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Die Verzweiflung der Bauern - Klima bedroht Existenz

Seit Jahren zerstört der Klimawandel viele Pflanzen hochgelegener Kaffeeregionen. In Ländern wie Guatemala verlieren die Kaffeebauern ihre Überlebensgrundlage. Die Armut treibt sie zur Flucht in die USA. Mit schlimmen Folgen, wie das Beispiel von Arturo Gonzales zeigt.

Maria und Arturo Gonzales sehen keine Zukunft mehr in ihrem Dorf El Escobal. Foto: Andreas BouekeMaria und Arturo Gonzales sehen keine Zukunft mehr in ihrem Dorf El Escobal. Foto: Andreas Boueke

„Wir bearbeiten den Boden mit Hacken und Schaufeln“, sagt der Kleinbauer Arturo Gonzales. Mit der schmutzigen Hand wischt er sich den Schweiß von der Stirn. „Früher war das Klima hier angenehm kühl, aber jetzt arbeiten wir meist in der Hitze.“ Noch vor wenigen Jahren war die Umgebung des guatemaltekischen Dorfes El Escobal auf über 1500 Meter Höhe ein ertragreiches Anbaugebiet für wertvollen Exportkaffee.

Doch seit die Temperaturen immer weiter steigen, sind die Kaffeefelder nur noch selten von Nebel umhüllt. Vor rund zehn Jahren sind die ersten Sporen des Kaffeerosts auf den Feldern der Region aufgetaucht. Seither hat sich der Pilz schnell verbreitet und einen Großteil der Pflanzen zerstört. „Viele Pflanzen sind krank“, erklärt Arturo Gonzales.

Die Arbeit lohnt sich nicht mehr

„Wenn es auf unserem eigenen Feld nichts zu tun gibt, versuchen wir, auf den Plantagen größerer Landbesitzer Arbeit zu finden. Dort müssen wir die Kaffeekirschen jetzt genau auswählen, weil viele nichts mehr taugen. Das ist mühselig und braucht viel Zeit. So lohnt sich die Arbeit nicht.“

Fast hundert Jahre hat der Kaffeeanbau die Volkswirtschaft Guatemalas geprägt. Arturo Gonzales erinnert sich an Zeiten, als er auf einem Hektar Land 200 Säcke Kaffeekirschen – wie Kaffeebohnen richtig heißen – ernten konnte. Jeder Sack wiegt knapp 70 Kilo. Heute sind so viele Pflanzen krank, dass dasselbe Grundstück nur noch 15, 20 Säcke produziert. „Von dem Verdienst können wir nicht mal genug Dünger kaufen.

Deshalb suchen wir woanders nach Einkommen. Aber die Großgrundbesitzer geben uns keine Arbeit mehr. Sie haben dasselbe Problem. Auch für sie ist der Kaffee nicht mehr rentabel.“

Beim Wiegen der Kaffeekirschen. Die Kleinbauern bekommen nur einen kleinen Teil des Profits aus dem Kaffeehandel. Foto: Andreas BouekeBeim Wiegen der Kaffeekirschen. Die Kleinbauern bekommen nur einen kleinen Teil des Profits aus dem Kaffeehandel. Foto: Andreas Boueke

Die letzten Jahre waren so heiß und trocken, dass auch Pflanzungen im Schatten nur noch wenige Kaffeekirschen produzieren. Deshalb verlassen immer mehr Nachbarn von Arturo Gonzales das Dorf El Escobal. Seine Frau Maria zeigt auf mehrere Hütten, die seit Langem leer stehen. „Als Mutter willst du deine Kinder gut versorgen. Aber oft haben wir nicht mal genug Geld, um ein Glas Milch zu bezahlen. Die Kinder leiden am meisten unter der Armut.“

Jedes Jahrzehnt wird wärmer als das vorherige. Die Klimaveränderungen tragen dazu bei, dass immer mehr Menschen ihre Heimat verlassen.

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Auch der 17-jährige Byron, der älteste Sohn von Maria, hat sich auf den Weg Richtung Norden gemacht, zusammen mit seinem Vater, seinem Onkel und dessen Sohn. Byron erzählt: „Schon als ich klein war, habe ich jeden Tag Geld verdient,“ erzählt der Junge. „Aber der Lohn hier reicht nicht zum Überleben. Deshalb haben mein Vater und ich beschlossen, nach Norden zu gehen.

Ein Kind bei der Kaffeeernte in Guatemala, sie leiden besonders unter dem Hunger. Foto: Andreas Boueke

Ein Kind bei der Kaffeeernte in Guatemala. Die Jüngsten leiden besonders unter dem Hunger dort.  Foto: Andreas BouekeMeine Mutter war sehr traurig. Aber wir hatten keine andere Wahl.“ In Mexiko kam es zur Katastrophe, sagt Vater Arturo. „Es ist uns schlecht ergangen. Mein Bruder wurde ermordet, sein Sohn schwer verletzt, und fast hätten auch mein Sohn und ich nicht überlebt.“ Die Männer wurden überfallen und verschleppt. „Die Entführer haben uns eingesperrt“, erinnert sich Byron. „Sie fotografierten uns und schickten die Bilder an unsere Familien, um Geld zu erpressen. Eine Art Lösegeld für unsere Freilassung.“ Für die Angehörigen in den USA und in Guatemala war das ein Schock. Mutter Maria bekam einen Anruf von Verwandten in den USA: „So erfuhren wir, dass die vier entführt worden waren und wir ein Lösegeld zahlen sollten. 12 000 Dollar. Sie gaben uns 24 Stunden, um das Geld aufzubringen und ihre Leben zu retten.“

Derweil war der Junge Byron den Kriminellen ausgeliefert: „Sie sagten, sie würden uns den Hals durchschneiden, wenn sie das Geld nicht bekommen.“

Bis heute ist die Mutter in El Escobal dankbar für die Solidarität ihrer Nachbarn: „Gott segne all die Leute aus unserem Dorf, die uns geholfen haben. Sie standen Schlange, um uns Geld zu geben. Einige sind sogar auf ihren Motorrädern losgefahren, um Geld aufzutreiben, damit meine Familie überlebt.“

Ermordet auf dem Weg in die USA

Es gelang nicht, das gesamte Lösegeld aufzutreiben. Der Junge Byron erinnert sich an diese Tage wie an einen Albtraum. „Manchmal bekamen wir etwas zu essen. Irgendwann brachten sie uns nach draußen und sagten, sie würden uns in die USA bringen. Doch plötzlich wurden wir überrumpelt und sie schnitten uns die Hälse auf. Wir konnten uns nicht wehren. Fast wären wir gestorben.“

Byrons Onkel hatten die Entführer so tief in den Hals geschnitten, dass er sofort starb. Die Überlebenden lagen blutend im Wald, während niemand in El Escobal wusste, was geschehen war. „Mehrere Nächte lang haben wir auf eine Nachricht gewartet, aber es kam keine“, sagt Maria. „Dann schickte uns jemand ein Foto von der Leiche meines Schwagers.“

Mit einem Finger zieht Byron eine Linie über seinem Hals nach. „Hier sieht man die Narbe. Sie haben die Haut von einem Ohr zum anderen aufgeschnitten.“

Arturo Gonzales konnte seinen Sohn retten: „Gott sei Dank traf ich zwei mexikanische Polizisten, die uns in ein Krankenhaus brachten. Fünf Tage lang waren wir auf der Intensivstation. Ich dachte, ich würde sterben.“ Der Traum von einer besseren Zukunft in den USA war vorerst geplatzt. Einen Monat später kamen die beiden zurück nach El Escobal. Maria war glücklich: „Es war so eine große Freude, als mein Sohn und mein Mann zurückkamen. Dafür danken wir Gott. Es war, als wären sie wiedergeboren worden.“

Für Arturo Gonzales war der misslungene Versuch, die USA zu erreichen, ein finanzielles Desaster: „Wir haben Schulden. Die Bank macht uns täglich Druck. Aber wir besitzen nichts mehr.“ Wahrscheinlich wird der Vater sich deshalb bald wieder auf den Weg machen. „Das Elend ist groß. Von Tag zu Tag wächst der Wunsch, es nochmal zu versuchen. Wenn wir uns nicht wieder auf den Weg machen, nehmen uns die Banken unser Haus weg. Wir schulden noch 40 000 Quetzales, 5000 Euro. Für uns ist das eine unbezahlbare Summe.“ □

Manche Kaffeebauern in Guatemala profiteren von Initiativen für fairen Handel. Arturo Gonzales leider nicht. Was er auf seinem eigenen Feld anbaut, verkauft er an Zwischenhändler, und wenn er auf größeren Plantagen arbeitet, landet der Kaffee bei großen Unternehmen. Ein Großteil des fairen Handels unterstützt vorwiegend Kleinbauern, die in Genossenschaften organisiert sind. Arturo Gonzales aber kennt keine solche Genossenschaft.