Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Welt kommt ins Heim - Pflege im Wandel

FRIEDRICHSHAFEN – In Alten- und Pflegeheimen gibt es zu wenig Pflegekräfte. Corona hat das der Öffentlichkeit gezeigt. Schon jetzt ist der Alltag oft nur durch weitere Pflegekräfte aus anderen Ländern zu leisten. Das bringt viele Herausforderungen mit sich, aber auch Chancen, wie eine Nachfrage des Gemeindeblatts in Pflegeeinrichtungen Friedrichshafens ergab.

Ein Teil der Pflegekräfte des Friedrichshafener Gustav-Werner-Stifts – sie stammen aus Bulgarien, der Türkei, Kroatien, Georgien, der Ukraine, Brasilien, Polen und Deutschland. Foto: Brigitte GeiselhartEin Teil der Pflegekräfte des Friedrichshafener Gustav-Werner-Stifts – sie stammen aus Bulgarien, der Türkei, Kroatien, Georgien, der Ukraine, Brasilien, Polen und Deutschland. Foto: Brigitte Geiselhart

Es sei grundsätzlich nicht schwierig, junge Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen, sagt Christian Muth. „Seit jeher gibt es Menschen, die einen sinnerfüllten Beruf suchen und diesen bei uns finden“, betont der Hausdirektor des traditionsreichen Königin-Paulinenstifts, das seit 45 Jahren von der Evangelischen Heimstiftung getragen wird. Durch den demografisch bedingten Mangel sei es aber schlichtweg notwendig, junge Menschen aus anderen Ländern zu gewinnen.

Diese Sichtweise wird im Gustav-Werner-Stift und im Wilhelm-Maybach-Stift – beides Einrichtungen der Bruderhaus Diakonie – bestätigt. „Wir rekrutieren die Pflegekräfte aber nicht direkt aus dem Ausland. Fachkräfte, die zu uns kommen, leben in der Regel bereits einige Jahre in Deutschland“, sagt Tobias Günther von der Fachbereichsleitung Altenhilfe Region Bodensee-Oberschwaben der Bruderhaus Diakonie.

Auch im städtischen Alten- und Pflegeheim Karl-Olga-Haus kommen die Pflegekräfte nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus der Türkei, aus Italien, Polen, Rumänien und der Ukraine. Aus Togo, Vietnam, Bosnien-Herzegowina, Russland, Slowenien, Tschechien, Kroatien, Kamerun, Serbien oder der Slowakei. Also aus der ganzen Welt, wie die städtische Pressesprecherin Andrea Kreuzer ausführt. „Der Anteil von Pflegekräften mit Migrationshintergrund liegt derzeit bei fast 50 Prozent – Tendenz steigend“, sagt sie. Es sei extrem schwierig, genügend Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern. „Es kommt auch vor, dass wir auf Stellenausschreibungen keine Bewerbungen erhalten.“ Die durchschnittliche Dauer, eine freigewordene Stelle einer Pflegefachkraft zu besetzen, betrage laut einer Studie der Bundesagentur für Arbeit fast 200 Tage. Ausbildungsplätze mit Bewerberinnen und Bewerbern zu besetzen, die bereits in Deutschland wohnen, sei ebenfalls problematisch. Es gebe sehr viele Agenturen, die Pflegende aus anderen EU-Ländern, aber auch aus Drittstaaten vermittelten.

Manchmal gar keine Bewerbung

Positiv vermerken alle Einrichtungen, dass es in der Pandemie nicht mehr Kündigungen gab als sonst. Grundsätzlich bleibe aber das Problem bestehen, dass durch den Wegfall des Zivildienstes viel weniger junge Menschen in Kontakt mit dem Berufsfeld Pflege kämen, betont Helga Raible von der Stiftung Liebenau. Bundesfreiwilligendienst und Freiwilliges Soziales Jahr könnten dies leider nicht auffangen.

Eine positive Nachricht: Ausländische Pflegekräfte werden von den Bewohnern gut angenommen. „Wenn unsere Bewohner erleben, mit welcher Hingabe, Leidenschaft und Nächstenliebe Menschen ihre Arbeit machen, spielt die Nationalität keine Rolle“, so die Erfahrung von Christian Muth.

Grafik: Prawny, pixabayGrafik: Prawny, pixabay

„Schwätzet Sie Schwäbisch?“ Dialekt ist nicht jedermanns Sache – auch nicht für deutsche Muttersprachler. Dennoch: Dass es durch den verstärkten Einsatz von Fachkräften aus dem Ausland vermehrt zu Kommunikationsproblemen mit Heimbewohnern komme, wird in den Pflegeeinrichtungen allgemein bestätigt. „Dies zu leugnen wäre unseriös“, sagt Christian Muth. Auf der anderen Seite gebe es auch neue positive und bis dato unbekannte Phänomene. So freuten sich die Bewohner, wenn sie etwa von einer Buddhistin oder einer Muslima andere Traditionen und kulturelle Prägungen erfahren dürften.

„Ohne die tolle und bereichernde Unterstützung von Menschen aus dem Ausland wäre der vollständige Pflegekollaps längst Realität“, fasst Muth zusammen. „Der politische Druck wird dadurch aber stets gemildert. Man sieht ja, dass es doch irgendwie weiter gehen kann.“ □