Christliche Themen für jede Altersgruppe

Digitalisierung kritisch sehen - Trend zur Flucht aus der realen Welt

Die christlichen Kirchen müssen der ungebremsten Technisierung der Lebenswelt kritisch gegenüberstehen. Die Digitalisierung verleitet zur Flucht aus der realen Welt. Die Menschen sollen immer mehr mit den Maschinen verschmelzen, bis hin zur digital ermöglichten Unsterblichkeit. Warum rufen die christlichen Kirchen nicht zur Umkehr auf?

Digitalisierung - Technisierung der Lebenswelt. (Foto: Yucel Yilmaz/ Adobe Stock)

Digitalisierung ist zu einem großen Thema in den Kirchen geworden. Dabei werden oft Selbstverständlichkeiten verhandelt wie etwa die, dass neben den Kirchenleitungen auch Gemeinden möglichst einen Internetauftritt pflegen sollten. Doch längst geht es ja beim Pro und Contra zur digitalen Revolution um viel mehr, nämlich um gigantische, ja utopisch anmutende Ziele und um nicht minder große Gefahren. Deshalb sind die christlichen Kirchen aller Konfessionen heute aufgerufen, sich der offenkundigen Ambivalenz des Digitalen zu stellen und kritischen Fragen zur Technisierung aller Dinge ernsthaft nachzugehen, statt die Digitalisierung in den eigenen Reihen offensiv und marktkonform immer weiter voranzutreiben.

Bereitwillige Dienerinnen und Propagandisten der technologisch immer rasanter fortschreitenden Entwicklung sollten sich dessen bewusst werden, dass sie mittlerweile leicht zu benutzten Knechten einer zweifelhaften Technokratie, zu unabsichtlichen Helfershelfern einer problematischen Ideologie werden können, die den Menschen und dem Planeten insgesamt auf die Dauer kaum gut bekommen dürfte. Es geht nicht um irgendwelche Verschwörungstheorien, sondern um Wachsamkeit gegenüber den sich verändernden Werten im Kontext eines sich wandelnden Menschen- und Weltbildes.

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Digitalisierung trägt in sich eine Tendenz zur Flucht aus der realen Welt in virtuell konstruierte Wirklichkeiten, die sich vom Grobstofflichen der „Kohlenstoffwelt“ gern absetzen. Weniger der leibgebundene Mensch in seiner vorfindlichen Geschöpflichkeit wird da als bedeutsam erachtet, sondern im Gegenteil die zunehmende „Erlösung“ aus den materiellen, vergänglichen Strukturen. Wir sollen bald zunehmend immer mehr mit Maschinen verschmelzen, zu Cyborgs werden und schließlich sogar auf digital ermöglichte Unsterblichkeit zusteuern.

» Da wächst eine regelrechte Ersatzreligion empor «

Solche Konzepte verfolgt gewiss nicht jede(r) Netz-Affine, doch indirekt oder direkt liegen sie auf der Linie vieler Technologen im Silicon Valley und in anderen High-Tech-Zentren unseres Globus. Der biblischen Sicht von Mensch und Welt entsprechen sie jedenfalls nicht. Vielmehr wächst da eine regelrechte technokratische Ersatzreligion empor.

Christliche Kirchen haben auch gerade unter diesem Aspekt allen Anlass zu einer kritischeren Wahrnehmung der ungebremsten Technisierung unserer Lebenswelt. Nicht zuletzt die militärischen und totalitären Gefahren, die sich mit der Digitalisierung zunehmend verbinden, gilt es kirchlich zu realisieren und daraus Konsequenzen zu ziehen.

Die katholische IT-Expertin Yvonne Hofstetter hat sie in ihren Büchern „Das Ende der Demokratie“ (2016) und „Der unsichtbare Krieg“ (2019) kundig erläutert. Darüber hinaus stellt dem neuesten Global Risk Report des Weltwirtschaftsforums (2020) zufolge die Unsicherheit im Internet ein erhebliches Risiko auf unserem Planeten dar; die befragten Experten bewerten den Ausfall der Informations-Infrastruktur als zweitwahrscheinlichstes Risiko in den nächsten zehn Jahren. Und trotzdem wird die Digitalisierung auf „Teufel komm raus“ vorangetrieben – etwa in Gestalt digitaler Messgeräte für Strom, Wasser und Heizung in jedem Haushalt und mit dem allvernetzten „Internet der Dinge“.

Führende Forscher fordern inzwischen ein Einhalten und menschheitliche Bewusstseinsveränderung. Warum rufen nicht die christlichen Kirchen zur Umkehr auf, statt dem Zug der Digitalisierung nachzulaufen? Warum appellieren sie nicht vernehmlicher dazu, innezuhalten und mehr Achtsamkeit gegenüber der natürlichen Welt zu üben? Warum thematisieren sie kaum das Leiden mancher Menschen am technischen Fortschritt – namentlich bei Internet-Süchtigen oder Elektrosensiblen? Wo bleibt lutherisch angemessene Kreuzestheologie, die einer technisch faszinierten Herrlichkeitstheologie wehrt?

Es ist an der Zeit für eine Umkehr der Kirchen selbst: weg von verbreiteter Kniefall-Bereitschaft vor den digitalen Götzen hin zu einer inneren Erneuerung aus der Kraft des heiligenden Geistes. Weg von der Stützung einer technikbegeisterten Ideologie des Wachstums und der Beschleunigung hin zur entschlossenen Bewahrung der Schöpfung, die auch gerade durch die Digitalisierung und die bald flächendeckende künstliche Funkstrahlung gefährdet ist. Weg vom Streben nach Künstlicher Intelligenz hin zur Intelligenz des erleuchteten und getrösteten Herzens. Und darum weg von unethischer Rücksichtslosigkeit im technikvernarrten Voranpreschen hin zu einer Wiedergewinnung einer konsequent am Menschen und seiner Würde orientierten Ethik.

 

 

Werner Thiede ist Pfarrer im Ruhestand, Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen- Nürnberg und Publizist (www.wernerthiede.de)  (Foto: privat)

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