Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die wunderbare Wende

Sie war die Tochter des Posaunenchorleiters Ost, er der Sohn des Posaunenchorleiters West: Seit 2008 sind Ivonne (36) und Jochen Maurer (35) ein Ehepaar und leben mit ihren zwei Kindern in Schlierbach (Dekanat Göppingen). Ihre bezaubernde deutsch-deutsche Geschichte beginnt im Mai 1989, kurz vor dem Mauerfall, der sich am 9. November zum 25. Mal jährt.  

Ivonne und Jochen Maurer: Hochzeit am 8.8.08 in Thüringen. (Foto: privat)

Wenn Margret Maurer (66) sich 25 Jahre später an diese Momente im anderen Teil Deutschlands erinnert, dann fallen ihr vor allem zwei Dinge ein: Wie grau dort die Welt war und wie erstaunt ihr Ehemann, dass sie an der Grenze plötzlich Danke und Bitte sagten: „Es hatte sich etwas verändert, das hat mein Mann gespürt, ohne dass wir wussten, was es bedeutet.“

Auch Ivonne Rohleder und Jochen Maurer ahnten nicht, was auf sie noch zukommen würde. Als sie sich an diesem Wochenende im Mai 1989 in Westerengel erstmals sahen, da waren sie Kinder: Die elfjährige Tochter des Posaunenchorleiters aus Thüringen und der zehnjährige Sohn des Posaunenchorleiters aus Württemberg. Sie spielten miteinander im Chor und draußen auf der Dorfwiese und fanden sich insgesamt wohl recht nett.

So nett jedenfalls, dass sie ein Jahr später eine Brieffreundschaft begannen. Da hatte sich die Welt um sie herum schon vollkommen verändert. Die Mauer war gefallen und die DDR war in Auflösung begriffen. Zum Landesposaunentag 1990 in Ulm kamen erstmals die Rohleders aus Westerengel zu den Maurers aus Schlierbach. Die ganze Familie in einem Trabi, es war eine halbe Weltreise und ein großes Hallo, als sie in Schlierbach eintrafen. Fast acht Stunden hatten sie mit dem Zweitakter für die 400 Kilometer gebraucht.

Vier Jahre dauerte die Briefreundschaft der beiden Kinder. „Ich habe alles aufgehoben“, erzählt Ivonne. Es waren glückliche Zeiten für sie Anfang der neunziger Jahre: Endlich durfte sie überall hin reisen und auch ihren Glauben frei leben. Nun gab es keinen Lehrer mehr, der ihr die Kreuzkette vom Hals riss, weil sie sie versehentlich im Unterricht getragen hatte.

1994 machte sie eine Ausbildung als Arzthelferin, 1997 ging sie als Krankenschwester nach Hannover. Das Leben hatte eine neue Wendung genommen und aus dem Mädchen war eine erwachsene Frau geworden. Die war nun ebenso mit sich und den neuen Herausforderungen beschäftigt wie Jochen Maurer aus Schlierbach. Ihre Brieffreundschaft, sie war allmählich eingeschlafen und Ivonne nun auch nicht mehr regelmäßig dabei, wenn sich die Posaunenchöre trafen.

Als Ivonne Rohleder 2001 von Hannover nach Ditzingen zog, da hatte sie keine Ahnung, dass Schlierbach gerade mal eine gute halbe Autostunde entfernt lag. Ihr damaliger Freund hatte in Würtemberg eine Stelle gefunden und sie war eben mitgegangen. „Mein Vater hat mich draufgebracht, wie nah ich eigentlich bin,“ sagt sie heute und denkt an den Sommer 2001 zurück, als sie den Brieffreund ihrer Kindertage nach Jahren erstmals wiedersah.

Der Posaunenchor in Schlierbach feierte damals Jubiläum und die Ditzingerin war die 60 Kilometer eben mal rübergefahren: Es war der Beginn einer ganz speziellen Wiedervereinigung zweier Menschen, die sich noch immer mochten. Die staunten, wie nah sie einander waren, geographisch und menschlich. Von da an trafen sie sich wieder regelmäßig, „als Freunde“, schließlich waren beide zu dieser Zeit noch mit anderen Partnern zusammen.

Als diese Partnerschaften auseinandergingen, waren sie noch immer Freunde. Beste Freunde. Wann immer es ein Problem gab, konnte Ivonne zu Jochen und Jochen zu Ivonne kommen. Aber Liebe? Nein, bloß nicht, das geht auf keinen Fall! Eine so außergewöhnliche Freundschaft darf nicht durch große, völlig unkontrollierbare Gefühle belastet werden.

Je öfter sie sich das einredeten, desto weniger glaubten sie selbst daran. Ihre Umgebung war ohnehin schon lange der Meinung, dass „die Ivonne und der Jochen“ ein ideales Paar sind. „Einmal hat mein Mann ganz leise gesagt, dass das doch eine Frau für den Jochen wäre“, erinnert sich Margret Maurer.

Es gehört zu den tragischen Seiten dieser wunderbaren Famliengeschichte, das Frieder Maurer 2004 viel zu frü verstarb. Der Bezirksposaunenwart und Leiter des Posaunenchors, der mit so viel Herzblut all die Jahre die Kontakte zu den Rohleders und den Bläsern aus Westerengel gepflegt hatte, er sollte nicht mehr mitereleben, was aus dieser deutschen-deutschen Verbindung noch hervorgehen würde.

2006 ließen Ivonne und Jochen ihren Gefühlen freien Lauf. Sie waren füreinander bestimmt, daran gab es nun keinen Zweifel mehr. Dann ging alles schnell. Die Hochzeitsreise nach Kuba, sie machten sie 2007, noch bevor sie heirateten. „Ein kleiner Scherz“, sagen sie heute, aber tatsächlich teilten sie ihren Nächsten über ein Sandgemälde mit, dass sie ein Ehepaar werden würden. Als sie das Foto verschickten, war die Verwunderung gering, die Freude jedoch riesengroß. Was für eine schöne Geschichte! Die Krönung einer Verbindung, die als Partnerschaft zweier Posaunenchöre im geteilten Deutschland begonnen hatte.

Am 8.8.08 heirateten sie in Thüringen standesamtlich. Die Schnapszahl bugsierte sie mit Foto auf das Titelblatt der Thüringischen Allgemeinen Zeitung. Am 16. August folgte die kirchliche Trauung in Schlierbach, Pfarrer war Ivonnes Onkel aus Westerengel.

Wenig später wurde auch Tochter Lina, heute sechs Jahre alt, geboren. „Sie wächst zweisprachig auf“, lacht Ivonne. Denn so Schwäbisch wie Papa Jochen spricht, so Thüringisch klingt es, wenn die Mama mit ihren Verwandten redet. Auch wenn die inzwischen vierköpfige Familie – Sohn Jonas wurde vor zwei Jahren geboren – heute dauerhaft in Schlierbach wohnt, so sind die Verbindungen nach Westerengel stets intensiv geblieben.

Wann immer man dorthin kommt, sind die Instrumente mit dabei und Ivonne und Jochen spielen mit der gesamten Familie Rohleder bei Geburtstagsfeiern, Jubiläen, Beerdigungen, was eben gerade anfällt. Das Leben auf dem Dorf in Thüringen ist spontaner, unkomplizierter und geselliger als in Württemberg. Das sagt auch Margret Maurer aus Schlierbach. „Wir sind da immer gerne hingegangen, diese Herzlichkeit und Gemeinschaft, man kann einfach kommen und bleibt zum Essen, ohne Ankündigung.“

Manchmal vermisst auch Ivonne die Spontaneität, die Hilfsbereitschaft, die es zu Hause gegeben hat. Das Leben im anderen Teil Deutschlands, es war trister und grauer, aber auch von einem großen Zusammenhalt der Menschen geprägt.

Den findet Ivonne allerdings auch in ihrer Familie in Schlierbach und im dortigen Posaunenchor: Seit vier Jahren machen Ivonne (Trompete) und Jochen (Bariton) gemeinsam Musik und sind dort nun auch als Bläser wiedervereint.