Christliche Themen für jede Altersgruppe

Dreigeteiltes Leben

Die politischen Umstürze durch den Arabischen Frühling hatten auch Auswirkungen auf die Christen in Ägypten. Besonders die Herrschaft der Muslimbrüder unter Mohammed Mursi setzte ihnen zu. Die Liturgie des Weltgebetstages wurde von Ägypterinnen verfasst und steht unter dem Eindruck der Umbrüche dort. Salwa Seif aus Kairo hat daran mitgearbeitet und berichtet aus ihrem Land. 


„Christen haben in den letzten Jahrzehnten ein dreigeteiltes Leben geführt“, sagt Salwa Seif aus Kairo. Sie ist studierte Pharmazeutin und Dozentin für Erwachsenenbildung an der Kairoer Evangelischen Theologischen Hochschule. Bis zur ersten Revolution des Arabischen Frühlings, an deren Ende im Jahr 2011 die Absetzung Präsident Mubaraks stand, habe der Präsident das ganze Land mit seinen 80 Millionen Einwohnern kontrolliert, so Seif.

„Christliche wie muslimische Familien wurden in der gleichen Dunkelheit gehalten, die keinerlei Demokratie und Menschenrechte zuließ“, sagt die 56-jährige Mutter zweier erwachsener Söhne. 1980 sei der Islam Staatsreligion geworden. Artikel 18 der ägyptischen Verfassung habe zwar Religionsfreiheit gewährt, aber die christliche Minderheit sei gegenüber den 90 Prozent Muslimen im Land zusätzlich benachteiligt worden.

„Christen haben nie eine leitende Stellung in der Politik eingenommen, und wir hofften, dass sich diese Situation nach der Absetzung Mubaraks ändern würde“, sagt Salwa Seif. Ihre ganze Familie habe sich an den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz beteiligt, ihr Sohn sei dafür extra aus Kanada angereist. Dass die Demonstranten bei ihren Protesten je nach Religionszugehörigkeit Koran und Kreuz in die Höhe hielten, missfiel vor allem den Islamisten. „Und dann kam die Stichwahl am 24. Juni 2012, bei der Muslimbrüder und Salafisten siegten, und Mohammed Mursi mit 51,7 Prozent zum Präsidenten gewählt wurde“, berichtet die Ägypterin. Und auch, dass damit eine der schlimmsten Zeitphasen für Christen gekommen sei. Die Zahl der Muslimbrüder in Ägypten werde auf etwa eine Million geschätzt. „Meine Erfahrung sagt mir, es müssen weit mehr sein“, sagt Seif. Sie seien bewaffnet und „supergut vernetzt“, Hauptsitz sei in Katar. Üblicherweise sei das nachbarliche Verhältnis zwischen den „Muslimen in der Mitte“ und Christen in Ägypten gut. „Mein Mann ist Arzt, in seiner Klinik werden alle Patienten behandelt, die Hälfte unserer Nachbarn im Häuserblock ist muslimisch, es gibt keine Probleme“, sagt die 56-Jährige. Doch dann hätten Muslimbrüder sofort die politische Leitung in den Provinzen besetzt, und dort entschieden sie auch über die Entwicklung des christlichen Lebens, zum Nachteil der Betroffenen. Die Reaktion der Christen: „Wir haben ein 24-Stunden-Gebet in der Höhlenkirche von Moquattam organisiert“, erzählt Seif. Es sei das erste ökumenische Treffen aller Christen der Orthodoxie, der Katholiken und der Protestanten gewesen. „Auch meine 84-jährige Mutter war dabei und hat durchgehalten“, sagt die Kairoerin. Und dass alle für ein Wunder gebetet hätten – das Wunder der Absetzung von Mursi.

 

12.000 Menschen fasst die Höhlenkirche, doch auch vor dem Platz des Gotteshauses hätten Menschen gebetet. Als Mursi tatsächlich am 3. Juli 2013 abgesetzt worden sei, hätten viele – vor allem auch im Ausland – geglaubt, das sei das Ergebnis eines Militärputsches gewesen. „Aber es war der Volkswille“, ist die Christin überzeugt. Sie werde nie müde, das zu sagen. „Denn wir wissen, wenn die Muslimbrüder einmal an der Macht sind, geben sie ihre Macht nie wieder her“, so Salwa Seif.

Salwa Seif hat an der Liturgie zu Weltgebetstag mitgearbeitet (Foto: factum)

Sie war in Stuttgart zu Besuch bei einer Werkstatt zum Weltgebetstag der Frauen. Denn die Liturgie für das ­Gebetstreffen am 7. März stammt aus Ägypten. Die Liturgie wurde im Frühjahr 2011 verfasst und stand unter dem Eindruck der politischen Veränderungen seit der Absetzung Mubaraks und den Forderungen der ägyptischen Bevölkerung nach Freiheit, Brot und Gerechtigkeit. Die politische Lage hat sich seither mehrfach verändert, doch die Liturgie wurde nicht umgeschrieben. Denn die Forderungen und Hoffnungen der Ägypter bleiben aktuell. „In der Bibel steht, gesegnet sei mein Land Ägypten, und deshalb ist unsere Hoffnung auf diese Segnung gerichtet“, sagt Salwa Seif.
Mitte Januar haben die Ägypter über eine neue Verfassung abgestimmt. Durch diese neue Verfassung sollen die Christen in Ägypten mehr Rechte bekommen. Zwar ist der Islam weiterhin die Staatsreligion, es werden jedoch Religionsfreiheit und Schutz vor Diskriminierung garantiert.
Zudem ist das Parlament verpflichtet, in seiner ersten Legislaturperiode ein Gesetz zum Kirchenbau zu verabschieden. Während der Unruhen im vergangenen Sommer waren mehr als 80 Kirchen zerstört worden.