Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die unmögliche Möglichkeit

Jedes Jahr aufs Neue verlieren die Kirchen in Deutschland Mitglieder. 2021 traten rund 280 000 Menschen aus der Evangelischen Kirche aus. Mit dem Verwaltungsakt des Kirchenaustritts enden die rechtlichen Pflichten der Kirchenmitgliedschaft. Theologisch gesehen aber ist der Glaubensweg für Ausgetretene nicht zu Ende. Denn Gott löst sein Taufversprechen nicht.


Beginn und Ende einer Kirchenmitgliedschaft: das frohe Ritual der Taufe und das unzeremonielle Warten auf dem Amt. Foto: adobe stock/ Andreas Koch; picture alliance/ dpa/Sven Hoppe

Das Verfahren

Ein Kirchenmitglied, das seiner Kirche den Rücken kehren möchte, muss dies in Baden-Württemberg beim Standesamt des Wohnorts erklären. Das Standesamt informiert dann nachträglich die Kirche über diesen Vorgang. Dieses Verfahren ist Ausdruck der negativen Religionsfreiheit. Negative Religionsfreiheit bedeutet, dass kein Mensch gezwungen werden darf, religiöse Handlungen ausüben zu müssen, einer Religionsgemeinschaft anzugehören oder gegen den eigenen Willen in seiner Religionsgemeinschaft bleiben zu müssen. Das Grundrecht der Religionsfreiheit wurde in Folge der Revolutionen von 1848/1849 erkämpft. Kirchenaustritte gibt es erst seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Weltliche Folgen

Mit dem Kirchenaustritt endet die Pflicht, Kirchensteuern zu zahlen. In Baden-Württemberg sind dies acht Prozent der Lohn- beziehungs-

weise Einkommenssteuer. Wer der Kirche den Rücken kehrt, dem bleibt, sofern er arbeitet, im Geldbeutel mehr Netto vom Brutto. Das Verlassen der Kirche kann auch arbeitsrechtliche Konsequenzen haben. Bei kirchlichen Arbeitgebern ist das Dienstverhältnis an eine kirchliche Mitgliedschaft gebunden. Ein Kirchenaustritt kann also zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses führen.

Innerkirchliche Folgen

Wer aus der Kirche ausgetreten ist, hat sich selbst von der Kirchengemeinschaft getrennt. Damit ist die Feier des Heiligen Abendmahls im Grunde nicht mehr möglich. Der Ausgetretene kann auch keine Patenschaft für einen Täufling übernehmen. Ob eine kirchliche Trauung oder gar eine Bestattung möglich ist, muss in einem seelsorgerlichen Gespräch geklärt werden. Dass das Kirchenrecht der Landeskirche hier keine harten Sanktionen und rigiden Verbote kennt, hat gute theologische Gründe.

Die Taufe bleibt gültig

Wer zur Kirche gehört, bestimmen in Deutschland allein die Religionsgemeinschaften. Dieses Recht ist eine sogenannte „eigene Angelegenheit“ der Kirchen, die den religiös neutralen Staat nichts angeht. Im Grunde ist es ganz einfach: zur Kirche gehört, wer getauft ist. Der württembergische Reformator Johannes Brenz hat das Wesen der Taufe im 16. Jahrhundert so beschrieben: „Die Taufe ist ein Sakrament und göttlich Wortzeichen, womit Gott, der Vater, durch Jesus Christus, seinen Sohn, samt dem Heiligen Geist bezeugt, dass er dem Getauften ein gnädiger Gott wolle sein und verzeihe ihm alle Sünden aus lauter Gnade um Jesu Christi willen und nehme ihn auf an Kindes Statt und zum Erben aller himmlischen Güter.“ Brenz stellt klar, dass Gott in der Taufe selbst handelt. Gott selbst verspricht dem Täufling, dass er ihm ein „gnädiger Gott wolle sein“. Und weil Gott zu seinem Wort steht, ist dieses Versprechen unauflöslich.

Mag sein, dass Menschen wankelmütig, launisch und unstet sind; Gott ist es nicht. Gottes Wort bleibt ewiglich. Darum kann das Versprechen Gottes, das er selbst bei der Taufe gegeben hat, von Menschen nicht zurückgenommen und ungeschehen gemacht werden. Die Taufe eines Menschen bleibt – auch trotz eines Kirchenaustritts – gültig. Der Tauf- und Glaubensweg eines getauften Ausgetretenen endet nicht mit dem Kirchenaustritt.

Solidargemeinschaft

Zugleich wird der Täufling durch die Taufe in die Kirche aufgenommen. Der Apostel Paulus macht das mit dem Bild des Leibes Christi (1. Korinther 12) deutlich: „Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft.“ Und dieser Leib besteht aus vielen Gliedern, die miteinander verbunden sind. Diese Verbindung zeigt sich im Guten wie im Schweren: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ Christen stehen in der Fürbitte füreinander ein. Der Geist macht jedoch auch nicht vor dem Geldbeutel Halt, denn jeder Getaufte ist in die Solidargemeinschaft der Kirche hineingestellt. Finanziell für die Kirche zu sorgen, ist für jeden Christen eine geistliche Aufgabe.

Unscharfe Ränder

Bei Kircheneintritten habe ich die Menschen, die wieder in die Kirche eingetreten sind, stets gefragt, wie sie sich gefühlt hätten, nachdem sie aus der Kirche ausgetreten waren. Immer bekam ich zur Antwort: „evangelisch“. Offensichtlich sind die Ränder der Kirche unscharf. Der evangelische Glaube hat immer eine gewisse Distanz zur Institution der Kirche. Nach evangelischem Verständnis steht der Einzelne unmittelbar vor Gott. Die Kirche, die die Sakramente spendet und das Heil vermittelt, ist dem direkten Zugang des Einzelnen zu Gott nachgeordnet. Martin Luther beschrieb das Wesen der Kirche so: „Es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören.“ Die Kirche ist also kein Verein, der einen Zusammenschluss verschiedener Menschen darstellt. Die Kirche ist vielmehr eine Stiftung Gottes.

Drohen mit dem Austritt

Immer wieder kommt es vor, dass Menschen ihren Kirchenaustritt als Druckmittel in innerkirchlichen Diskussionen einsetzen. Davon berichtet schon Bischof Martin Haug im Jahr 1954. Bisweilen hört man in aktuellen Diskussionen den Satz: „Wenn ich nicht schon ausgetreten wäre, würde ich jetzt austreten.“ Auch in Leserbriefen im Gemeindeblatt wird immer wieder herzhaft die Keule des Kirchenaustritts geschwungen. Wer so redet, macht sich selbst zum Herrn der Kirche. Seinen eigenen Kirchenaustritt als Druckmittel einzusetzen, ist zutiefst ungeistlich.

Wie reagieren?

Dass Menschen die Kirche verlassen, ist für die anderen Kirchenmitglieder ein Schmerz. In jeder Kirchengemeinderatssitzung ist es ein heikler Moment, wenn nicht-

öffentlich die Kirchenaustritte verlesen werden. Oft sind es Menschen, mit denen die Anwesenden seit Jahren verbunden waren. Meist erhalten die Ausgetretenen einen Brief ihrer Kirchengemeinde. Obwohl mancher Pfarrer, der diesen Brief schreibt, enttäuscht und verletzt ist, sollte der Brief an die Ausgetretenen freundlich, selbstkritisch und verständnisvoll sein. Oft haben die Angeschriebenen jahrelang die Kirche tatkräftig unterstützt. Dafür gilt es Danke zu sagen. Es könnte auch sein, dass sich die Kirche falsch verhalten hat. Und sollte jemand wieder in die Kirche eintreten wollen, dann stehen die Türen seitens der Kirche weit offen.


Der Autor Peter Schaal-Ahlers ist Pfarrer in Ulm und Vorsitzender des Redaktionsbeirats des Evangelischen Gemeindeblatts.

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