Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Vermählung der Kirchen - Evangelische Landeskirche Baden

Die Evangelische Landeskirche in Baden wird 200 Jahre alt. 1821 wurden dort die Lutheraner aus der Markgrafschaft und die Reformierten aus der Kurpfalz offiziell zusammengeschlossen. Das erforderte viel Toleranz und freies Denken, ein Erbe, auf das die Badener bis zum heutigen Tage stolz sind. Ein Blick über die Grenze, in den anderen Teil Baden-Württembergs.

Stadtkirche Karlsruhe. Foto: Pressebild epd-Bild/Norbert NeetzStadtkirche Karlsruhe. Foto: Pressebild epd-Bild/Norbert Neetz

Es gibt eine Frage, die der badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh besonders häufig gestellt bekommt: „Wann fusionieren denn die evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg?“ Für viele protestantische Badener hätte dieser Vorgang eine gewisse Logik. Denn als Baden in den heutigen Grenzen 1806 geschaffen wurde, folgte dem 15 Jahre später die Vereinigung der evangelischen Konfessionen zu einer Landeskirche.

Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh. Foto: Pressebild pdNun, ein solcher Zusammenschluss ist derzeit nicht in Sicht. Genauso wenig wie die Fußball- und Weinbauverbände Anstalten machen, ihre Eigenständigkeit aufzugeben, wird es in absehbarer Zeit eine baden-württembergische Landeskirche geben. Und so bleibt es bei jener Kirchenordnung, die badischerseits 1821 bei einer Generalsynode in Karlsruhe geschaffen wurde.

Dem waren gewaltige Umwälzungen vorausgegangen. Napoleon hatte Anfang des 19. Jahrhunderts die Landkarte neu geordnet, aus einem Flickenteppich von Kleinstterritorien zusammenhängende Flächenstaaten gemacht. Einer dieser Krisengewinner war die alte Markgrafschaft Baden: Sie wurde über Nacht zu einem Großherzogtum mit einer um das Zehnfache gewachsenen Bevölkerung und Fläche.

Badischer Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh. Foto: Pressebild pd

Von Wertheim am Main bis nach Lörrach an der Schweizer Grenze reichte Badens Ausdehnung, knapp 400 Kilometer, die auch in kirchlicher Hinsicht äußerst heterogen waren. Da gab es die reformierten Kurpfälzer, die mit dem Heidelberger Katechismus sogar ein eigenes Glaubensbekenntnis hatten, und die strengen Lutheraner, die rund um Karlsruhe und im Markgräfler Land ihre Hochburgen besaßen.

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Die Mehrheit jedoch des neuen Badens, sie war katholisch. Fast zwei Drittel der Menschen orientierten sich an Rom und dem Papst und da wurde es Zeit, dass auch die Protestanten eine einheitliche Ausrichtung bekamen. Das Königliche Preußen und die bayerische Rheinpfalz hatten es vorgemacht, dort war es 1818, kurz nach der 300-Jahr-Feier zum Thesenanschlag in Wittenberg, zu einer Vereinigung der Reformierten und Lutheraner gekommen.

Großherzog Ludwig I. Foto: Pressebild pdGroßherzog Ludwig I. Foto: Pressebild pd

Nun war Baden an der Reihe: Das aufgeklärte Bürgertum in der Kurpfalz ging voran und initiierte eine Unterschriftenaktion, die dem evangelischen Großherzog Ludwig I. vorgelegt wurde. Der war mehr als aufgeschlossen und ließ einen kleinen Kreis von Theologen beider Konfessionen einsetzen, die die Union vorantreiben sollten.

Der Knackpunkt war das Abendmahl. Das unterschiedliche Verständnis, wie man das Austeilen von Brot und Wein zu begreifen hatte. Eher symbolisch wie die Reformierten oder mehr im Sinne der Realpräsenz wie bei den Lutheranern – darüber hatten sich schon Luther und Zwingli heillos zerstritten. In Karlsruhe hingegen blieb man ruhig und gelassen. Ging es nicht in jedem Fall um die Gegenwart Gottes, um die Teilhabe am Heil, während der Rest Auslegungssache war?

Ein genialer Schachzug, findet auch Pfarrer Hans-Georg Ulrichs, der Beauftragte der Evangelischen Landeskirche in Baden für das Jubiläum. „Der Badener neigt nicht zum Fundamentalismus“, sagt der Theologe, der 2006 schon als EKD-Pfarrer die Fußballweltmeisterschaft betreut hatte. Auch die badische Union wurde zum Sommermärchen: Am 26. Juli 1821 setzten die Verantwortlichen ihre Unterschrift unter die Unionsurkunde, danach gab es nur noch eine „Vereinigte Evangelisch-Protestantische Kirche im Großherzogtum Baden“.

Die feierte am 28. Oktober desselben Jahres zum ersten Mal Abendmahl nach dem neuen Ritus. Statt der Oblaten gab es nun auch für die Lutheraner Weißbrot, derweil die Reformierten theologisch ein wenig mehr Luther-Kost zu verdauen hatten. Ein Geben und ein Nehmen mit einem „Geist der freien Forschung“, der so ausdrücklich in der Unionsurkunde festgeschrieben war.

Erster Prälat der neuen Landeskirche: Literat und Theologe Johann Peter Hebel. Das Gemälde von Karl Agricola zeigt ihn mit einer Frau aus dem lutherischen Markgräflerland. Foto: Pressebild

An der Spitze der liberalen Landeskirche stand ein Literat. Der alemannische Dichter Johann Peter Hebel, von dem Goethe in den allerhöchsten Tönen schwärmte, wurde erster „Prälat“ der neuen Landeskirche. Den Titel trug der geistliche Vorsteher der neuen Kirche, derweil das eigentliche Oberhaupt, wie in allen evangelischen Territorien, der Landesfürst blieb: So sehr die badische Union den Geist der Freiheit atmete, so wenig war die Ablösung von der Staatsmacht gelungen. Die Kirchenverwaltung war Teil des Innenministeriums, die Einberufung der Synode oblag dem Gutdünken des Landesfürsten.

Von den einstigen Gräben, die durch die evangelische Landschaft gingen, ist heute in Baden kaum noch etwas zu spüren. Das anfängliche Grummeln, das es in Teilen der Pfarrerschaft gab, begann bald zu verstummen. Gegner wie der Heidelberger Dekan Johannes Bähr wurden in den Oberkirchenrat nach Karlsruhe berufen und nach dem Tod Hebels 1826 zum Prälaten ernannt. Nur wenige beachten heute noch den Symbolgehalt des Kirchenfensters in der Stadtkirche des kurpfälzischen Wiesloch, wo Martin Luther und der reformierte Johannes Calvin einträchtig nebeneinander abgebildet sind.

„Der Gegensatz zwischen Lutheranern und Reformierten war erstaunlich schnell verschwunden“, sagt Hans-Georg Ulrichs. Es war eher der Streit von Konservativen und Liberalen, der die neue Kirche umtrieb. Im frühen 19. Jahrhundert spaltete sich eine Erweckungsbewegung ab, später kam es zu einer Separation dogmatischer Lutheraner. Zu einer Zerreißprobe wurden die Zeit des Nationalsozialismus und die Verstrickung der Kirche in damalige Machenschaften. Ein dunkles Kapitel, das beim Blick auf 200 Jahre badische Kirchengeschichte nicht ausgespart werden soll.

1952 wurden Baden und Württemberg politisch vereinigt. In der Kommunalreform der 70er-Jahre löste man bewusst auch alte Landkreise auf, sodass es heute in den Grenzregionen viele Kommunen gibt, die badische und württembergische Anteile haben.

Die alten Grenzverläufe von Baden und Württemberg hingegen bleiben im Zuschnitt der Landeskirchen erhalten. Wer immer genau wissen möchte, wo Baden und Württemberg politisch einst lagen, braucht nur auf deren Gebietskarten zu schauen. Ganz ähnlich ist es übrigens mit den katholischen Diözesen Freiburg und Rottenburg-Stuttgart, die fast flächengleich mit den evangelischen Landeskirchen sind. Evangelisch und katholisch: In mancher Hinsicht sind sie halt doch gar nicht so verschieden.

Heiliggeistkirche Heidelberg. Foto: Pressebild epd-Bild/Norbert NeetzHeiliggeistkirche Heidelberg. Foto: Pressebild epd-Bild/Norbert Neetz

„Aus der Trennung heraus!“

Vom 19. Mai bis in den November wird es im Generallandesarchiv in Karlsruhe eine Ausstellung über 200 Jahre badische Landeskirche geben.

Mehr unter www.unisono2021.de