Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die unsichtbare Leine der Computer

Jeder Süchtige hat etwas zu verlieren. Ein Alkoholiker setzt seine ­Gesundheit aufs Spiel, ein Spielsüchtiger Geld – und wer nicht vom Computer loskommt, setzt seine Lebenszeit aufs Spiel. Das spürt die ganze Familie eines Süchtigen. 


Der Computer kann eine Suchtgefahr sein. Das beste Gegenmittel ist: das echte Leben zu entdecken. (Foto: epd-Bild)

Die unsichtbare elektronische Leine ersetzt etwas anderes Unsichtbares, etwas Gutes, das aber Zeit und Gelegenheit braucht, um zu wachsen: ein Vertrauensverhältnis auf Distanz, wie es Tobias Schäfer nennt. Die Gewissheit, dass alles gut ist, auch wenn man einander nicht erreichen kann. „Wenn der Akku abstürzt und die Eltern sich dann riesige Sorgen machen, was passiert ist: Dann wird es prekär.“

Wie sich Medien- und Internetnutzung auf Menschen, ihre Seelen und ihre Beziehungen auswirken, gehört zu Tobias Schäfers Arbeitsalltag. Der Diakon und Sozialarbeiter leitet die Fachstelle für Medienkonsum bei der Diakonie Heilbronn. Zu ihm kommen Eltern, die merken, dass ihre Kinder nicht mehr vom Computer loskommen, und Erwachsene, denen es selbst so geht. Weil der Beratungsbedarf steigt, wurde die Fachstelle Anfang 2014 eingerichtet.

Im Kinderzimmer vor dem Bildschirm sind Kinder anfangs scheinbar gut aufgehoben: „Sie sind beschäftigt, erreichbar, zuhause und machen sich die Hose nicht dreckig“, fasst Tobias Schäfer die bequemen Aspekte zusammen. Alarmiert sind die Eltern dann, wenn sich negative Symptome zeigen: schlechte Schulnoten, mangelnde Hygiene, der Computer wird nicht zur vereinbarten Zeit ausgeschaltet – und wenn man den Stecker zieht, wird das Kind aggressiv.

Das sind klare Anzeichen für eine Abhängigkeit. Tobias Schäfer zählt die Suchtkriterien auf: „Wenn jemand sich dem gar nicht mehr entziehen kann, sich selbst und andere vernachlässigt, sich zurückzieht und die Gedanken besetzt sind von Fragen wie: Wann komme ich wieder an den Computer? Was poste ich da? Das kann so viel Raum einnehmen, dass es unzufrieden macht. „Wenn ein Mensch Unzufriedenheit oder Unglück erlebt: Dann ist es zu viel.“

Ihre Umwelt entdecken und Abenteuer mit Freunden erleben, „das können Jugendliche heute ganz gut verlagern“, sagt Tobias Schäfer. Was man früher in öffentlichen Räumen erprobte oder auslebte, findet heute häufig in sozialen Netzwerken wie Facebook statt: Äußerlich mag der junge Mensch in seinem Zimmer sitzen, innerlich ist er mit anderen in Kontakt. Allerdings nur virtuell. Und der Druck, die Erreichbarkeit, der Zwang, auf alles immer schnell zu reagieren: „Das“, sagt Schäfer, „tut einfach nicht gut.“ Zu den Entwicklungsaufgaben im Jugendalter gehört heute, „da ein gesundes Maß zu finden“.

Aber was ist ein gesundes Maß? Das muss jeder für sich selbst herausfinden. Gefunden hat es, wer die Technik nutzen kann, ohne Zwängen ausgesetzt zu sein, wer auch andere Lebensbereiche hat, die ihm wichtig sind. Bei den meisten jungen Leuten, sagt Schäfer, „ist ein ganz gutes Gespür dafür da, was das eigentliche Leben ist. Das ist der innere Kompass.“ Und wer sein echtes Leben als spannend, lebendig, humorvoll und freudig erlebt, ist wenig gefährdet, seine Zeit am Computer zu verplempern.

Wer hingegen von seinem echten Leben frustriert ist, lässt sich verlocken von dem scheinbaren Trost, den Computerspiele spenden. „Das dockt wunderbar an unser Selbstwertsystem an, an unser Belohnungssystem“, weiß Diakon Tobias Schäfer. Er hat es erstaunlicherweise vor allem mit einem bestimmten Typus von Computerspielsüchtigen zu tunt: Männer im Alter zwischen 30 und 45, die in die Lebensmitte und in die Lebenskrise kommen. „Manche Sachen haben sie nicht hingekriegt: Mit der Familie hat es nicht geklappt, oder der Beruf ist kein Erfolg, und jetzt erinnern sie sich an gute Erlebnisse mit dem Computer: und fallen zurück und kompensieren ihr empfundenes Versagen, indem sie alles in eine virtuelle Welt verlagern.“ Neu starten können und alles auf Anfang stellen – das ist das Schöne am Computer. Das Schöne und zugleich das Trügerische.

Denn gelingendes Leben ist etwas anderes als das Ersatzleben, das die virtuellen Welten vorgaukeln. Gelingendes Leben, definiert Diakon Tobias Schäfer, „ist Leben, das man mit Bedacht gestaltet“.

Eine neue Herausforderung für den Menschen des Medienzeitalters ist der souveräne Umgang mit dem Smartphone, dem ständigen Begleiter mit ständigem Internetzugang: Die ständige Verfügbarkeit verführt.

Zur neuen Normalität gehört der Anblick von Menschengruppen, die äußerlich beieinandersitzen, tatsächlich aber jeder für sich auf sein Smartphone starrt. Während Orthopäden im Smartphone bereits eine neuartige Ursache von Nackenbeschwerden erkennen, sehen die Nutzer selbst darin kein größeres Risiko.

„Das Problembewusstsein, dass es mit dem Smartphone zu viel wird, hatte ich bisher noch nicht“, berichtet Tobias Schäfer aus seiner Beratungspraxis. Und doch hört er aus Gesprächen mit jungen Leuten immer wieder heraus, dass sie die neuen Medien zwar nutzen, um sich zu verabreden – sich aber durchaus bewusst sind: Das persönliche Gespräch ist einzigartig und unersetzlich.

Aber wie kommt man vom Bildschirm los, wenn man bereits süchtig ist? „In der Regel haben die Betroffenen keine Einsicht, das ist das große Leid der Eltern“, ist die Erfahrung von Tobias Schäfer. „Dann heißt es, meine Freunde spielen auch, ich habe überhaupt keine Schwierigkeiten.“ Wie gut der Ausstieg glückt, hängt davon ab, ob der Süchtige sich an gute Erfahrungen aus dem echten Leben erinnert, an schöne Erlebnisse, an Kontakte zu Freunden, an Rückhalt in der Familie. Gute Chancen haben die, die „noch ein bisschen eine Empfindung dafür haben, wie das echte Leben sich anfühlt“, sagt Tobias Schäfer.


Information

Das Wort von der „Down-Head-Generation“, der „Kopf-nach-unten-Generation“, macht die Runde. Gemeint sind Jugendliche, die – egal wo sie unterwegs sind – nur auf ihr Handy starren. Zwar gibt es noch keine speziellen Kriterien zur Diagnose von Medienabhängigkeit. Sicher ist aber, dass sich Jugendliche durch ihre ungehemmte Nutzung der neuen Medien in mehrfacher Hinsicht schaden können. Das Bundesmodellprojekt ESCapade sucht Wege zur Abhilfe – und bindet die ganze Familie mit ein.

ESCapade ist ein Interventionsprogramm für Jugendliche mit problematischer Computernutzung, das sich gezielt an Familien mit Kindern im Alter von 13 bis 18 Jahren richtet. Koordiniert von der Fachstelle für Suchtprävention der Drogenhilfe Köln, wurde es an den Standorten Köln, Berlin, Freising, Schwerin und Lörrach erarbeitet. Mittlerweile wurden bundesweit Mitarbeiter von Beratungsstellen geschult.

Mehr dazu im Internet unter www.escapade-projekt.de

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