Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Du bucklige Brotspinne!“

Kinder erkennen intuitiv die Kraft der Schimpfwörter. Sie wissen zwar oft nicht, was sie da sagen, aber spüren dabei Macht: So kann man andere verletzen. Wie Eltern darauf reagieren sollten, ist eine Gratwanderung. Zuviel Aufmerksamkeit kann auch das Gegenteil bewirken.

Uups – was habe ich da gesagt ... Kinder lieben an Schimpfwörtern den Kitzel des Verbotenen. Foto: adobe stock/Kittyfly


Da sitzt man friedlich am Steuer – und dann nimmt einem so ein Idiot doch glatt die Vorfahrt. In solch einem Moment des Schreckens und der Ärgers rutscht vielen ein schnelles Schimpfwort raus. „Idiot“ ist da eher noch eine harmlose Wortwahl. Wenn aber die vierjährige Tochter den Kindergartenfreund plötzlich mit „Idiot“ beschimpft, läuten bei den meisten Eltern die Alarmglocken.

„Für viele Eltern ist es ein Schock, dass ihre Kinder eben nicht nur mit Positivem aus dem Kindergarten heimkommen“, sagt Daniela Roth-Mestel. Die „schlimmen Wörter“ werden nicht nur im Kindergarten, sondern auch bei größeren Geschwistern oder Freunden aufgeschnappt. „Auch die Medien spielen eine starke Rolle“, sagt die Erzieherin und Sozialpädagogin.

Seit 25 Jahren bietet sie Fortbildungen für Erzieherinnen und Kindertagesstätten im gesamten süddeutschen Raum an und stellt dabei fest: „Der Umgangston ist rauher geworden.“

Psychologisch betrachtet sind Schimpfen und Fluchen zunächst einmal eine Form der psychischen Entlastung. „Schimpfwörter kanalisieren Ärger und Wut, helfen Dampf abzulassen und dienen letztlich der Selbstregulation“, erklärt Roth-Mestel. Nicht umsonst gibt es Schimpfwörter in allen Sprachen und Kulturen der Welt. Der Psychologe Richard Stephens von der britischen Universität Keele, der sich seit vielen Jahren mit neurologischen Aspekten des Fluchens beschäftigt, bezeichnet Fluchen als „Sprache existenzieller Situationen“; Experimente haben gezeigt, dass Fluchen sogar die Schmerztoleranz erhöht.

 

Ignorieren oder reagieren?

Interessant ist auch, was Malediktologen, also Schimpfwort-Forscher, beim Vergleich unterschiedlicher Sprachen festgestellt haben: die schlimmsten Beschimpfungen einer Gesellschaft lassen Rückschlüsse auf deren größte Tabus zu.

Doch welche Wirkung wollen Kinder mit Schimpfwörtern erzielen? „Jüngere Kinder verwenden Schimpfwörter oft aus reiner Neugierde, weil sie eine Reaktion erproben oder einfach provozieren wollen“, erkärt Daniela Roth-Mestel: „Schimpfwörter haben eine Aura des Verbotenen.“ Gerade kleineren Kindern sei die tatsächliche Bedeutung meist gar nicht klar, sie spüren aber, dass Schimpfwörter eine enorme Kraft haben. Dabei haben sie ein gutes Gespür, welche Wörter verboten sind und wie sie wirken.

Die Frage, wie Eltern auf wütende Schimpfkanonaden, vulgäre Ausdrücke oder schockierende Ausfälle reagieren sollten, ist nicht einfach zu beantworten. Sicher ist für Daniela Roth-Mestel: „Je heftiger die Reaktion der Eltern ausfällt, umso mehr verstärkt das den Reiz von Schimpfwörtern.“ Im Umkehrschluss sollten Eltern deshalb unerwünschte Wörter „erstmal ein Stück weit ignorieren, denn dann wird der Gebrauch langweilig“.

Zugleich dürfe und müsse man aber auch klar machen, welche Wörter erlaubt sind und welche nicht. Indem man erklärt, woher Wörter wie „Behindi“ oder „Schwuchtel“ kommen und was sie aussagen, schärft man den Blick für Diskriminierung. Manche Schimpfwörter erweisen sich auch als Stichwortgeber für die erste Aufklärung.

Dass das nur bei größeren Kindern geht, liegt auf der Hand. „Ein Kindergartenkind ist mit einer detaillierten Erklärung überfordert“, sagt Roth-Mestel. Sehr wohl sollte man aber dem Nachwuchs verdeutlichen: „Das ist kein schönes Wort, weil es andere Menschen verletzt und abwertet.“

Eine witzige Methode der Sprach-Sensibilisierung kann sein, alternative Schimpfwörter zu erfinden oder ein Schimpfwörter-ABC zu entwerfen. Wörter wie „Furzpflaume“, „bucklige Brotspinne“ oder „Stinksockenmorchel“ nehmen Spannung aus dem Thema. Witzige Anregungen bieten „Das verrückte Schimpfwörter-ABC“ von Regina Schwarz oder das Buch „Du hast angefangen – Nein du!“ von David McKee, in dem sich zwei streitende Monster Fantasiewörter an den Kopf werfen. Bei allem Spaß dürfen Eltern aber auch mal die Notbremse ziehen, meint Daniela Roth-Mestel: „Eltern dürfen und müssen auch hier Grenzen setzen.“

Nicht unterschätzen sollten Eltern das eigene Verhalten. „Wenn ich beim Autofahren schimpfe wie ein Rohrspatz, darf ich mich nicht wundern, wenn die Kinder das ebenfalls tun.“ Daniela Roth-Mestel ist Mutter dreier Kinder und weiß selbst, dass es in Stress-Situationen nicht immer gelingt, sich völlig im Griff zu haben. Ihrer Ansicht nach muss das auch nicht sein: „In einem gewissen Rahmen dürfen Schimpfwörter benutzt werden. Denn die Emotionen müssen kanalisiert werden.“

Wichtig ist dabei: Grenzen beachten und nicht den wertschätzenden Umgang über Bord werfen! Wer einmal beobachten will, wie oft im Alltag Schimpfwörter fallen, sollte für ein paar Wochen eine Kasse aufstellen, in die jedes Familienmitglied nach Schimpfwort-Benutzung ein Geldstück einwirft.

Ein Boxsack im Keller tut allen gut

Bei aller Sorge um den guten Ton ist es wichtig, dass Kinder die Möglichkeit haben, ihre Verärgerung, Aggression und Wut rauszulassen. Gerade wenn Eltern und Kinder den ganzen Tag aufeinandersitzen und sportliche Angebote zum Ausgleich fehlen, braucht es Wege der Selbstregulation wie Schimpfzeiten oder körperliche Ventile. „Wir haben zum Beispiel einen Boxsack im Keller“, sagt Daniela Roth-Mestel. Und der tue in manchen Momenten richtig gut. □

 

Anerkennung

Schlechte Gewohnheiten und Schimpfwörter bekommen Kinder frei Haus geliefert – über das Fernsehen. Auch deshalb sollten Eltern ihre Kinder nicht alleine dem Fernsehprogramm überlassen. Jugendliche ordnen sich durch die Verwendung bestimmter Kraftausdrücke einer Gruppe zu. Sie wollen sich dadurch Anerkennung sichern, dazugehören und sich durch ihren Wortschatz von ihren Eltern abgrenzen – die tatsächlich oft nur Bahnhof verstehen.