eintreten, sich umschauen und besinnen können.

Vera Ostermayer hat viel Erfahrung damit. Die Pfarrerin war in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern für die geöffneten Kirchen zuständig. Zudem hat sie neun Jahre lang als Touristenseelsorgerin in Nürnberg gearbeitet, auch in St. Lorenz, wo das Gebaren der Touristen bisweilen den Geist des Ortes störte. „Das kippte manchmal um“, sagt sie, „das war eher wie in einer Bahnhofshalle.“

Bei einem Studientag in Heilbronn, an dem Kirchenhüterinnen und Kirchenhüter teilnahmen, fragte Vera Ostermayer: „Unsere Kirche öffnen – Gibt das wirklich Sinn?“ Eine rhetorische Frage: Es ist sinnvoll – wenn man es richtig macht und „mit Verstand öffnet“, wie Ostermayer sagt.

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Den Studientag organisiert hatte der Theologe Michael Schock. Der Landesreferent für Kirchenpädagogik arbeitet für die Missionarischen Dienste der Landeskirche und war in Heilbronn dabei.

Katholische Kirchen sind meist geöffnet, evangelische häufig nur während der Gottesdienste oder bei Konzerten. Das hat auch theologische Gründe. Für Evangelische ist die Kirche als Ort der Spiritualität weniger wichtig als für Katholiken. Dort ist die Kirche ein sakraler Raum, während sie für Luther ein reiner Versammlungsort war. Heute empfinden auch viele Evangelische ihre Kirchen als spirituelle Orte. Das Interesse an geöffneten Kirchen wächst – ein Interesse, das auch in Druck ausarten kann. Vor allem seitens des Tourismus. Immer mehr Menschen machen im Lande Urlaub, immer mehr interessieren sich für Geschichte. Wer einen Ort besucht, möchte oft auch einen Blick in die Kirche werfen. Schließlich ist sie häufig das bedeutendste Bauwerk am Platz. Wobei sich das touristische Interesse vielleicht gar nicht immer sauber vom Wunsch nach Innehalten abgrenzen lässt.

Kirchenhüter - Fingerspitzengefühl im Umgang mit Menschen

Auch die Gemeinden können ein Interesse daran haben, ihre Kirche zu öffnen. Kirchen wurden gebaut, damit Menschen sich in ihnen versammeln, sie sind Orte des Glaubens, der Gemeinschaft und Zeugnisse des Lebens vergangener Generationen. In ihnen lässt sich viel erleben und erfahren. In einer geöffneten Kirche können die Menschen sich umschauen, umhergehen, sich hinsetzen, für sich und bei sich sein, beten. Alles geborgen in einem spirituellen Raum. Darum benötigen Kirchenhüter viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit Menschen. Sie sollten signalisieren, dass sie gern helfen, aber nicht aufdringlich sein. Sie sollten die Besucher nicht am Eingang abfangen, aber auch nicht ganz vorne sitzen, denn mit der Nähe zum Altar wächst die Intimität. Ein kleines Schild mit der Aufschrift „Kirchenhüterin“ kann helfen. Wenn Vera Ostermayer ihre Kirche hütet, hat sie so ein Schild und liest ein Buch. Wird sie angesprochen, legt sie ihre Lektüre beiseite und wendet sich dem Besucher zu.

Kirchenhüter erleben ihr Amt als sinnvoll

Die Kirchenhüterinnen und -hüter erleben ihr Ehrenamt als sinnvoll. Detlef Schäfer erzählt, dass er zur Ruhe komme, wenn er die Stadtkirche in Bad Wimpfen öffne, und beschreibt dies so: „Dann gehe ich auf meine Seeleninsel.“

Die Bedürfnisse der Besucher können jedoch mit denen des Kirchenhüters kollidieren. Der Kirchenhüter sollte sich zurücknehmen. „Sie haben die Kirche geöffnet – sie haben schon viel getan!“ sagt Ostermayer. Ein Kirchenhüter ist eben kein Kirchenführer, von dem die Besucher Erläuterungen erwarten – wenngleich es nicht schadet, wenn auch ein Kirchenhüter die ein oder andere Frage beantworten kann. Er sollte sich jedoch nicht überfordern. Benötigt ein Besucher seelsorgerlichen Rat, mögen sie ihn an den Pfarrer oder die Pfarrerin verweisen, rät Ostermayer.

Wer Menschen hineinlässt, muss damit rechnen, dass sich nicht jeder rücksichtsvoll benimmt. „Inventarisieren sie alles, bevor sie die Kirche öffnen, räumen sie wertvolle Bibeln und Gegenstände weg“, rät Kirchenpädagoge Michael Schock. Die Gemeinden sollten also den Kirchenraum und alle Gegenstände fotografieren und dokumentieren. Wenn in der Kirche etwas zu Schaden kommt, erleichtert das die Abwicklung mit der Versicherung.

Die Kirche zu öffnen gibt auch den Gemeindemitgliedern etwas. Vera Ostermayer hat die Erfahrung gemacht, „dass sich hierzu auch Leute bewegen lassen, die sich von normaler Kirchengruppenarbeit nicht ansprechen lassen“. Eine Kirche zu öffnen sei „eine sehr schöne Möglichkeit, eine Gemeinde zu öffnen“. So kann die Gemeinschaft erweitert werden. Vielleicht erwächst aus einer geöffneten Kirche ja auch der Impuls, einen kleinen Kirchenführer zu schreiben, um den Besuchern Informationen zu geben. So wirkt die geöffnete Kirche in die Gemeinde und nach außen.

Studientag für Kirchenführer/innen

Mit der Erfahrung wächst auch das Bewusstsein dafür, was die Besucherinnen und Besucher einer Kirche benötigen, was ihnen den Zugang erleichtert. Gabi Gokenbach und Barbara Rall konnten den Kirchenhüterinnen und -hütern beim Studientag in Heilbronn viele Anregungen geben. Gabi Gokenbach ist Mesnerin der Pfarrkirche in Aalen-Fachsenfeld und schließt die Kirche immer dann auf, wenn sie in der Nähe ist.

Barbara Rall gehört zur Gemeinde der Kilianskirche in Heilbronn, die häufig geöffnet ist. Die Gemeinde präsentiert sich mit einer geöffneten Kirche, sie sollte also darüber nachdenken, wie sie das macht. Weg mit alten Faltblättern, die in den Regalen beim Eingang verstauben! Gabi Gokenbach und Barbara Rall empfehlen unaufdringliche Angebote, zum Beispiel kleine Zettel mit Segenssprüchen, die sich die Besucher mitnehmen können. Oder kleine Papiere, auf denen sie ihre Bitten notieren und in der Kirche hinterlegen können. Laminierte Blätter mit Liedern. Auch ein Gästebuch für Anliegen und Wünsche wäre eine Möglichkeit. Ein Kirchenführer für muslimische Besucher.

Denn es geht doch darum, Glaubensinhalte und Traditionen zu vermitteln, Spiritualität zu ermöglichen und den Menschen im konkreten wie im übertragenen Sinn die Tür zu öffnen und sie willkommen zu heißen. Vielleicht findet der eine oder die andere dann auch während der Gottesdienste den Weg in die Kirche.

◼Wenn Sie sich als Kirchenhüterin oder -hüter engagieren wollen, können Sie sich im Internet informieren: www.kirche-raum-paedagogik.de

 

 

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