Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Droben stehet die Kapelle“ - Wurmlinger Kappelle

WURMLINGEN (Dekanat Tübingen) – Majestätisch thront sie auf dem Berg: die Wurmlinger Kapelle. Unter azurblauem Himmel an reifen Weintrauben, Wacholderheide und Obstbäumen geht der Weg dorthin vorbei, bis Wanderer schließlich mit Ludwig Uhland still über die Schwäbische Alb, das Ammer- und das Neckartal hinabschauen können.

Im Süden der Wurmlinger Kapelle: Schwäbische Alb mit der Burg Hohenzollern, unterhalb der Quecksee bei Kiebingen. Foto: Anne MerzIm Süden der Wurmlinger Kapelle: Schwäbische Alb mit der Burg Hohenzollern, unterhalb der Quecksee bei Kiebingen. Foto: Anne Merz

Serie

In der Serie „Rauskommen“ stellen wir schöne, spirituelle und informative Wanderwege vor.
Teil 59: Wurmlinger Kapelle.

Wir beginnen mit unserem Ausflug zur Wurmlinger Kapelle mitten in Wurmlingen, dem zweitgrößten Ortsteil von Rottenburg. Im Café Leins in der Unterjesinger Straße erst noch eine kleine Stärkung und gemütliche Einstimmung: Bei Kaffee und einer Rosinenschnecke aus Hefeteig bietet sich ein Plätzchen an zum Sitzen. An einem warmen Tag auch im Freien. Dann machen wir uns auf den Weg und gelangen mühelos dank einiger Hinweisschilder auf den Parkplatz bei der Uhlandhalle, dem Kapellenparkplatz. Von hier beginnt das fünfeinhalb Kilometer lange Kapellenwegle, das großzügig die Kapelle umrundet. Sonnenstrahlen hüllen uns in ihre Wärme. Erwartungsvoll schreiten wir vorwärts, und sogleich bietet sich rechterhand unseren Augen ein herrliches Bild: Im fast schon unwirklichen Blau thront auf dem Berg und still die Kapelle. Staunend geben wir uns diesem Anblick hin. Doch wir gehen weiter geradeaus, vorbei an Schafen, die sich auf der Wiese räkeln. Eines interessiert sich für den sich nähernden Menschen. Und gleich noch eine Überraschung: Bunte Steine säumen dicht hintereinandergereiht die rechte Straßenseite. Kinder aus Wurmlingen haben größere und kleinere runde Steine mit lachenden Gesichtern, Blumen oder anderen Figuren bemalt. Nach einigen Schritten deutet ein kleines Häuschen mit einer Statue auf den Beginn eines Kreuzwegs hin.

Es ist der kürzeste Weg nach oben, vorbei an Lemberger-, Müller-Thurgau- und Schwarzrieslingreben, Apfelbäumen und Wacholderheide: der Kreuzweg. Im spätsommerlichen Grün geht es auf dem asphaltierten und gepflasterten Weg an den vierzehn Leidensstationen vorbei. An Ruhebänken fehlt es nicht, und die Sicht herum ist herrlich. Bereits nach eineinhalb Kilometern stehen wir vor meckernden Ziegen am Fuße des geschichtsträchtigen Bauwerks. Ein Pilgerstempel des Jakobsweges ist am Eingangsportal angebracht. In 474 Metern Höhe angekommen, spüren wir angesichts der vor uns liegenden Weite eine friedliche Stimmung. Die Blicke schweifen in die Ferne über Ammer- und Neckartal und den Schönbuchtrauf. In südlicher Richtung zeigt sich uns – hier auf dem Kapellenberg – die imposante Bergkette der Schwäbischen Alb mit der Burg Hohenzollern. Und wir wollen mehr erfahren über diesen Ort, diese Kapelle.

Wurmlinger Kapelle. Foto: Anne MerzWacholderheide, Wurmlingen, Kappelle. Foto: Anne MerzWurmlinger Kapelle und das Kapellenwegle durch Wacholderheide. Foto: Anne Merz

Einst – das war im Jahr 1050 – ließ Graf Anselm von Calw für sich eine Grabkapelle erbauen. Nach einer Sage ordnete er an, dass nach seinem Tod sein Leichnam auf einem Wagen von zwei jungen Stieren gezogen werde. Dort wo die Tiere anhielten, wünschte er begraben werden. Und weil der Graf am liebsten in freier Natur weilte, wollte er in einer Kirche über seinem Grab so liegen, dass sein Kopf im Freien gebettet sein würde. So soll die Wurmlinger Grabkapelle errichtet worden sein. Die romanische Krypta aus dieser Zeit ist noch erhalten. Danach zerstörte ein Brand im Jahr 1644 den gotischen Kapellenbau. 1685 wurde die heutige barocke Kapelle eingeweiht, die bis Ende des 18. Jahrhunderts als Pfarrkirche von Wurmlingen diente.

Es entstand auch manches Gedicht um die von Wacholderheide und Weinbergen umsäumte Wallfahrskapelle. Das Bekannteste stammt aus der Feder von Johann Ludwig Uhland. Auf langen Wanderungen mit seinen Freunden schrieb der in Tübingen geborene Dichter im Jahr 1805 „Die Kapelle“.

Am 26. April 1787 kommt Ludwig Uhland als drittes Kind in einem gelehrten Elternhaus zur Welt. Mit zwölf Jahren geht er in die Lateinschule und beginnt als Vierzehnjähriger ein Jurastudium an der Tübinger Universität. Seine Leidenschaft jedoch widmet er Literatur und Poesie. Noch während er studiert, schließt er sich dem Dichterkreis um Gustav Schwab und Justinus Kerner an. Mit 18 Jahren schreibt der junge Dichter das berühmte Kapellengedicht, das in drei Strophen die Vergänglichkeit in Poesie fasst.

Im April 1810 erlangt Uhland den Doktortitel der Rechtswissenschaften. Im Alter von 23 Jahren begibt er sich auf Reisen und studiert deutsche und französische Texte des Mittelalters. In den nächsten sieben Jahren erscheinen von ihm Gedichte und Schauspiele. Ludwig Uhland heiratet im Mai 1820 Emilie Auguste Vischer, die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns aus Calw. Emilie hilft ihm, finanziell unabhängig zu werden. Das kinderlose Ehepaar reist gern, sammelt dabei Quellentexte und lernt bedeutende Autoren kennen.

Ende 1829 wird Uhland Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Tübinger Universität. Die Studierenden sind begeistert von ihrem Professor. Uhlands Spezialgebiet ist die Altgermanistik. Weil Stuttgarter Bürger ihn zurückhaben wollen, lässt sich Ludwig Uhland 1832 wieder in den Landtag wählen. Er bringt seine beiden Ämter nicht lange unter einen Hut, und obwohl ihm seine Hochschultätigkeit mehr am Herzen liegt, entscheidet er sich für sein Amt als Abgeordneter. Bis 1838 bleibt er im Landtag tätig.

Foto: Anne MerzWurmlingen, Kappelle, erste Kreuzstation. Foto: Anne MerzEin Schaf am Wegesrand, Uhlands Gedicht auf einer Tafel und die erste Station des Kreuzwegs. Foto: Anne Merz

Schafe mögen keine Stacheln

Ein frommer Abgeordneter adliger Herkunft schlug einmal vor, in jeder Sitzung der Ständekammer zu beten, worauf Uhland entgegnete: „Ich meine, dass es Gott genehmer sein wird, wenn wir in unserem Kämmerlein statt in der Kammer beten.“

So viel zum Dichter des berühmten Kapellengedichtes. Auch wir begeben uns ins Tal hinunter, sagen „Auf Wiedersehen“ zur Wacholderheide. Die gäbe es ohne die Schafe nicht. „Weil Schafe keine stacheligen Pflanzen mögen“, lesen wir auf einer Tafel. Weiterhin freuen wir uns über den herrlichen Sonnentag und begeben uns über das Kapellenwegle an reifen Weintrauben vorbei in Richtung Parkplatz.

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Jeden Sonntag von Mai bis Oktober ist die Wurmlinger Kapelle St. Remigius von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Informationen zu Führungen und Veranstalungen sind beim Wurmlinger Pfarramt erhältlich, Telefon 07472-1790. Man bekommt dort auch einen Schlüssel.