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„Die Wirtschaft steht kopf“

Wenige Ereignisse haben die Arbeitswelt innerhalb so kurzer Zeit verändert wie die Corona-Krise. Manche Entwicklungen hat sie beschleunigt, andere gebremst. Im Interview gibt Karl-Ulrich Gscheidle, Wirtschafts- und Sozialpfarrer der Prälatur Reutlingen, Auskunft, wie es mit der Arbeitswelt weitergehen könnte. Die Fragen stellte Martin Janotta.


Pfarrer Karl-­Ulrich Gscheidle hat viel Kontakt zu Unternehmen und Gewerkschaften. (Foto: Pressebild)


Herr Gscheidle, wie hat sich Ihre Arbeit in der Corona-Krise verändert?
Karl-Ulrich Gscheidle: Sehr. Ich ­besuche sonst Unternehmen, Geschäftsleitungen und Betriebsratsvorsitzende in der Prälatur Reutlingen. Das war auf einmal nicht mehr möglich. Aus dem Homeoffice gehen nur Videokonferenzen oder telefonischer Kontakt.

Wie sind Ihre Erfahrungen damit?
Karl-Ulrich Gscheidle: Sehr gut. Wir haben begriffen, dass da Riesenchancen liegen. Es bleibt natürlich wichtig, dass man sich persönlich begegnet. Aber durch die digitalen Möglichkeiten kann ich derzeit weiter Anteil haben an der Erfahrungswelt der Unternehmen. Das ist für mich gut als Ergänzung zu Pressespiegeln und anderen Informationsquellen.


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Wo verändert die Krise die Arbeitswelt besonders?
Karl-Ulrich Gscheidle: Das kann man abschließend noch nicht sagen. Die Wirtschaft steht kopf in allen Bereichen. Es ist nicht harmlos, wenn das Bruttoinlandsprodukt um sechs, sieben Prozent sinkt. Überall gibt es große Herausforderungen. Zum Beispiel bei der Frage, wie die Lieferketten organisiert werden. Da hat sich ja gezeigt, wie verletzlich eine verknüpfte Weltwirtschaft ist.

Bisher haben wir noch keine Massenarbeitslosigkeit. Wie wird sich das Ihrer Vermutung nach entwickeln?

Karl-Ulrich Gscheidle: Wir leben in der Bundesrepublik in einem gut organisierten Sozialstaat mit Instrumenten wie dem Kurzarbeiter-Geld und der Bereitschaft der Bundesregierung und der Landesregierungen, über Kreditvergabe zu helfen. Die Europäische Union wird in ihrem Wirtschaftsraum sicherlich tätig werden müssen. Aber natürlich können die nicht alles auffangen.

Wen trifft es am härtesten?
Karl-Ulrich Gscheidle: Das größte Problem ist das Geld, die Liquidität beim Handel, bei kleinen Unter­nehmen, aber auch bei Künstlern, Journalisten, Freiberuflern. Wenn die keine Umsätze machen, sind das entgangene Einnahmen, die sie nicht einfach kompensieren können.

Sie haben die Kurzarbeit angesprochen. Welche Entlastung schafft sie?
Karl-Ulrich Gscheidle: Sie gibt Zeit. Alle hoffen, dass die Industrieunternehmen so ohne Entlassungen durchkommen. Das scheint weitgehend zu gelingen. Aber die Weltwirtschaft wird sicher mindestens zwei Jahre brauchen, bis sie sich wieder organisiert hat. Da können natürlich noch Entlassungswellen und Insolvenzen im größeren Stil in der Industrie kommen. Politik kann lange unterstützen. Aber sie kann die Umsätze, die die Wirtschaft machen muss, nicht komplett ersetzen, und so ist Kurzarbeit immer nur ein Hilfsmittel in der Not.

Distanzregeln werden uns noch lange begleiten. Was bedeutet das für die Arbeit in Fabriken?
Karl-Ulrich Gscheidle: Die Betriebe haben sich sehr angestrengt, Regeln organisiert, auch für Sozialräume, Kantinen und Toiletten. Die Indus­trie hat da vorbildliche, hohe Standards entwickelt in den vergangenen Wochen.

Was ist mit Großraumbüros, wo ­Distanz schwer herzustellen ist?

Karl-Ulrich Gscheidle: Da wird es Hygienepläne geben und die Arbeitssicherheit wird sicher noch mal erweitert. Auch wir hier im Büro haben solche Pläne und uns genau überlegt, wie weit wir auseinander sitzen, wie der Aufzug benutzt wird und wie man sich im Treppenhaus begegnet.
Kommt der Trend zum Großraumbüro mit der Pandemie an sein Ende?
Karl-Ulrich Gscheidle: Ich weiß nicht, ob das tatsächlich ein Trend ist. Es gibt natürlich manche IT-Betriebe, in denen es keine Büros mehr gibt, jeder höchstens noch einen Spind hat und dann je nach Bedarf kleinere oder größere Räume bekommt. All das ist sehr extrem, weil der Mensch auch in der Arbeitswelt seine kleine Heimat braucht. Das sind eher ­Modeerscheinungen. Der Trend Richtung Homeoffice wird sicherlich eher bleiben als die Rückkehr in Großraumbüros.

Welche Voraussetzungen sind für Homeoffice nötig?
Karl-Ulrich Gscheidle: Homeoffice war in der Krise eine Notlösung, um die Geschäftstätigkeit aufrechtzuerhalten. Es ist ja viel möglich, aber das muss man künftig unter den Tarifpartnern vereinbaren. Da gibt es viele Fragen, die man klären muss. Etwa, wie der Arbeitsschutz greift und ob man am privaten oder einem dienstlichen Computer arbeitet.

Gewerkschaften warnen beim Homeoffice vor einer „Entgrenzung der Arbeit“. Beuten sich die Menschen zuhause selbst mehr aus?

Karl-Ulrich Gscheidle: Das kommt auf die persönliche ­Situation an. Wenn beide Partner zuhause sind und dann noch Kinder haben, ist Homeoffice eine große Herausforderung. Aber für viele kann Flexibilität auch ein Vorteil sein. Man muss Maß und Ziel haben, dass man sein Leben nicht vernachlässigt. Allerdings glaube ich auch, dass es von Vorteil ist, wenn Leute ihre Zeit selbst einteilen können. Wer am Abend besser arbeiten und das organisieren kann, der kann am Vormittag oder Nachmittag etwas anderes tun.

Allerdings fehlt vielen derzeit der Ausgleich zur Arbeit, ob Chorprobe, Reiseurlaub oder der Besuch im Stadion. Ist das ein Problem?

Karl-Ulrich Gscheidle: Im Moment denke ich, dass das noch nicht kritisch ist. Es gibt ja Möglichkeiten, das zu kompensieren. So gehen jetzt viele Leute mehr spazieren. Und es gibt Kreativität, etwa bei den Chören. In Tübingen kriege ich mit, dass die Sänger zuhause ­singen, sich aufnehmen und der Chorleiter fügt das zusammen. Auch die Online-Gottesdienste, die ich beobachtet habe, sind toll. Nach der Krise wird sich das einpendeln. Dann werden die digitalen Dinge hoffentlich weiter­gemacht und gleichzeitig die traditionellen Dinge wieder gepflegt.

Wie kann die Kirche denn die Entwicklungen in der Arbeitswelt begleiten?
Karl-Ulrich Gscheidle: Sie spielt eine wichtige Rolle zur Unterstützung, zur Orientierung und auch als kritische Stimme im Konzert der Zivilgesellschaft. Was wir machen, dass wir direkt persönlichen Kontakt aufnehmen zu Menschen in der Arbeitswelt, ist eine Form der Seelsorge. Das wird wertgeschätzt, bei Gewerkschaftern und bei Unternehmern.

Wie sehr prägt die klassisch pro­testantische Einstellung zur Arbeit die Menschen in unseren heutigen Zeiten noch?

Karl-Ulrich Gscheidle: Wir leben nicht mehr in konfessionalistischen Zeiten, sondern in einer offenen Gesellschaft mit vielen Einflüssen. Protestanten haben natürlich ein gewisses Selbstverständnis, sicher bleiben der Glaube und die eigenen Grundwerte nicht ohne Wirkung, auch für die Berufstätigkeit. Das sehe ich besonders bei Unternehmern. Dass Beruf Berufung ist, ist schon etwas, das die Reformation hervorgebracht hat. Aber das gibt es genauso bei Katholiken oder säkularen Menschen. Was stimmt: Jeder Mensch braucht eine innere Haltung, eine Orientierung, die ihn in seinem Leben, auch seinem Arbeiten, prägt.



Zur Person
Karl-Ulrich Gscheidle, geboren 1957 in Heilbronn, ist Wirtschafts- und Sozialpfarrer in der Prälatur Reutlingen. Der studierte Theologe und Betriebswirt ist einer von drei Pfarrern beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA), einem Fachdienst der Evangelischen Akademie Bad Boll in der Württembergischen Landeskirche.




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